01. Oktober

Verstehen ist vielleicht das falsche Wort, weil es statisch ist, eindimensional, ich wünsche mir ein Wort, das die Bereitschaft ausdrückt, aufeinander einzugehen, aufeinander zu zugehen, sich einzulassen auf das, was einer zu wissen glaubt und es zu hinterfragen, ohne ihn selbst deshalb zu hinterfragen, seine Integrität. Die Begriffe, ohne die Verständigung nicht möglich zu sein scheint, in Frage zu stellen, immer wieder. Sich bewusst zu sein und zu bleiben, dass sie veränderbar sind, dass sie für uns alle unterschiedliche Geschichten bergen, dass es nichts gibt, das wir letztendlich und für immer verstehen können. Dass wir uns einsperren mit diesem Glauben, alles müsste erklärbar sein und im Verständnis liege die Befreiung.

Ich weiß nicht. Ich habe keine Ahnung von Dir. Deine Traurigkeit berührt mich, ohne dass ich sie verstehe. Vor deiner Wut fürchte ich mich, ohne dass ich sie nachvollziehen kann. Die Bilder der Vergangenheit überschwemmen mich, und so lange ich sie festhalten oder fernhalten will, begraben sie mich unter meiner Traurigkeit, die ich seit Jahren als Krankheit betrachte, die es zu heilen gilt. Ich sehe mir zu, wie sich nicht nur das Leben um mich herum verändert, sondern ich selbst. Freundschaften entstehen, stehen wieder neu auf, andere zerbrechen. Worte, Sätze, die man mir schon häufig gesagt hat, erreichen mich auf einmal, stoßen etwas an, brechen etwas auf. Lösen etwas aus. Auslösen wäre vielleicht das Wort, das ich gerne an die Stelle von verstehen setzen würde.

All die Enttäuschungen, die andere mit mir erlebt haben. Diese Fehler, wenn ich versucht habe, mein Bestes zu geben, aber es hat nicht genügt.

Wir haben Angst, die „Wahrheit“ zu verraten, lieber verraten wir uns, wenn es die Wahrheit verlangt. Um dann diejenigen anzubeten, die ihre eigenen Wahrheiten propagieren, die keine Rücksichten auf „die Gesellschaft“, „die Moral“, das Einverständnis mit den meisten Menschen nehmen. Aber statt jetzt einmal die Frage zu stellen, was Wahrheit eigentlich ist, machen wir weiter, tauschen die eine Wahrheit gegen die neue, bessere (besser passende) Wahrheit. Richtig und falsch muss es weiterhin geben, und unser Lebenssinn besteht darin, immer wieder das richtige herauszufinden, sich dieser gerade am richtigsten erscheinenden Wahrheit zu unterwerfen.

Schwermut: vielleicht bildet dieses Wort auch die Doppeldeutigkeit, die Wirkung in zwei Richtungen ab. Das Leben wird schwer, wenn man den Mut verliert, sich darauf einzulassen. Andererseits macht es manchmal der Mut, Fragen zu stellen, sich selbst und das, was geschieht, in Frage zu stellen, nicht automatisch leichter. Häufig genug scheint das der beschwerlichere Weg zu sein. Selbst Verantwortung zu übernehmen, statt zu gehorchen, zu funktionieren.

Auseinandersetzung. Und das hat viel mit Respekt zu tun, heißt ja erst einmal, zuzulassen, dass es unterschiedliche Meinungen gibt, verschiedenen, gegensätzliche Perspektiven, dass Austausch nur entstehen kann, wenn man dem anderen seine andere Meinung erst einmal zugesteht, versucht, ihn mit Fragen zu verunsichern, mit Argumenten für die eigene Blickweise zu öffnen. Ganz sicher nicht, wenn man ihm droht, wenn man ihm ohne Zweifel zu verstehen gibt, dass er unrecht hat. Vielleicht ist seine Meinung gefährlich, macht uns Angst, scheint unverständlich. Aber deswegen denjenigen, der diese Meinung äußert, abzuwerten, zu disqualifizieren, ist ganz sicher der falsche Weg. Man sollte sich, sobald man diesen (zugegebenermaßen häufig nachvollziehbaren) Impuls empfindet, an die Worte Rosa Luxemburgs erinnern: „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.“

