Schlafen V

Nur Sprache gibt es nicht. Aber andere Räume, andere Elemente in denen sich das Denken entfalten kann. So behandelt Monika Rinck das Phänomen des Schlafens von der Schlaflosigkeit über den luziden Traum zur Hypnose. Beim Schlaf muss ich unwillkürlich an Anne Carsons Essay in „Decreation“ denken, in dem sie den „Lesarten des Schlafs“ nachgeht. Inspiriert von Virginia Woolfs „Zum Leuchtturm“ stellt Carson die Frage, was der Schlaf sieht, wenn er uns ansieht, und verbindet (ganz im Sinne Rincks) Schwimmen und Schlafen: „Wie Schwimmer, die ihre Bahnen durch einen nächtlichen See ziehen, kreuzen Fakten aus der Tagwelt diese Phänome […] die Nacht taucht weiter, in ihre eigenen Ereignisse vertieft.“ Das sind Beschreibungen davon, wie Woolf in „Zum Leuchtturm“ von der Schlafseite her die Geschichte der Familie Ramsay erzählt, und ihren Lesern laut Carson einen besonderen Blick erlaubt: „Nämlich die Leere in den Dingen, ehe wir unseren Nutzen aus ihnen ziehen, einen Blick auf die Wirklichkeit vor ihren Wirkungen.“ Das ist vielleicht auch, was Rinck meint, wenn sie von der „Nähe des Denkens zu seinem Gegenstand“ schreibt. „Wir erleben im Schlaf eine Diversifizierung der Logik, in zwingende Argumentationen, deren Schlüssigkeit durch ihre Unverständlichkeit nicht geschmälert, ja, überhaupt nicht angetastet wird. Und ich fragte mich immer: Wenn man all das kennt und Nacht für Nacht diese Labore der Alogik und Algen betritt – ist dann noch ein einziges Gedicht unverständlich?“

Leerstellen, Blasen

  1. Tag

Schon in den Stationen taucht der Schlaf auf. Ketten aus Schlaf ist der Titel des ersten Gedichts.

Der Schlaf, zeigt Carson an Virginia Woolfs „Fahrt zum Leuchtturm“, ist ein Urzustand, eine Leere, und als solche noch voller Möglichkeiten, eine Art Wirklichkeit, die gerade darum so wirklich ist, weil sie durch keinerlei Ausdruck begrenzt worden ist. Genau an der magischen Grenze zwischen Nichts und Etwas. Wahrnehmbar, spürbar, aber nicht zu fassen.

 

Mühelos (traumwandlerisch trifft es in diesem Zusammenhang vielleicht besser), gelingt es Carson Brücken zu schlagen von den eigenen Träumen zu antiken Riten (Asklepidos), von Virginia Woolf zu Homer, von Kant zu Monica Vitti.

Der Schlaf fungiert als Leerstelle, als Möglichkeit etwas zu erkennen, das wir nicht fassen können. „Nämlich die Leere in den Dingen, ehe wir unseren Nutzen aus ihnen ziehen, einen Blick auf die Wirklichkeit vor ihren Wirkungen.“

 

Ich glaube das will Carson in diesem Buch, diese Leerstelle umkreisen, diese Blase beschreiben.

So schreibt sie z.B. über Longinus Abhandlung vom Erhabenen: „Man schließt die Lektüre dieser vierzig (unvollendeten) Kapitel ohne eine klare Vorstellung davon ab, was das Erhabene denn nun eigentlich ausmacht. Aber ihre Dokumentationstechnik elektrisiert.“

 

Und ich habe das Gefühl, sie beschreibt eigentlich ihre Art zu schreiben.

Carson erzählt nichts nach und eignet sich nichts an, vielleicht weil sie immer ihre eigene Definition eines Zitats im Kopf hat, „Ein Zitat (das als englisches quote mit der Quote [quota] zusammenhängt) ist ein Abschnitt oder Ausschnitt, das Stück einer Orange, die einem nicht gehört. Man saugt das Stück aus, wirft die Schale weg, läuft weiter. Das Vergnügen an einer Dokumentation spiest sich zum Teil daraus, dass ihr etwas von Gaunerei anhaftet. Jemandes Leben oder Sätze zu plündern und dabei mit einem Standpunkt davonzukommen, den man „objektiv“ nennt, weil sich alles in ein Objekt verwandeln lässt, wenn man so damit umgeht, ist aufregend und gefährlich. Sehen wir uns an, wer die Kontrolle über diese Gefahr hat.“

Genau das tut sie ständig, sie sieht sich an, wer die Kontrolle hat.

Sam Anderson schreibt in der New York Times über Carson: This, I think, is the best catchall description of Carson. Wherever she goes, whatever she does, she is always a “visiting [whatever].”

Es ist dieses Verhalten Carsons als Besucherin, zurückhaltend, eben wie jemand, der die Dinge ansieht, ohne sie in Besitz zu nehmen, ohne ihnen ihre eigene Begrifflichkeit aufzuprägen (whatever), die ihre Sätze, ihre Art zu dokumentieren, derart elektrisierend macht. Fordernd, ohne auszuschließen.

Sie führt ein Gespräch. Mit sich selbst, mit den Gedanken anderer, aber auch und immer, mit dem Leser.

Ich denke an

Ich denke an, selten auch weiter, oder nach. Ich denke an, ich stoße Gedanken an, oder lasse sie anstoßen von anderen Gedanken, vorgedachten, klugen, vollendeten Gedanken, die mich davon abbringen, weiter zu denken, dem Weg der bereits gedachten Gedanken nicht einfach nur zu folgen, sondern ein Stück weiter zu gehen, darüber hinaus, eigene Gedankenwege zu finden, mich auf meinen eigenen Gedankenweg zu machen.

Ich denke an den Geruch des Meeres, ich denke an den Tod. Ich denke an ein Paar, das sein Baby verloren hat. Nicht nur ein Baby, sondern eine Möglichkeit. Ich denke daran, wie hohl in diesem Fall alle Worte klingen, an die man sonst glauben kann, dass jede Möglichkeit, die stirbt, eine ganz andere gebiert.

Ich denke an Städte, die Bücher sein könnten, und an Bücher, in denen man wohnen sollte. Ich denke an mein Unvermögen und an das Wasser, an den Grund eines Flusses, zu dem die Steine Virginia Woolf herabgezogen haben. Ich denke an die letzte Blase, die aus ihrem Mund entweicht und auf dem Weg zur Oberfläche zerplatzt.

Ich denke an Menschen, die Träume haben.

Ich denke an mich. Eigentlich denke ich immer nur an mich. Ohne Eigensinn.

Ohne Eigensinn ist das Denken an sich nichts als Egoismus.

Ich denke nicht an Marcel Proust, Jesus Christus und große Vorbilder.

Ich denke nicht daran, nichts zu denken.