Projektionsflächen der Wahrheit

„Das, was er schrieb, wurde entweder eine Projektionsfläche, die etwas verbarg, oder machte es möglich, die Wahrheit zu sagen.“ (Per Olov Enquist)

Da wo bei anderen Geschichten sind, ordentlich nach Jahren sortierte Begebenheiten, zu dem jeder ein weiteres Detail hinzufügen kann, ist bei mir ein grauer Brei, eine undurchdringliche Masse. Als hätte es mich nicht gegeben. Höchstens eine Stellvertreterin von mir, die auf den Fotos abgebildet ist. Nie ein Foto von Kindergeburtstagen. Als wären allein die Geburtstage der Erwachsenen gefeiert worden. Mit viel Alkohol. Und Tränen.

Vielleicht sind es die Tränen. Die geweinten und die ungeweinten Tränen, die aus den klaren Erinnerungsbildern über die die anderen verfügen, bei mir grauen Brei gemacht haben.

Passolini

Die Gefahr, sich unbeliebt zu machen, jagte mehr Angst ein als die alte Gefahr, die Wahrheit zu sagen. Überhaupt war die spezialisierte Kultur ihrer Zeit würdig: ihre innere Organisation war längst zu etwas definitiv Pragmatischem geworden: intellektuelle Produkte waren wie alle anderen: sie definierten sich durch Erfolg oder Mißerfolg […] Die einzige Wirklichkeit, die mit dem Rhythmus und der Atemlosigkeit der Wahrheit pulsierte, war die – erbarmungslose – Wirklichkeit der Produktion, der Sicherung des Geldwerts, der Erhaltung der alteingesessenen und für die neue Macht unabdingbaren Institutionen.

(Pier Paolo Passolini)

(7)

Irgendetwas frisst die Wahrheit. Und dieses Etwas ist sehr hungrig. Seine Sätze sind klar und kurz. Es holt alles aus dir heraus, und wirft es dieser angeblichen Wahrheit vor, die es blass macht und grau und klebrig und uneindeutig. Verunsichernd. Und entschieden leblos.

23. Dezember 2018

I

Mein Denken ist der Ausläufer eines Tiefdruckgebietes. Weil ich das nie gelernt habe: Alt werden, verschwinden.

Wir träumen uns aus den Zusammenhängen hinaus in Klischees. Wir suchen bedingungslos unser Recht Das Fohlen der Wahrheit.

II

Wir sind die Ausläufer eines seelischen Tiefdruckgebietes. Unfähig zu begreifen, was wir tun. Wir halten einander gefangen in Denkgebäuden, in denen es weder heiß noch kalt wird. Die uns zu schützen scheinen gegen die Unbill der Welt.

02

Was tun wir mit der Sprache? Legen wir uns hinein, und lassen uns forttragen ans andere Ufer der Fantasie? Oder werden wir so genau, dass in manchen kostbaren Momenten eine Wahrheit aufblitzt, die weit über uns hinausgeht?

Melodie

Alles, was sie sagte, hatte eine bestimmte Melodie. Ich war so süchtig nach dieser Melodie, dass ich mich nach Kräften bemühte, den Inhalt ihrer Sätze zu überhören. Sie warf mir vor, ihr nicht zuzuhören, was gleichzeitig wahr und weit von der Wahrheit entfernt war.

Erzähl mir von deiner Kindheit, sagte sie, und ich konnte nur daran denken, wie die Mondlandung der Apollo 11, mir den Mann im Mond gestohlen hatte, wie diese Bilder meine Kindheit so weit beschädigt hatten, dass ich mich gezwungen sah, erwachsen zu werden, oder jedenfalls in dieses sehr undurchsichtige Gebiet der Adoleszenz aufzubrechen. Ich nahm es meinen Eltern persönlich übel, dass sie mich nicht vor diesen Bildern geschützt hatten und redete wochenlang nicht mit ihnen

„Ich hatte keine Geschwister. Meine Eltern sind heute noch miteinander verheiratet“, sagte ich. Natürlich war sie enttäuscht. Vielleicht war sie überhaupt nur mit mir zusammen, um enttäuscht zu werden.

Die Kaffeemaschine gab in unregelmäßigen Abständen Knackgeräusche von sich. Schritte aus dem Treppenhaus näherten sich der Tür und verstummten wieder. Ein Hund bellte. Ein Kind schrie. Sie trank ihren Kaffee in sehr kleinen Schlucken. Ich wurde nervös. Sie schwieg beharrlich. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Ich wollte diese Melodie wieder hören. „Ich möchte dich meinen Eltern vorstellen“, sagte ich, „lass uns am Wochenende zu ihnen fahren.“

Sie riss die Augen auf, starrte mich an. Dann brach sie in unbändiges Gelächter aus. Und als sie endlich wieder sprach, war die Melodie verschwunden.

Die Erzählung unseres Lebens

In ihrer Leipziger Poetikvorlesung (nachzulesen in der Neuen Rundschau Heft 1 2017) schreibt Doris Dörrie:

„Wir alle schreiben ständig an der Erzählung unseres eigenen Lebens, unserer story. Ich fing mit drei Jahren an, mir die Story des verstoßenen Kindes zuzuschreiben, das einsam und verlassen in der Welt ist.

Mit den Fakten hat diese Story nur bedingt etwas zu tun, wohl aber mit dem eigenen Gefühl. Und ganz gleich, wie sehr meine Eltern sich Mühe gaben, mir dieses Gefühl zu nehmen, besondere Dinge mit mir unternahmen, damit ich mich nicht vernachlässigt fühlen sollte – sie kamen nicht mehr gegen meine Story an.

Ich bestand auf ihr, war verletzt und beleidigt, isoliert und einsam. Auf jedem Foto aus der Zeit schaue ich wie ein waidwundes Reh -, aber irgendwann begriff ich, dass ich jemand anders sein konnte, wenn ich nicht die Welt um mich herum betrachtete, sondern mich in den eigenen Kopf zurückzog. Ich konnte mich verwandeln!“