Erinnerungen

Der Tisch im Garten trägt eine weiße Decke aus Raureif. Im Kopf die verfälschte Erinnerung, dass früher alles besser war. Ich stärker, die Dinge klarer. Vielleicht suche ich immer noch dieses alte Ich und kann es nicht finden, weil ich genau das all die Jahre versäumt habe: mich zu ändern. Mich nicht mit liebevoller Verwunderung zurückgelassen habe auf dem Weg.

 

23. November

Das Seltsame ist, wie sie bis dahin angenommen hatte, dass alles linear verläuft, dass das Leben so etwas ist, wie ein langer gerader Weg.

Weil es richtig und falsch gab, und eine stetige Zunahme an Weisheit, als Fähigkeit, alles richtig zu machen.

Eitelkeit

„Es gibt Projekte, die ich schon seit Jahren vereitle. Und es ist nicht im geringsten ein Zufall, dass in diesem Begriff das Scheitern und die Eitelkeit sich vereinen. Was bedeutet, dass der Begriff „vereiteln“ mehr als alles andere (ein schönes Wort, ein treffender Ausdruck etc. pp.) eine Erklärung ist. Den Grund nennt, der ca. 90 Prozent allen Scheiterns zugrunde liegt. Die Eitelkeit. Die Leere eines Egos, das es nicht versteht, von sich abzusehen.“

Das habe ich vor mittlerweile zwei Jahren geschrieben. Es ist ungebrochen aktuell. Was nicht heißt, dass es zwei Jahre lang Stillstand gegeben hat. Es ist wohl vielmehr so, dass man sich kreisend um die Erkenntnisse, um die Lektionen, die man zu lernen hat, bewegt. Ich bleibe dran. Es zu erkennen, ist der erste Schritt, aber ein Ziel kann nicht erreicht werden, höchstens das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Dann kann man im besten Fall jeden einzelnen Schritt würdigen und sich am Weg erfreuen, sogar ab und zu vergessen, wohin er führt.

Ausbruch

Du gehst mir so dermaßen auf die Nerven. Wie du neben mir herschleichst mit diesem Hundeblick. Und warum grinst du so dämlich? Ich kann es mir schon denken, ist ja nicht schwer hinter deine hohle Stirn zu gucken. Das blendende Weiß, die klare Luft und der strahlende Himmel haben es dir angetan. Genieß es nur, solange du noch kannst. Vielleicht kommt etwas Leben in dein Marionettengesicht – jeder Kasper hat mehr Ausdruck in seinem Holzgesicht als du – wenn dir klar wird, dass wir unsere letzten Schritte machen, dass wir auf dem besten Weg sind, geradewegs ins Unheil zu rennen.


Der beseelte Ernst, mit dem du mich jetzt ansiehst, ist auch nicht besser als dein Grinsen.
„Ist diese Stille nicht wunderbar?“
Warum quatscht du dann rein in diese wunderbare Stille?

Meine Mutter meint, du bist genau der Richtige. Soll sie doch mit dir erfrieren. Ihr verklärter und dein dusseliger Blick, eure Köpfe einander zugewandt. Mit steifgefrorenen Gliedern würden wir euch Tage später finden, von der Kälte konserviert. Die gefrorenen Schneepartikel um deine Schläfen würden den Altersunterschied verwischen. Ihr wärt das perfekte Liebespaar.

Du trägst tatsächlich die Mütze, die meine Mutter dir gestrickt hat. Fehlt nur noch, dass du anfängst zu singen. Oder Wunderkerzen aus der Tasche ziehst.

Wenn du wenigstens still sein könntest. Aber du willst reden. Man kann doch über alles reden. Ich will aber nicht. Ich will nicht mit dir reden. Ich will dir nichts erklären und mir nichts erklären lassen von dir.
So kann es nicht weitergehen, sagst du.
Da hast du endlich mal Recht.

Weihnachten in einer einsamen Berghütte. Nur wir zwei.
Und meine Mutter.

Vermutlich brauchst du Anschauungsmaterial über Mütter und Töchter. Du erzählst mir ja nicht mehr, was du schreibst, seit ich dir einmal gesagt habe, wie todlangweilig und ungereimt das war, was du mir vorgelesen hast. Du hast behauptet, dass ich nichts davon verstehe.
Ist das bei euch Dichtern eigentlich wie bei den Popstars? Wer gut aussieht und seine Show abziehen kann, braucht kein Talent? Muss wohl so sein, wie käme sonst jemand wie du auf die Idee zu dichten? Da fallen die falschen Töne nicht jedem sofort auf.

Meine Mutter meint immer, du musst vor Liebe blind sein. Aber ich will verdammt noch mal gesehen werden. Ich will keinen Blinden, sondern einen, der alles sieht, sogar das, was ich nicht zeige. Und der das aushält und dann sagt: du bist ein Miststück, aber ich liebe dich. Das kannst du nicht. Das könntest du nie.

