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Die Wege, die verloren gehen. Egal, ob wir sie betreten oder nicht. Alle Wege, alle Schritte, tragen bereits diesen Verlust in sich. Und das die Zukunft immer das Alter ist. Verfall, Krankheit, Tod. Was die Wahrheit ist, und gleichzeitig ein grundverkehrter Gedanke.

Vortritt

Wir sind aus Verlusten gemacht. Wir trennen uns, um einander wiederzufinden, als Falte in einem fremden Gesicht, als ein Blick, der sich senkt.
Von draußen wehen merkwürdige Geräusche herein, unterbrechen die Gedankengänge, schicken sie auf Abwege. Etwas stürzt ein, etwas ist versperrt und mit einem Lächeln setzt du dich darüber hinweg und lässt der Vorstellung den Vortritt.

Die Rückseite des Glücks

Die Wurzeln, das Wissen, die Liebe. Wer man ist, und wie man sich ein Leben lang hinter Fakten versteckt.

Ich verstecke mich in einem Koffer, den andere für mich gepackt haben. Aber eingerichtet habe ich mich selbst in all dieser Falschheit.

Glücklich zu sein ist so schwer. Weil es das Glück nur vor dem Hintergrund des Unglücks, des Verlustes gibt. Du hast Kinder, liebst sie über alles, was dich nicht davor bewahrt, Fehler zu machen. Sie gehen lassen zu müssen. Und plötzlich tun diese kostbaren Erinnerungen weh, gerade weil sie so einzigartig und unwiederholbar sind.

Wir sind traurig, weil wir einmal glücklich gewesen sind.

Verlust

Es ist tatsächlich so, dass nichts ersetzt wird. Menschen, Freundschaften, die verloren gehen, zerbrechen, hinterlassen eine Lücke, die durch nichts ausgefüllt werden kann. Es kommen neue Menschen, neue Freundschaften entstehen, aber diese Lücke bleibt. Die Leere. Der Verlust.

Alter

„So weit zurückgelassen im Verlust –“

diese Zeile steht in Antije Krogs Gedicht Morning tea.

Was bedeutet das?

Die Alten: zurückgelassen im Verlust. Zurückgelassen von wem? Und was heißt das, im Verlust zurückgelassen worden zu sein? Dass der Zugewinn, Zukunft und neue Erfahrungen jetzt den anderen vorbehalten sind und für uns, die Alten, bleibt nur der Verlust, die Zukunft als Erwartung des nächsten Verlustes? Und mit jedem Verlust wächst die Entfernung von den anderen, den Kindern, den Jungen, denen, die noch nicht im Verlust wohnen.

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Was ist eigentlich Verlust? Verleugnung der Lust? Lust am Verlieren? Und was hat das mit Vertrauen zu tun? Wie verändert die Vorsilbe „ver“ die Begriffe? Ver- lieben, ver – lieren, ver – geben, ver – stehen. Was für ein Rätsel.

Ver- schließen nicht zu ver – gessen. Und aus geborgen und gewesen wird verborgen und verwesen.

04. Juli

Sie nennen das Schrei, schreibt Thomas Brasch. Ich selbst habe noch keinen Namen dafür. Für den fortwährenden Verlust, den ich Fluss nennen soll. Leben.
Mein Kind, das noch schlaftrunken, seine Stofftiere zu Zweiergruppen ordnet. So lässt sich der Verlust der Kindheit leichter ertragen. Geteilt. Mit Liebe.
Egal, wie man es nennt.

03. März

Über Nacht sind wir groß geworden

wir singen: wir waren klein“ …

Diese Zeilen aus einem Gedicht von Fouad El-Auwad, das ich gestern morgen gelesen habe, begleiteten mich durch den ganzen Tag. Schmerzlich schön. Wobei das „schön“ sich in diesem Fall nur darauf bezieht, dass jemand Worte gefunden hat für den Schmerz, unter dem ich gerade in der letzten Zeit wieder so sehr leide. Verlust. Verlust der Kinder, der eigenen Jugend, Gesundheit, Perspektiven. Vor lauter fehlender Zukunft keine Gegenwart mehr.

Dumm, aber momentan unheilbar. Nur unterbrechbar, durch schöne Momente und Literatur.