IV – Schwimmen

In den folgenden Gedichten werden die Gedanken noch einmal aufgenommen, fortgeführt,  in anderen Räumen entfaltet.

Und übrigens ist das alles noch „Ansprache“, bevor die Texte im nächsten Teil ins „Schwimmen“ geraten, also ein neues Element erobern oder erproben, was vielleicht dasselbe ist.

Der „[…]Brutalität der Konzentration auf eines, auf nur eine Sache! Sich ganz in einen einzigen Dienst zu stellen“, stellt Rinck folgenden Vorschlag an die Seite: „Die eigenen Fähigkeiten weniger als Fleiß, sondern vielmehr als Freiheit unter Beweis stellen – darum geht es doch.“ Spätestens hier steige auch ich ins Wasser, schwimme mit. Etwas, das gerade meine Arbeit extrem verzögert bis verhindert ist das Bewusstsein, dass alles mit allem zusammenhängt. Schön eigentlich, einladend und inspirierend grenzüberschreitend. Andererseits verursacht diese Erkenntnis einen enormen Druck, Erwartungs- und Leistungsdruck. Denn was ich habe, sind Teile, vereinzelte Splitter, und das Bewusstsein, dass sie zu einem größeren Ganzen gehören, dass sie ein Bild ergeben, wenn es mir nur gelingt, die jeweils zueinander passenden Teile zu verbinden. Dann würde aus dem Puzzle ein Bild. Aber immer fehlt ein Verbindungsstück, oder ich bin mir nicht sicher, ob die Teile wirklich ineinander greifen, oder ich bin mir im Gegenteil sehr sicher, dass sie nicht ineinander greifen, will es aber mit aller Macht, die sich sogleich in Ohnmacht verwandelt und mich unglaublich unkreativ und müde macht. Und das ist nicht weniger als das Gegenteil der Erlaubnis, sich „in einem sehr geweiteten Spielraum der Poesie bewegen zu dürfen, dieser Erlaubnis, die H.C. Artmann in seiner 8-Punkte- Proklamation des poetischen Actes, erteilt.

Es geht um Bewegungsmöglichkeiten. Diejenigen, die das Wasser dem Körper ermöglicht. Und die Poesie den Gedanken.

„Es ist ja nicht so, dass man dieses oder jenes heute einfach nicht mehr sagen dürfte, nur muss man sich eben klarmachen, dass man damit heute etwas anderes sagt als vor zwanzig Jahren. Man braucht Zeit, darüber nachzudenken.“ Nimmt man sich diese Zeit nicht, schwimmt man fast willenlos mit in den Strömungen von ja und nein, während all die wichtigen, schillernden Zwischentöne sang – und klanglos, unbemerkt, untergehen.

Und Rincks Denken folgt tatsächlich den Schwimmbewegungen, mal lassen sich die Gedanken treiben, schweifen ab, um dann in einer Kehrtwende wieder zurück zum Ziel zu kommen, einem Ziel, das sie nie aus den Augen verliert, das sie vielmehr immer weiträumiger umkreist, um es auf diese Art besser in den Blick zu bekommen.

Zum Beispiel das: den „Weißraum, der das Gedicht umgibt, lehrt uns zunächst, dass es sehr vieles gibt, das im Ungefähren bleibt, das wir nicht erfahren. Dies versinnbildlicht der leere Raum. Er ist größer als das Gedicht und eröffnet die Manege für all das, was dort nicht zu lesen ist.“ Solche Sätze machen mir noch einmal deutlich, wie viel mehr Freiheit Begreifen braucht als Verstehen. Also muss man vielleicht das Verstehen (die Muster des üblichen Verstehens) vergessen, damit man ein Gedicht begreifen kann? Damit es mir als Leserin nicht so ergeht wie Kafka mit dem Schwimmen? Rinck zitiert Kafka, der gesteht: „Ich kann schwimmen wie die anderen, nur habe ich ein besseres Gedächtnis als die anderen, ich habe das einstigen Nicht-schwimmen-können nicht vergessen. Da ich es aber nicht vergessen habe, hilft mir das Schwimmen-können nichts und ich kann doch nicht schwimmen.“

Zum Abschluss des Schwimmens noch einmal Rinck: „[…] anders als die Schwimmfibel, die leider nicht zusammen mit dem türkisblauen Schwimmerbecken geliefert wird, bringt das Gedicht die Sprache, in der es sich befindet und aus der es gemacht ist, mit. Das Gedicht ist das Geschehen selbst, es ist ein Sprachgeschehen, das die Wirklichkeit verändert. Das bedeutet aber nicht, dass das Thema „nur“ Sprache ist „Nur“ Sprache gibt es gar nicht.“

 

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Verstehen

„… Linné nimmt seine autoritäre

Erziehung selbst in die Hand“

(Markus R. Weber – Vor Augen)

So ein Satz springt mich an, begeistert mich. Ohne, dass ich verstehe, was er bedeutet und warum er mich begeistert.

Warum forsche ich dann nicht nach, frage: wie ist das gemacht? Was ist die Aussage, woher rührt die Wirkung? Bequemlichkeit? Angst zu scheitern? Fehlendes Zutrauen in meine geistigen Kapazitäten? All das ist möglich.

26. Dezember

Regen peitscht ans Fenster. Ich lese Knausgard und danach Eribon. Ich will verstehen, so als wäre Verstehen etwas, das aus losen Fäden, aus abgebrochenen Linien, ein Bild entstehen lässt. Und lerne stattdessen immer wieder, dass Verstehen in der entgegengesetzten Richtung funktioniert. Nämlich in der Zerlegung vermeintlich fester Bilder, sicherer Gedankengebäude, in ihre Einzelteile, lose Fäden, unterbrochene Linien.

(56)

Ich breche mir die Sprache. Wenn ich Klammern setze, ist das dann der Wunsch nach einer Umarmung? Das mich das Verstehen berührt und ich nicht so ausgeliefert bleibe im verstandesmäßig nicht zu erfassenden Begreifen?

(16)

Sie hatte einen schönen Namen. Sie sah gut aus. Aber was mich am meisten zu ihr hinzog war die Tatsache, dass ich kein Wort von dem, was sie sagte, verstand.

Stolpern, Scheitern, weitergehen…

Irgendwann habe ich angefangen zu glauben, ich hätte meine Zähne verloren. Ich fing an nur noch diesen Brei aus Verständlichkeit zu kochen. Und je mehr ich verstand, um so mehr fürchtete ich mich vor unverständlichen Resten. Das, was Literatur schließlich ausmacht. Ich verlernte meine Zähne zu benutzen und verlor den Geschmack an allem, was ich nicht mehr durchdringen konnte, vor lauter Verstand, Verstehen. Weil dieses Verstehen lähmt, weil es dich festhält auf einem Standpunkt, den jede Frage, jede unbedachte Bewegung ins Wanken bringen könnte, zum Einsturz.

Und dann kam dieses Experiment. Express. Und ich war gezwungen, mich wieder zu bewegen. Das war mühsam und anstrengend, am Anfang bin ich ständig gestolpert. Aber ich glaube, es lohnt sich. Ich werde versuchen weiter zu gehen.

 

(53)

Immer und immer wieder dieses eine Buch lesen, den Absatz, den Satz – bis ich verstehe, was gemeint ist. Oder begreife, dass es nichts zu verstehen gibt. Und ich befinde mich vielleicht immer noch eine Stufe davor: indem ich versuche so viel wie möglich von mir zu verstehen, bis ich einsehe, was nicht zu begreifen ist.