Den Ring hast du schon vergessen. Du hast mir wieder einmal verziehen. Dabei habe ich deinen Ring nicht verloren, nicht einmal absichtlich. Ich bin nicht so schnell, wie du denkst. Alle meinen dich beneiden zu müssen, um deine Ruhe, deine Ausstrahlung. Dabei ist es wie mit meinen langen Beinen, nur außen eben, nur Oberfläche. Ich kann nicht weglaufen und in dir drin ist nichts. Das ist es, was du wirklich ausstrahlst. Nichts berührt dich, nichts bringt dich aus der Ruhe, weil du nichts verstehst.
Sag schon was, sag schon was, du versuchst deinen beschränkten Sprachschatz durch die Häufigkeit deiner Wiederholungen auszugleichen. Wie ein Papagei.

Das geht nicht in dein Dichterköpfchen, dass jemand einfach nicht mit dir reden will. Dabei kann man mit dir über alles reden. Du hast Verständnis. Für meine Mutter, die sich keinen Film ansehen kann, ohne zu Heulen, für den Hund, der den Teppich voll kotzt, für deinen Bruder, der sich gerade von seiner schwangeren Frau trennt.
Mit dir kann man reden. Kunststück, wo du doch nichts verstehst.

Schweigen kann man jedenfalls nicht mit dir. Wie mir das auf die Nerven geht, dass deine Blicke mich ständig durchbohren. Einen Fuß vor den anderen setzen im Schnee, einsinken, herausziehen, einsinken, dass kann man auch nicht mit dir.

Mit dir zusammen zu sein, ist einfach nicht schöner als allein zu sein.

Das Reh, das in panischer Angst über die Lichtung prescht, findest du niedlich. Vermutlich hast du den vorausgegangenen Schuss auch niedlich gefunden, wie Jäger überhaupt niedlich sind. Jäger und Haufen von toten Hasen und ein Reh in Todesangst und natürlich die kleine Blonde mit der Zahnlücke. Hast du das wirklich nicht gesehen, dass ihre Zähne so weit auseinander standen, dass du deinen Bleistift durch die Lücke hättest schieben können? Oder war es gerade das? Niedlich. Eine niedliche Zahnlücke.
Sollen sie glücklich werden mit dir und deinem debilen Dauergrinsen, deine niedlichen Schlampen. Der Schnee wird es für sie einfrieren und sie können sich einbilden, dass du lächelst, weil dein letzter Gedanke ihnen galt.

Ich jedenfalls gehe jetzt dahin, wo meine Gedanken längst sind. Zwei Füße, die ihren Weg zum Ursprung zurückverfolgen.
Du wirst deinen Weg schon finden. Und später kann ich immer noch meine Mutter schicken, um dich zu suchen.

[Dichtungsring 2007 – obwohl dieser Text schon so alt ist, liebe ich es immer wieder, ihn vorzulesen]

Der Weg zurück

Ihre Füße stehen in einer Pfütze. Niemand beachtet sie. Niemanden kümmert, dass ihre Lippen blau angelaufen sind von der Kälte, dass sie zittert, weil sie bis auf die Haut nass ist. Die Straßen sind menschenleer, und die Frauen hinter den Gardinen haben kein Interesse an schmutzigen fremden Kindern.

Käme jemand, müsste sie ihm ausweichen. Niemand wird sie suchen, auffordern nach Hause zu gehen, ein heißes Bad zu nehmen und trockene Kleider anzuziehen. Es hat lange gedauert, aber endlich hat sie vergessen, wo sie ist.

Selbst wenn sie wollte, würde sie den Weg zurück nicht finden.

Ein Hemd aus Erwartungen

Zieh dir ein Hemd aus Erwartungen an, glaube nicht, dass es wärmt und geh los. Es ist beinah egal, wohin du gehst, mit der Zeit werden dir einige Erwartungen in die Haut wachsen, andere werden vergehen und unbemerkt irgendwo auf dem Weg liegen bleiben.
Mach dir keine Gedanken darüber, geh weiter, andere werden kommen. Solche, die dir genauso wenig passen und manchmal vielleicht auch eine, die sich anfühlt, als würde sie zu dir gehören, als wäre sie nur für dich gemacht. Und du wirst versuchen, sie aus deinem Hemd zu lösen, denn wie sollst du ihr nachlaufen, wenn sie dir am Leib klebt? Und das möchtest du doch so gerne. Lieber als alles andere, einer Erwartung nachlaufen, die mächtiger ist als du, weil du dir einbildest, du könntest daran wachsen, aber in Wirklichkeit reißt du dir nur ein Loch in dein Hemd. Das sieht erbärmlich aus, glaub mir, aber flicken kann man es nicht.

Blick zurück

Wir liegen in unseren Vergleichen. Wir liegen daneben. Neben den Vergleichen. Zwischen den Zeiten. Bilden uns ein, wir möchten uns halten. (einander halten, das muss Liebe sein und loslassen nur ein Los, das wir den anderen überlassen)

Dann aber kommt dieser Moment. Kein Augenblick, denn deine Augen hast du längst verschluckt. In deinen Briefen steht, sie hängen in den Ästen und warten nur auf mich. Dabei weißt du so gut wie ich, dass du nur über sie stolpern würdest.

Wie setzt man die Schritte dorthin, wo es keinen Weg gibt. Und, siehst du, das ist das Unglück, dass immerzu Fragen zwischen uns stehen und Gedanken. All das versperrt uns den Blick. Und vielleicht war es das Klügste, was du tun konntest, als du deine Augen verschluckt hast. Und mir, ohne deine Augen, bleibt der Blick zurück.