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Man verirrt sich in der Vergangenheit. Anfangs sucht man noch nach einem Weg in die Zukunft. Später versteckt man sich nur noch in diesem Wort: „man“. Bildet sich ein, darin verschwinden zu können. Sich aufzulösen in drei nichtssagenden Buchstaben. Und schon wäre der Weg frei. Keine Erwartungen, keine Erklärungen, keine Entschuldigungen. Nur Momente. Bedingungsloses Sein.

Früher

„Früher“, sagt die Frau. Denn das rückt die Angst fort, die Notwendigkeit, eine Entscheidung zu treffen. In der Vergangenheit, im „früher“, ist alles beruhigend abgeschlossen, starr, bewegungslos.

„Früher“, sagt die Frau. Aber dann dreht sie sich nicht um, sondern zerreißt dieses Band, das immer enger wird, immer heftiger an ihr zieht, ihr den Raum zum Atmen zu nehmen scheint. Und plötzlich fällt sie in eine Leere, die sie nach vorn zieht, die alles weit und offen macht, die sie mit Freude und Dankbarkeit anfüllt.

„Jetzt“, sagt die Frau und strahlt. Strahlt wie eine Sonne, deren Strahlen nach vorne und nach hinten fallen, aber immer speisen sie sich aus der Mitte, aus sich selbst heraus.

Heimat

Es ist schon lange her, vier Jahre, dass dieser Text auf den Gleisbauarbeiten erschienen ist, aber als ich ihn heute gelesen habe, hat er einiges in mir in Bewegung gesetzt.

Denn es geht u.a. auch um Heimat, ein Thema, das mich schon lange beschäftigt. „Heimat“, schrieb Uwe Johnson, „ist da, wo meine Erinnerung Bescheid weiß.“ „Der Ort, wo meine Erinnerung sich auskennt, ist immer die Vergangenheit“, schreibt Melusine. Also ist Heimat der Ort, der unwiederbringlich hinter uns liegt. Das ist scharf beobachtet, gut auf den Punkt gebracht. Aber es muss auch eine Heimat geben in der Gegenwart. Im besten Fall ein Ort, in dem alles ineinander fließt; die Vergangenheit, die Gegenwart und die Hoffnung für die Zukunft, eine Hoffnung, die antreibt schwierige Dinge in die Hand zu nehmen, das, was noch verbesserungswürdig erscheint, tatkräftig zu verbessern, Utopien zu entwickeln, an denen man scheitern und sich wieder aufrichten kann. Eine Heimat, die die Vergänglichkeit akzeptiert, und aus dieser Einsicht die Kraft bezieht, den Moment und die Gegenwart zu leben und zu lieben, die gleichzeitig Vorausschau schenkt für die Zukunft. Nicht nur für die eigene, sondern bestenfalls für die einer Welt, von der man nicht aufhört zu glauben, dass sie sich bessern kann, ein friedlicherer, lebenswerterer Ort werden kann. Eine Heimat, die so einen Knotenpunkt bereitstellen und aufrecht erhalten kann, wo ist die?

Mein Platz am Küchentisch, wenn alle das Haus verlassen haben? Wenn ich ein paar Stunden lang allein bin, mit meinen Gedanken, den Büchern und dem Papier. Aber auch mit der Gewissheit, dass die anderen zurückkehren werden, im Laufe des Tages. Mit der Freude darüber, dass wir ein Netz bilden, dessen Maschen mal enger mal loser gewoben sind, aber dem wir vertrauen können, dass es nicht reißt?

Das ist der Ort, wo meine Erinnerung sich auskennt, und in die Zukunft schaut. Wo Leben stattfindet. Lebendige Gegenwart.

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Mir selbst Geschichten von meiner Andersartigkeit erzählen.

Der Glaubenssatz, etwas sollte so sein, etwas anderes wiederum ganz anders als es ist. Wie fest man sich darin verstricken kann, und die Fäden immer enger zieht, beim Versuch sich zu befreien.

Dieses Festhalten an der Vergangenheit (sie sitzt auf meiner linken Schulter).

Die Vermeintlichen Lügen des Urverstandes

Wir verdammen die Dämmerung. Während wir die Ideen begraben und dadurch begreifen. Es war einmal ein Mädchen, mit einem roten Stift. Während sie mir mit ihrem roten Stift ein Bärchen malte, starb ihre Mutter. Sie hatte zwei Brüder, die fast identisch aussahen, und von einem Tag auf den anderen erwachsen wurden. Was man so Schicksal nennt, während man verschwindet. Und schwindelt. Und je mehr man schwindet, um so verzweifelter hält man sich an seiner Vergangenheit fest. Kein Wunder, wenn das Gesicht im Spiegel immer fremder wird. Die kleine Frau entfremdet sich und verliert ihr Spiegelbild, um das Gesicht zu wahren. Wie die Dinge auf einmal laufen, wenn man sich erlaubt, sie nicht zu führen. Wohin soll das führen? Als wären wir nicht alle Wasserwesen kurz vor dem Verdursten.

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Allein in der Küche sitzen und die Vergangenheit vermissen, während ich gleichzeitig weiß, dass ich die Vergangenheit gar nicht zurück haben will.

 

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Dann fasste der Tag zu. Wie ein Hund. Oder unfassbar. Wir gehen neue Wege und stolpern dabei. Manche reden sich um den Verstand.

Die Vergangenheit steht neben mir an der Wand. Die Zeit schwingt sich über das Leben hinaus.

Ein Kind, ganz in rosa. Rosa Kleidung und rosa Fahne am rosafarbenen Fahrrad, fährt ganz allein die Straße hinunter.

Wir geben uns keine Mühe, einander zu verstehen.