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Das  Verborgene, das sich hinter sieben Bergen in einen gläsernen Sarg legt. Und wartet.

Warten

Du musst die Träume von den Bäumen pflücken, sagte ihr Vater. Aber du darfst sie nicht anschauen. Lege sie in einen gläsernen Sarg und begrabe sie unter dem Laub des Lebens.
Dann musst du warten, sagte er. Ein ganzes Leben lang haben wir dir beigebracht, wie Warten geht. Das Warten ist der einzige Weg, den jeder betreten kann.
Deine Mutter, sagte ihr Vater, die glaubt an Flügel, an Engel, an den Wind. Aber das sind nur andere Namen für das Warten, glaub mir.
Es ist wichtig, dass eine glaubt, wenn sie wartet. Dann verlieren die Träume die Farbe und ergeben ein Bild.

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Die eigenen und die fremden Ängste. Und wie sich das zuweilen vermischt.

Einer geht fort und ein anderer kehrt zurück. Eine wartet so viele Jahre lang und eine andere sieht sich konfrontiert mit dem Ende des Wartens.

Den Verwandlungen denen wir anheim fallen, und nicht immer können wir sie mit Verwunderung annehmen, zuweilen ergreift uns Verzweiflung. Ein Wort stehen lassen, unbeantwortet, unbewertet. Und auf einmal entsteht ein Raum. Vielleicht können wir seine Weite und Behaglichkeit fühlen, bevor wir ihn mit der Enge unserer eigenen Leere bevölkern. Der Traum und sein alter Hut. Das ist die Geschichte vom Hutmacher, der sich nach sieben Jahren in einer Dachkammer wiederfand. Verwickelt in die eigenen Überlegungen. Der Graben in seinem Gedächtnis, und mit welchen Erwartungen, Enttäuschungen er ihn überbrückt.

Umdrehen

Eine Verschwiegenheit lag in der Luft, verschloss Fenster und Türen vor dem Geflüster, das sich sehr langsam, sehr vollständig über alles legte, was bewegungslos war. Die Vögel flohen vor dem Geflüster in den Bäumen, die nächtlichen Schatten standen unruhig vor den geschlossenen Fenstern.

Am See, am kleinen Weiler am Dorfrand, dort wo letztes Jahr ein Mann von dem niemand viel mehr als den Namen wissen wollte, ins Wasser gegangen war, stand sie, flocht ihre Zöpfe, wartete darauf, dass die Wolken den Mond freigaben.

Wartete vielleicht auf Erlösung, auf das Schweigen der inneren Stimmen. Im schwarzen Wasser spiegelte sich ihr Gesicht. In jeder Falte eine Erinnerung und niemand außer ihr, der sich besinnt. Ihr Gesicht war unterteilt in mehrere Schichten, Geschichten, in denen sie mehr oder weniger eine Rolle gespielt hatte. Vergangene Geschichten, die nie vollständig vergehen. Tut es weh, wenn du dich umdrehst?

Was für eine Frage. Natürlich tut es weh.

Niemals hätte sie sich umgedreht, dumm und schmerzunempfindlich wie Lots Frau, wie Orpheus.

[Matrix 33-34, 2013]

 

Zum ersten Mal

Zum ersten Mal - Isla volante
Zum ersten Mal – Isla volante

Eines Tages bemerkt sie, wie ihr Bauch anschwillt, wie sie etwas vollkommen anderes sein will, als sie ist.
Nachts schleicht sie sich aus dem Haus. noch wagt sie nicht, die Bars zu betreten, noch glaubt sie, dass es möglich sein muss, jedem zu gefallen. Sie schläft kaum noch. Sie fürchtet die Träume. Die Fehler, die sie unwillkürlich in den Träumen begeht. Sie blutet. Sie hat Schmerzen. Der Bauch bleibt geschwollen. Sie spricht mit niemandem darüber. Sie sucht keinen Arzt auf.
Dann, ohne es geplant zu haben, packt sie einen Koffer. nimmt ein wenig Geld und verlässt das Haus.
Die Nacht ist warm, Wolken bedecken den Mond. sie geht zum Hafen. aber sie hält sich abseits. Sie beobachtet. Es gibt nichts zu sehen. Ein Schiff liegt ruhig und verlassen am Steg. Die Möwen schlafen. Sie wartet. Sie weiß nicht worauf sie wartet, aber sie spürt, dass sie das richtige tut.
Vielleicht zum ersten mal. Sie lächelt.

Warten

Warten - Isla volante
Warten – Isla volante

 

Das Meer sagt ich solle das Warten vernachlässigen, nicht mich. Die Wellen sind eine Selbstverständlichkeit, weil sie mit dem Mond spielen, nicht weil sie ihm gehorchen. Stille, sagt das Meer, gibt es im Überfluss, genau wie Zeit. Und das alles liegt ganz allein in mir. Wenn ich das Warten aufgebe und es kaum noch erwarten kann, einfach nur zu sein. Wie die Wellen, die Farben, das Meer. Wie die Bilder der Isla volante.

Eine Art Tagebuch

Einst fielen mir drei Frauen zu und der Glaube sie sprechen, leben, leiden, vielleicht sogar lachen und lieben lassen zu können. Ich mochte jede von ihnen. Jede auf ihre Art. Sie hatten es nicht leicht. Sie hatten mich. Ich schrieb.
Aber ich schrieb nicht wie die Duras, vor ihrer rückhaltlosen Aufrichtigkeit fürchtete ich mich schon beim Lesen. Ich schrieb weiter, aber ich schrieb nicht wie die Didion. Mir fehlte der Intellekt für politische und strategische Zusammenhänge. Mir fehlte der Blick über den Tellerrand. Ich wartete auf diese Szene am Strand, wo Inez Viktor (geborene Christian) auf Jack Lovett wartet. Und wenn ich nicht gestorben bin, dann warte ich noch heute.