Verknüpfungen – Lesung am 19. September in Melle

Ich habe ja lange lange Zeit darunter gelitten eher eine Einzelgängerin zu sein, als Kind ganz besonders. Später dann habe ich andere Einzelgänger gefunden, die mir eine gute Gesellschaft waren. Aber gerade bei der Arbeit war ich lange Zeit lieber für mich, Gruppenarbeit, Teamgeist, das war mir eher suspekt. Schreiben ist ja ohnehin ein großes Gespräch über alle Grenzen (Zeit, Nation, Geschlecht usw.) hinweg, und viele Jahre lang genügte das geschriebene Wort als Gegenüber. Aber spätestens in dieser eingeschlossenen, seltsam aus allen Bezügen gefallenen Zeit der Coronaepedemie habe ich gemerkt wie wichtig mir andere Menschen sind. Wie anders und beglückend die gemeinsame Arbeit ist. Und zum Glück habe ich mit einigen für mich sehr wertvollen Menschen Mittel und Wege gefunden, der verordneten Kontaktarmut etwas poetisch Kraftvolles und Tröstendes entgegen zu setzen. Wir haben im kleinen Kreis angefangen und dann angesichts des großen Ideenreichtums und Engagements von Künstlerinnen in unserer Nähe immer weitere Kreise gezogen, uns verbunden, unsere Arbeiten verknüpft. Heute treffen wir uns zum Feinschliff bei der Generalprobe und am nächsten Sonntag können wir hoffentlich viele Menschen begrüßen, die Lust haben sich auf unsere Verknüpfungen einzulassen. Ich freue mich auf jede und jeden Einzelnen. Und bin aufrichtig dankbar für all die wunderbaren Begegnungen, die mir das Leben bis jetzt geschenkt hat.

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Erwartungen haben, ohne darauf zu warten, dass sie sich erfüllen. Das wäre dann die Freiheit der Hoffnung. Ich folge mir zu diesem Punkt. Aber meistens gehe ich auf dem Weg verloren.

Die an mich glauben. Und die anderen, die in diesem Glauben herumkritzeln. Unsere Unsicherheit, die uns, gezeigt, oder nicht gezeigt, miteinander verbindet.

Wir verteidigen unsere Rede, als wären das wir.

Verbindung

Lange hatte ich vergessen, dass es bei der Kunst (ganz egal welcher) darum geht, dass eine Verbindung möglich wird. Zwischen dem Künstler und dem Betrachter, aber auch zwischen dem Moment, in dem das Werk entstanden ist, und dem Moment in dem es beim Lesen, Hören, Betrachten, erneut abgerufen wird.

 

Heimat als Erinnerung (2)

In seinem Gedicht „Er dachte nicht an Ästhetik“, schreibt Adam Zagajewski von den Beweggründen seines Vaters das Gedicht „Nach Lemberg fahren“ abzuschreiben:

„(…) sondern nur an die Stadt, die er liebte und verlor, an die Stadt,

in der – wie Geiseln – seine Jugend, seine Erleuchtungen,

seine Begegnungen mit der Welt festgehalten wurden.“

Und damit ist sehr treffend benannt, was Heimat eben auch ist; Verbindung mit einem Teil der Biografie, das, was man allgemein mit „Verwurzelung“ bezeichnet. Heimat als Teil der Erinnerung. 

Neun mal zwei

Eine Verbindung aufgrund der gemeinsamen Einsamkeit. Eine Verbindlichkeit aufgrund von Schwindel.

 

 

Die doppelte Bedeutung des Schwindels. Gleich nah an der Lüge, wie am Rausch.

 

 

Es gibt diejenigen, die Behauptungen aufstellen, die sie für unumstößlich halten und andere, die nicht von sich absehen können. Denen der Zweifel eingepflanzt ist, wie anderen die Gewissheit.

 

 

Wie einer, der sich die Flügel anschnallt, die ein anderer gerade enttäuscht weggeworfen hat. Hoffnungsvoll.

 

 

Es gibt Zwietracht und zweifelhafte Aussagen. Unverbundene Punkte, die man auch Standpunkte nennen kann, auf der Suche nach einem Halt, der sie in Bewegung setzen könnte.

 

 

Es gibt eine Stille, die sich nur zu zweit herstellen lässt. Diese besondere Ruhe.

 

 

Eine Verbindung zwischen Bild und Betrachter. Und eine zwischen dem Sprecher und seinem Schweigen.

 

 

Eine Verbindung ist mehr als eine Funktion. Sie geht darüber hinaus, beweglich.

 

 

Eine geteilte Bewegung, verdoppelt sich nicht, führt aber unentwegt zu Veränderungen. Überführt die veränderten Einsamkeiten in Schwindel.