Lesetagebuch Karl Ove Knausgård: „Alles hat seine Zeit“

(2)

Verständnis erfolgt immer (?) über ein Verständnis der Zeit, in der wir leben. Auf dieser Grundlage. Die aber kann ich (und vermutlich die meisten von uns) nicht überblicken, nicht verstehen. Es ist alles zu nah, um Zusammenhänge zu erkennen, die für ein weitreichendes Verständnis unentbehrlich wären. Also verstehe ich, verstehen wir uns selbst nicht. Und verstehen erst Recht nicht, die Menschen vorangegangener Epochen, weil wir ihnen ein identisches Wahrnehmungs- und Erlebnis-Gerüst unterstellen. Und natürlich einen vergleichbaren Gefühlshaushalt, von dem Huizinga so überzeugend berichtet, das er vor allem anderen von der jeweiligen Kultur, diesem undurchschaubaren Zeitgeist abhängig ist.

„Aber unsere Welt ist nur eine von vielen möglichen…“ (Knausgård, S. 20)

 

„Es ist nicht das Göttliche unveränderlich und das Menschliche veränderlich, schrieb er, es verhält sich vielmehr umgekehrt, und das genau ist das eigentliche Thema der Bibel: Die Veränderung des Göttlichen von der Erschaffung des Menschen bis zum Tode Jesus.“

(ebd., S. 44)

 

Und das ist vielleicht eine Antwort auf das Beharren von „Der Dilettant“, wir könnten die Gefühle der Menschen aus vergangenen Epochen nicht verstehen.

Doch, das können wir. Denn die Gefühle sind feste Größen, die sich nicht verändern. Angst, Freude, Momente des Glücks, Zorn, Hass, Trauer, werden identisch empfunden, was sich ändert ist ihr Ausdruck, ihre Bewertung und das, was sie hervorruft, oder eindämmt.

(4)

„Das sind die Regeln: Ich muss täglich schreiben, habe also nur begrenzt die Möglichkeit, mir auszusuchen, worüber. Schreibe aber meistens mit vierundzwanzig Stunden Abstand (am Morgen über den vorigen Tag). Dieser Filter ist wichtig. Vielleicht ist seine jahrzehntelange Kalibrierung das Wichtigste, was ich in der Zeit des nicht wirklichen Schreibens gelernt habe. Und dann nochmal vierundzwanzig Stunden bis zur Veröffentlichung. Das gibt mir die Möglichkeit, mir selber ein letztes Mal ins Wort zu fallen und wenigstens die schlimmsten Unglücke zu verhüten – wenn auch nur sehr begrenzt, denn aus dem, was da von gestern steht, muss jetzt der Eintrag werden. Es wird nichts neues geschrieben. Es ist genau dieses Zusammenspiel aus Freiheit und Regeln, die mich vor mir selber schützen, nach dem ich so lange gesucht habe.“ Schreibt André Spiegel am 04. Dezember letzten Jahres in seinem Blog „fortlaufend“.

Braucht das Schreiben Regeln? Vorsichtsmaßnahmen vor dem Veröffentlichen? Wäre das nicht vernünftiger, sinnvoller, als die Kommentarfunktion zu schließen? Überhaupt diese Verschlossenheit, die wachsende Unlust zu reden, und auf der anderen Seite die unstillbare Sehnsucht nach echten Gesprächen, solchen, die weiterführen, etwas ändern, oder zumindest bewegen. Viel zu früh schleicht sich wieder Verständnis ein, oder weniger Verständnis als Rücksicht. Vermeintliches Verständnis für die andern, die ich nicht verletzen will, nicht überfordern mit mir. Selbstkontrolle und Zensur statt radikaler Selbstliebe, wie sie Mary am Meer empfiehlt.

„Ach, ich trage mein Herz mit mir herum wie ein nördliches Land den Keim einer Südfrucht.“ (Heinrich von Kleist).

Egon Friedell (1878 – 1938)

Denn ich bin aufs tiefste überzeugt, daß man den Menschen im großen und ganzen nur das mitteilen kann, was sie eigentlich schon wissen, nämlich irgendwie latent in sich tragen; ist diese Voraussetzung nicht gegeben, so werden sie es entweder überhaupt nicht verstehen oder ›auf ihre Art auslegen‹, das heißt: also falsch verstehen.