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Ich verschwand in einer Nische voll Zeit, wo ich das Ende erwartete. Das Ausbluten der Worte. Wie Abschied nehmen, dieses Stück Schmerz, das nur für dich bestimmt ist, und dich niemals verlassen wird.

23. Dezember 2018

I

Mein Denken ist der Ausläufer eines Tiefdruckgebietes. Weil ich das nie gelernt habe: Alt werden, verschwinden.

Wir träumen uns aus den Zusammenhängen hinaus in Klischees. Wir suchen bedingungslos unser Recht Das Fohlen der Wahrheit.

II

Wir sind die Ausläufer eines seelischen Tiefdruckgebietes. Unfähig zu begreifen, was wir tun. Wir halten einander gefangen in Denkgebäuden, in denen es weder heiß noch kalt wird. Die uns zu schützen scheinen gegen die Unbill der Welt.

Verschwinden

Das Verschwinden, das vielleicht die Essenz unseres Lebens ist. Denn von Anfang an verschwinden Teile von uns. Das Kind, mit dem wirren Haar, das bei der Fotografin keinen Kamm bekam, weil das angeblich unhygienisch ist, ist heute, an diesem Tag im Juni 2017 ebenso verschwunden wie die kleine Elke mit den raspelkurzen schwarzen Haaren, die ihrer Mutter, die auf einem Klappstuhl auf dem Zeltplatz sitzt, die Puppe entgegenstreckt.

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Ein Teil von mir ist längst schon tot. Ein anderer lebt weiter. Kein Rhythmus gibt es her diesen toten Teil wieder auferstehen zu lassen. Wir suchen die Bedeutungen in der Form, stoßen uns wund an unseren Gedanken. Schrankenwärter der Vernunft.

Eines Tages erwachte E. mit einem Todesgedanken, mit den Resten einer längst verfaulten Haut.

Die Form verändert uns. Oder verändern wir uns nur auf die schrecklichste Weise, weil wir an der Form festhalten, die wir für uns selbst halten und die doch vergehen muss, verschwinden, immer weniger werden, sich auflösen in wohlwollend durchsichtigen Nebel, damit etwas frei gesetzt wird, entweichen und heimkehren kann, das wir nicht mehr ich nennen, das uns im wahrsten Sinne des Wortes ausmacht?

Die vermeintlichen Lügen des Urverstandes

Wir verdammen die Dämmerung. Während wir die Ideen begraben und dadurch begreifen. Es war einmal ein Mädchen, mit einem roten Stift. Während sie mir mit ihrem roten Stift ein Bärchen malte, starb ihre Mutter. Sie hatte zwei Brüder, die fast identisch aussahen, und von einem Tag auf den anderen erwachsen wurden. Was man so Schicksal nennt, während man verschwindet. Und schwindelt. Und je mehr man schwindet, um so verzweifelter hält man sich an seiner Vergangenheit fest. Kein Wunder, wenn das Gesicht im Spiegel immer fremder wird. Die kleine Frau entfremdet sich und verliert ihr Spiegelbild, um das Gesicht zu wahren. Wie die Dinge auf einmal laufen, wenn man sich erlaubt, sie nicht zu führen. Wohin soll das führen? Als wären wir nicht alle Wasserwesen kurz vor dem Verdursten.

 

 

 

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Man muss es aushalten, um es aufzuhalten: Verschwinden als Essenz des Lebens. Wir nennen es gemeinhin lieber Veränderung, und das ist sicher nicht verkehrt, aber eben auch kein Widerspruch.

Begleitzustände. Wie wir versuchen, uns die Erkenntnisse höflich vom Leib zu halten.

Wenn es denn einen Sinn des Lebens gibt, besteht er darin, so lange zu lernen, Abschied zu nehmen, bis es man es endlich richtig hinbekommt.