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Ich verband mein Gesicht mit mehreren Schnüren Wahrheit.

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Irgendetwas frisst die Wahrheit. Und dieses Etwas ist sehr hungrig. Seine Sätze sind klar und kurz. Es holt alles aus dir heraus, und wirft es dieser angeblichen Wahrheit vor, die es blass macht und grau und klebrig und uneindeutig. Verunsichernd. Und entschieden leblos.

23. Dezember 2018

I

Mein Denken ist der Ausläufer eines Tiefdruckgebietes. Weil ich das nie gelernt habe: Alt werden, verschwinden.

Wir träumen uns aus den Zusammenhängen hinaus in Klischees. Wir suchen bedingungslos unser Recht Das Fohlen der Wahrheit.

II

Wir sind die Ausläufer eines seelischen Tiefdruckgebietes. Unfähig zu begreifen, was wir tun. Wir halten einander gefangen in Denkgebäuden, in denen es weder heiß noch kalt wird. Die uns zu schützen scheinen gegen die Unbill der Welt.

02

Was tun wir mit der Sprache? Legen wir uns hinein, und lassen uns forttragen ans andere Ufer der Fantasie? Oder werden wir so genau, dass in manchen kostbaren Momenten eine Wahrheit aufblitzt, die weit über uns hinausgeht?

Melodie

Alles, was sie sagte, hatte eine bestimmte Melodie. Ich war so süchtig nach dieser Melodie, dass ich mich nach Kräften bemühte, den Inhalt ihrer Sätze zu überhören. Sie warf mir vor, ihr nicht zuzuhören, was gleichzeitig wahr und weit von der Wahrheit entfernt war.

Erzähl mir von deiner Kindheit, sagte sie, und ich konnte nur daran denken, wie die Mondlandung der Apollo 11, mir den Mann im Mond gestohlen hatte, wie diese Bilder meine Kindheit so weit beschädigt hatten, dass ich mich gezwungen sah, erwachsen zu werden, oder jedenfalls in dieses sehr undurchsichtige Gebiet der Adoleszenz aufzubrechen. Ich nahm es meinen Eltern persönlich übel, dass sie mich nicht vor diesen Bildern geschützt hatten und redete wochenlang nicht mit ihnen

„Ich hatte keine Geschwister. Meine Eltern sind heute noch miteinander verheiratet“, sagte ich. Natürlich war sie enttäuscht. Vielleicht war sie überhaupt nur mit mir zusammen, um enttäuscht zu werden.

Die Kaffeemaschine gab in unregelmäßigen Abständen Knackgeräusche von sich. Schritte aus dem Treppenhaus näherten sich der Tür und verstummten wieder. Ein Hund bellte. Ein Kind schrie. Sie trank ihren Kaffee in sehr kleinen Schlucken. Ich wurde nervös. Sie schwieg beharrlich. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Ich wollte diese Melodie wieder hören. „Ich möchte dich meinen Eltern vorstellen“, sagte ich, „lass uns am Wochenende zu ihnen fahren.“

Sie riss die Augen auf, starrte mich an. Dann brach sie in unbändiges Gelächter aus. Und als sie endlich wieder sprach, war die Melodie verschwunden.

Die Erzählung unseres Lebens

In ihrer Leipziger Poetikvorlesung (nachzulesen in der Neuen Rundschau Heft 1 2017) schreibt Doris Dörrie:

„Wir alle schreiben ständig an der Erzählung unseres eigenen Lebens, unserer story. Ich fing mit drei Jahren an, mir die Story des verstoßenen Kindes zuzuschreiben, das einsam und verlassen in der Welt ist.

Mit den Fakten hat diese Story nur bedingt etwas zu tun, wohl aber mit dem eigenen Gefühl. Und ganz gleich, wie sehr meine Eltern sich Mühe gaben, mir dieses Gefühl zu nehmen, besondere Dinge mit mir unternahmen, damit ich mich nicht vernachlässigt fühlen sollte – sie kamen nicht mehr gegen meine Story an.

Ich bestand auf ihr, war verletzt und beleidigt, isoliert und einsam. Auf jedem Foto aus der Zeit schaue ich wie ein waidwundes Reh -, aber irgendwann begriff ich, dass ich jemand anders sein konnte, wenn ich nicht die Welt um mich herum betrachtete, sondern mich in den eigenen Kopf zurückzog. Ich konnte mich verwandeln!“

Wahrheit

Die Suche (das Bohren) nach Wahrheit hielt mich am leben. Das Geheimnis meiner Angst. Was ist das für ein Geheimnis seit der Kindheit? Es hat mit Feindseligkeit zu tun – etwas stimmt mit mir nicht.

(Louise Bourgeois)

Narben

Man denkt ja nicht, dass es auch ganz anders sein könnte, in solchen Situationen und noch weniger, dass es sich ändern wird. Dass schon bald alles ganz anders aussehen wird. Weil das so ist mit der Wahrheit, wie mit diesen optischen Täuschungen. Je nachdem aus welchem Winkel man guckt, erscheint ein anderes Bild.

Das ist es, was einen so wehmütig macht, wenn man sich erinnert. Einerseits. Was einem aber auch Mut macht, weil man begreift, dass man auch über schwere Zeiten hinweg kommt. Dass selbst der schlimmste Kummer, wenn nicht vergeht, so doch wenigstens verblasst, wie eine Wunde, die sich schließt. Und die Narbe, die später an die große Verletzung erinnert, tut nur noch selten weh. Nur bei Wetterumschwung zum Beispiel.

 

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Vielleicht brauchen wir auch darum Geschichten, um von Zeit zu Zeit zu vergessen, dass es keine Wahrheit gibt. Das alles nur eine Geschichte ist, die wir uns erzählen. Eine Geschichte, die man auch ganz anders erzählen könnte.