(1)

Ich verbrannte meine Ahnungen auf dem Scheiterhaufen der Vernunft. Die Träume ragen reglos in den Tag. Dieser Tag, an dem ich mich weder auflöse, noch verschwinde.

Noch über mich hinauswachse.

Einfalt

Ich bin die bedrohliche Einfalt im Zeichen der Vernunft. Je wichtiger wir uns nehmen, umso unbedeutender werden wir.

Denken lernen

Aber man muss nicht allzu weit denken, um zu begreifen, dass Maler und Bildhauer in den wichtigen und charakterbildenden Jugendjahren nicht aus diesem Grund all ihre Zeit darauf verwendeten, andere Künstler zu kopieren oder rein mechanisch Modelle oder Gegenstände wiederzugeben. Das ist das Wichtige in der Kunst und der Literatur überhaupt, und es gibt nahezu niemanden, der es kann oder auch nur davon weiß, weil es nicht länger vermittelt wird. Heute glaubt man, Kunst sei mit Vernunft und Kritik verbunden, es gehe um Ideen, an den Kunstschulen wird Theorie gelehrt. Das ist ein Verfall, kein Fortschritt.

Karl Ove Knausgard, „Kämpfen“, S. 334

 

(22)

Ein Teil von mir ist längst schon tot. Ein anderer lebt weiter. Kein Rhythmus gibt es her diesen toten Teil wieder auferstehen zu lassen. Wir suchen die Bedeutungen in der Form, stoßen uns wund an unseren Gedanken. Schrankenwärter der Vernunft.

Eines Tages erwachte E. mit einem Todesgedanken, mit den Resten einer längst verfaulten Haut.

Die Form verändert uns. Oder verändern wir uns nur auf die schrecklichste Weise, weil wir an der Form festhalten, die wir für uns selbst halten und die doch vergehen muss, verschwinden, immer weniger werden, sich auflösen in wohlwollend durchsichtigen Nebel, damit etwas frei gesetzt wird, entweichen und heimkehren kann, das wir nicht mehr ich nennen, das uns im wahrsten Sinne des Wortes ausmacht?

(19)

Ein verletzliches Werk. Und der Schatten der Unvernunft, der das wieder sichtbar macht, was zuvor im grellen Licht verdampfte. Kondensate. Auf dem Weg Eiskristalle zu werden. Wir verlaufen uns in den Irrwegen, den bestrickenden Mustern, die unser Hirn webt, damit wir das Netz der Vernunft nicht verlassen.

 

Möglichst wenig Spuren hinterlassen, schreibt Ilse Aichinger. Langsam beginne ich zu begreifen, wie richtig das ist.

(20)

Ich verschleudere die Machenschaften der Vernunft, fresse Gedichte, ohne sie zu verdauen. Bin überhaupt gut darin, an alles Schlechte in mir zu glauben und dem nichts als ein Nicken entgegen zu setzen. Gut darin, aufzugeben. Zu übersehen, was ich erreicht habe.

Es geht nichts vorwärts bei mir, das ist der Grund warum ich ständig zurückblicke.

(10)

Das Denken, das an den Rändern der Vernunft stattfindet. Wie kommt man beim Schreiben an diese Ränder?

In Ilse Aichingers Aufzeichnungen 1950 – 1985 steht unter dem Jahr, in dem ich geboren wurde, dieser Satz: „Alles, woran man glaubt, beginnt zu existieren.“

 

Leuchten

Die Stimmen stemmen sich gegen die Struktur der Lügen. Die Wahrheit ist ein amorphes Gewebe, abhängig von den Zurufen der Singvögel. Spartanisch ausgestattet. Einsparungen aus Glück und ein Kamel mit blinkenden Augen. Rezensionen der Wirklichkeit. Und kein Wort zuviel. Wildwechsel und Wortwechsel. Beide ungedeckt. Die kleine Frau ist ausgewandert, oder ausgezogen. An mich hat sie dabei nicht gedacht. Das Licht wirft Schatten und trifft, wenn die kleine Frau lacht. Erst muss man sich unabhängig machen von der Größe, dann kann man sich messen mit der Wirklichkeit. (Die Zubereitung eines waidwunden Gerichts). Zweifel an einem Gesicht. Wenn ich Zwiebeln schäle, träumen meine Augen vom Wasser. Von Meerjungfrauen, Nixen und Neptun. Wenn ich den Mülleimer leere, beginnt der Untergang.

Eine bescheidene Warnung des Lebens an meine Vernunft, das Leuchten nicht zu übertreiben.

Erst muss man schwarz sehen, dann kann man die Grautöne zum Leuchten bringen.