Aufgeben

Irgendwann habe ich aufgehört, mich zu wehren. Wir wurden ruhiger und manchmal lachten wir, wenn wir mit unserem vereinzelten Leid gemeinsam an einem Tisch saßen und immer neue Methoden ausprobierten, um zu vergessen.

 

Verregneter Novembernachmittag

Ein verregneter Novembermittag. Du gehst mit den Kindern auf den Markt. Sie packen ihre Stände zusammen, aber vorher verkaufen sie dir ein Brot, drei Paprika (das Rot und das Gelb, Grün der Kittel der Verkäuferinnen, rot-weiß die Markise und kein Geruch, nicht einmal der nach Regen, aber auch keine Kälte. Beweglich die Hände, die Augen und Gedanken. Das Klimpern des Geldes, die Augen der Kinder und die Weichheit ihrer Schritte), etwas Fleisch. Und wie damals (wie immer schon) bekommen die Kinder eine Scheibe Fleischwurst. Sie werden gefragt und sagen klar und deutlich ja. Dann geht ihr weiter durch den Regen und die Zeit geht mit. Ab und zu schwappt ein „Weißt du?“ an deine Ohren und dir ist klar, dass du längst nichts mehr weißt. Die Zeit ist vorbei als es noch gut und böse gab, richtig und falsch. Alles, was du jetzt von dir gibst, sind Vermutungen, Regeln, die du selbst längst nicht mehr beherrscht.

Viel später dann: Die Dunkelheit und Kälte draußen. Der Lärm und das Leben auch. Sitzt du in einem kleinen warmen Zimmer. Holzboden, schlichte Wände, Tisch und Stuhl. Dass einem so warm werden kann und behaglich. Ganz alleine. Und die Hoffnung heftet sich an das Vergessen. Und die Erinnerung daran. Der Oktoberklang unserer Nachmittage.

Heimgesucht

An allem war ich erkrankt. Heimgesucht von Vergessen und falschen Erinnerungen. Ich war dem Leben abhanden gekommen. In meinen Händen hielt ich Luft und fremde Worte. Die Schmerzen umspielten mich, unterhielten mich, wie eine etwas zu ernst gemeinte Umarmung wiegten sie mein Leben von Punkt eins bis zehn. Es gab keine Auswege und die Abwege wagte ich nicht zu betreten. Ich war ein Formfehler, dessen Figur aus dem Ruder lief. Ich rief nicht um Hilfe. Rief nicht einmal meinen Namen. Und meine Grenzen nannte ich Flucht.

Claudia

Sie hatte dieses Gefühl, dass sie alles gründlich machen musste. Ein Buch, auch wenn es ihr nicht gefiel, zu Ende lesen, eine Beziehung, auch wenn sie sich innerlich längst verabschiedet hatte, zu Ende zu führen [zum Ende zu führen].

Ich stellte mir das Leben, das sie meiner Meinung nach führen musste, trostlos vor. Trotzdem konnte nicht einmal mir entgehen, wie ausgeglichen und heiter sie war. Sie strahlte ein mir vollkommen unverständliches Einverständnis mit sich und der Welt aus. Manchmal tauchte dieser Gedanke auf, dass sie der Friede sei, der mir bei meinem ständigen Kampf gegen alle und jedes fehlte. Ein kleiner verrückter Gedanke, den ich schnell wegschob.

Ich kannte sie schon lange. Seit sie vor zehn Jahren mit ihren Eltern in unsere Straße gezogen war. Ich hatte gerade meine Lehre zum Automechaniker abgebrochen, um jetzt doch wieder zur Schule zu gehen und mein Abitur nachzuholen. Ich war 18 Jahre alt, mir stand die Welt offen. Ich konnte noch jede Entscheidung treffen und sie anschließend wieder rückgängig machen.

Vermutlich wäre mir Claudia gar nicht aufgefallen, dieses stille, angepasste und überall integrierbare Mädchen, das mit seinen Eltern und zwei jüngeren Geschwistern in das Haus von Professor Hügelmann gezogen war, wenn meine Mutter nicht ausgerechnet sie dazu auserkoren hätte, mich mit den mir fehlenden Grundlagen der Mathematik vertraut zu machen.

So kam es, dass eines Nachmittags dieses blasse, dünne, 16jährige Mädchen in der Tür zu meinen Zimmer stand. Mit einem zaghaften Lächeln und einem Berg von Unterlagen.

Sie hatte eine Begeisterung für mathematische Phänomene, die mich dazu brachte, wenigstens so viel zu verstehen und zu behalten, dass es mir tatsächlich gelang mein Abitur zu bestehen. Nicht so glänzend wie sie und mit zwei Jahren Verzögerung, aber an jenem Abend war das kein Grund, dieses Ereignis nicht gebührend miteinander zu feiern.

Sie trank nicht, sie rauchte nicht, aber sie schien sich dennoch prächtig zu amüsieren. Sie war mir ein Rätsel. Ein Rätsel, das ich vergaß, sobald ich meinem Elternhaus den Rücken kehrte, um weitere Kapitel meines Lebens aufzuschlagen und, wie sich später herausstellen sollte, nicht abzuschließen, sondern durch weitere Neuanfänge zu ersetzen.

 

Erinnerung ist eine Form des Vergessens. Nicht das Gegenteil davon“ (Richard Powers)

Novembernebel

Sie schluckt diese Tabletten und der Nebel kommt. Wohltuend weicher Nebel. Fast zärtlich. Die Feststellungen verlieren das Feste, ohne ins Wanken zu geraten. Alles wird diesig und dunstig, weich und fließend wie ein Aquarell.

Sie verschwimmt und vergisst, dass sie zurück fließen muss. Sie ist der Novembernebel für den es keine Jahreswechsel gibt.

 

Wie wäre das, wenn alles gleich bliebe, nur sie würde sich verändern? Oder andersherum: alles veränderte sich, außer ihr? Wäre das Stillstand? Gibt es das überhaupt; Stillstand? Ist nicht immerzu alles in Bewegung in das Nichts hinein, aus dem Nebel hinaus.

Nebel. Als wäre das ein Ziel.

 

Wie viel Gewicht der eigene Körper bekommt, wenn er verlassen wird. Erleichtert um das Versprechen des Gemeinsamen.

Das unheilbar Unbekannte

 

Die Tatsache, dass er seinen Namen auf diese Weise schrieb, genügte, dass ich mich öffnete. Ich wollte nichts von ihm wissen. Am liebsten wäre mir gewesen, er hätte kein einziges Wort gesagt. Er sollte mich berühren, in mich eindringen, alles vergessen und dann – danach – würde ich gehen und in seinem Leben wäre dieser große weiße Fleck, unbenennbar, den keine Frau je würde füllen können.