06. Dezember 2014

Ich beobachte gerade eine Welle der Auseinandersetzung mit Tagebüchern im Netz.

Während ich selbst aus Mangel an Texten, die ich veröffentlichen kann und möchte und aus gleichzeitiger Unfähigkeit, einfach mal ein paar Tage still und unsichtbar zu bleiben, in den Archiven meines eigenen Blogs nachlese, was ich in den Dezembermonaten der letzten Jahre geschrieben habe, und dann feststelle, dass ich scheinbar keinen Schritt weitergekommen bin: die selben Fragen, die selben fadenscheinigen Antworten. Stillstand oder Beharrlichkeit?

Traum vom Meer

Traum vom Meer - Isla volante

Traum vom Meer – Isla volante

Mit jeder Welle näherte ich mich der Ferne, dem Horizont, dem: es-gibt-kein-zurück. Die Möwen über mir spendeten mir Schatten, umkreisten mich ratlos und drehten ab. Ich ließ mich treiben, ich ruderte, ich verlor langsam das Ufer aus der Sicht. Noch ein paar Züge, dann versank ich so tief in meinem Traum vom Meer, dass nichts mehr in mein Bewusstsein drang.

Die kleine Frau verwandelt sich in eine Flaschenpost

Die kleine Frau verwandelt sich in eine Flaschenpost - Isla volante
Die kleine Frau verwandelt sich in eine Flaschenpost – Isla volante

Die kleine Frau steht am Ufer. Verlagert ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Aber es hilft nichts. Sie findet den Rhythmus der Wellen nicht. Diese Kraft, die aus vielen winzigen Einzelheiten eine bedeutsame Bewegung macht.

Sie hat ihre Einsicht ins Meer geworfen und auf dessen Umsicht vertraut. Das Meer aber hat ihre Einsicht einer einsamen Flaschenpost vermacht.

Erst muss man alle Hoffnungen verlieren, dann erreicht einen eine verwaschene Botschaft wie eine Welle, der man sich getrost überlässt.

Morgen

Morgen - Isla Volante
Morgen – Isla Volante

Der Morgen ist die Zeit der Erfindungen. (Nichts ist festgelegt, außer dem Vergessen der Nacht).

Ich bin die Welle und du der Strand, der mich ruft.

Das Vergessen, das uns ausspart und an die frei gewordene Stelle Farben setzt, Farben, die vom Aufbruch sprechen, von Anfang und der Freude, den Tag zu beginnen.

Eine Reise, die unversehens beginnt (erst im Nachhinein nennen wir diesen Ort Anfang oder Morgen), und uns hinaustreibt aufs offene Meer der Fragen (dem wir im Nachhinein den Namen Leben geben).

 

Die Welle

Die Welle - isla volante
Die Welle – isla volante

Ich erinnere mich sehr gut an diese Welle, sagte er und Großmutter lächelte, stellte mir eine heiße Schokolade vor die Nase und schloss leise die Tür. Großvater zündete seine Pfeife an, sah aus dem Fenster und wartete auf die Welle. Es dauerte nie besonders lange, bis sie kam. Und wenn sie kam, brachte sie jedes Mal eine andere Geschichte mit, hinter der man doch das unverwechselbare Gesicht dieser einzigartigen Welle erkannte. Großvaters Welle.

Erst bei seiner Beerdigung habe ich erfahren, dass mein Großvater das Meer nie gesehen hat. Der Welle war das egal.

Nachdenken über Wasser

Wasser besteht, zumindest wenn man es erfassen möchte, nur aus Lichteffekten … und das macht es wiederum zu einem sehr spannenden Motiv“, schrieb mir Haushundhirschblog als Antwort auf einen Kommentar zu einem Bild, bei dem Licht aus den Duschen zu fließen scheint, was mich sehr beeindruckt hatte.

 

Sofort musste ich an Fang Lijun denken, diesen chinesischen Maler, der mich vor Jahren in einer Ausstellung sehr fasziniert hat, sein Hauptmotiv war das Wasser. Also Lichteffekte?

 

Mein Lieblingsbild von ihm bestätigt das, aber da ist noch etwas mehr, Bewegung, Durchlässigkeit.

 

Und dann lese ich dieses Gedicht von Gwendolyn MacEwen, das alles in sich vereinigt.

 

 

Wasser

Wenn man es sich recht überlegt, ist Wasser alles. Oder vielmehr,

 

Wasser wagt sich in alles hinein und verwandelt sich in alles.

 

Es hat

 

Alle nur vorstellbaren Geschmäcker und Launen; Wasser ist Geschichte

 

Und das Ende der Welt ist ebenfalls Wasser.

 

Ich habe Wasser gekostet

 

Von London bis nach Miranshah. In Frankreich schmeckte es

 

Nach den Brustharnischen von Kreuzfahrern, nach Schwertern

 

und Tunneln aus ringen auf Damenfingern.

 

An den Quellen des Libanon war das Wasser

 

Ohne Farbe und hatte daher alle Farben,

 

außerhalb von Damaskus

 

Verkleidete es sich als Schnee und ließ sich zerhacken

 

Und auf die verdutzten roten Sommertrauben löffeln.

 

 

Jahrelang habe ich das Wasser verteidigt, obwohl man mir sagt,

 

es gibt andere Getränke.

 

Wasser wird dich nie belügen, selbst wenn es sich einschmeichelt

 

In fremdes Gebiet. Wasser hat Stil.

 

 

Wasser hat kein Gewissen und keine Scham, Wasser

 

gedeiht mit Wasser, es löscht seinen eigenen Durst.

 

Es schmeckt oft nach Salz und Ammoniak, und immer

 

Weiß es den Weg zurück.

 

 

Wenn du eine sehr weite Reise vorhast, halt es mit den Beduinen –

 

Trink bis zum Überfluß, so oft es geht,

 

und dann

 

Geh sparsam von Brunnen zu Brunnen.

 

 

(übersetzt von Christine Koschel aus dem sehr sehr lesenswerten Band Die T.E. Lawrence Gedichte, erschienen in der Edition Rugerup. Die Setzung hat mein Programm leider nicht übernommen.)

 

 

Vielleicht ist es das, das Wasser hat keine Hemmungen. Keine Hemmungen, sanft zu sein, oder gewaltig. Keine Hemmungen zu leuchten, oder alles Licht zu verschlucken. Leben zu sein, oder Tod. Ohne einen Unterschied zu machen.

 

Wasser – das unsichtbare Licht.

 

Aber, um zum Abschluss Keith Waldrop zu zitieren: „Wir sind nur Wellen, wir wissen nichts vom Wasser.“

 

 

 

 

 

Durchsichtig

Durchsichtig
Durchsichtig – Isla volante

Ich verlaufe mich in mir selbst bis die Zeit mich frisst. Mich über bekommt und ausspuckt. Wir bestiegen ein Schiff. Das Ufer entfernte sich. Das Schiff war groß. Das Meer war größer. Naturgemäß stand über allem der Himmel. Manches wurde durchsichtig auf dieser Reise. Bereit jederzeit die Farbe des Himmels anzunehmen. Vieles hörte auf eine Bedeutung zu haben. Die Möwen verfolgten uns eine Zeitlang. Dann waren wir allein. Mit dem Rauschen, den Wellen, der Nacht. Ich stand an der Reling und sah so allerlei. Ich sah mein Leben verschwinden. Durchsichtig werden, ohne an Undeutlichkeit zu verlieren. Die Welle brach sich am Bug und trieb uns weiter hinaus.