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Während ich heute eine schöne Postkarte von einer Bekannten im Postkasten fand, und kurz danach eine wunderbare Besprechung von Sansibar auf dem Blog von Kerstin Fischer, spricht Ulli von mutigem Träumen, das nicht weniger kann, als die Welt auf eine friedliche Art zu verändern. Ich weiß, dass das kein esoterischer Quatsch ist. Ich habe es selbst erlebt. Mehrmals. Im Kleinen und in etwas größeren Zusammenhängen.

Das erste Mal habe ich wirklich erfahren, wie meine eigenen Gedanken und Vorstellungen das miteinander zwischen mir und anderen Menschen beeinflussen, als mein ältester Sohn in die Pubertät kam. Ich fühlte mich ständig verletzt und zurückgewiesen, wusste gar nicht mehr, wie ich mit ihm umgehen sollte. Bis ich mir die Zeit nahm, einmal zu hinterfragen, was ich eigentlich von ihm erwartete und was das mit mir zu tun hat. Diese relativ kurze Meditation hat genügt, um auf einmal wieder Frieden einkehren zu lassen zwischen uns. Ich weiß, dass das unglaubwürdig klingt, aber ich weiß auch, dass es genauso gewesen ist. Häufig ist es ja genau diese eine Sache, von der Ulli und ihr Zitat von Kästner sprechen, wir erwarten, dass alle Welt sich ändert und handelt, nur wir selbst stehen still. Dabei beginnt hier und jetzt bei uns selbst die Veränderung. Und es ist nicht einmal voraussetzungsvoll und schwer, wir müssen nur einmal kurz innehalten, und versuchen ehrlich zu uns selbst zu sein. Und vielleicht ist es genau das, was uns davon abhält zu handeln. Dieses unterschwellig längst vorhandene Wissen, dass wir es sind, die verantwortlich sind. Nicht für alles und für die großen Zusammenhänge, aber doch für die Schwingungen darin, für die mikroskopisch kleinen Bereiche, die schließlich alles in die eine oder andere Richtung ändern können. Vielleicht haben wir uns zu lange in der Ohnmacht eingerichtet, in der Sicherheit des „das war schon immer so“ und „ich kann doch ohnehin nichts ändern“. Und in dieser Passivität haben wir schließlich unsere Wünsche aus den Augen verloren. Mein größter Wunsch in Bezug auf den Wandel in der Welt ist, dass wir zu mehr Miteinander finden, dass wir uns besinnen, dass es nur in der Gemeinschaft gelingen kann, etwas zu ändern, zu verbessern, lebenswerter zu machen.

Eine bessere Welt wäre eine, in der wir neugierig sind auf die anderen, in der wir ständig bereit sind, unsere Vorurteile zu revidieren, in der wir aufeinander zu gehen und in der das Miteinander, überhaupt das Menschliche mehr zählt, als das Kapital, das Geld. In der Pflegekräfte und Verkäuferinnen, Müllfahrer und Kindergärtnerinnen mehr verdienen als der Unternehmensberater, der dafür sorgt, dass Tausende von Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren, in der wir uns fragen, von welchem System wir reden, wenn wir „systemrelevant“ sagen, in der wir überhaupt nicht mehr solche Wortungetüme schaffen und gebrauchen. In der sich jede und jeder von uns entfalten kann, um die anderen zum Staunen zu bringen.

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Sie haben gebaut. Da, wo jetzt alle bauen. Und manche haben sich getrennt, um dann wieder zueinander zu finden. Und andere sind gleich zusammen geblieben. Alles, was aussieht, wie Stabilität, Gleichmaß, ist Veränderung. Alles, was aussieht wie bedeutsame Veränderung, ist nur eine Wiederholung des immer Gleichen.

Ich bin müde. Das Wetter ist erschöpft.

 

 

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Es geht um Veränderung. Und wie sie zum Stillstand kommt. Wie das Leben kommt und geht, und nur die Angst bleibt. Die Erinnerung, die alles enger macht, kleiner, unklarer und begrenzter im Jetzt. Die Frage, wo die Gefühle geblieben sind, die Leidenschaft. Ein Jahr und noch ein Jahr. Noch mehr Vergangenheit. Noch weniger Gegenwart.

 

I Champagner Lesetagebuch

Inzwischen ist viel Zeit vergangen, die ersten Rezensionen sind da. Darunter eine sehr schöne, gewohnt fundierte, von Michael Braun in der Zeit.

Trotzdem ein paar eigene Gedanken. Zur Frage der Notwendigkeit des „Neuen“, mit denen sich zwei Veranstaltungen (die zweite war so ernüchternd und banal, dass ich verzichte darüber zu schreiben), die ich letzte Woche besucht habe, mit einer sehr unterschiedlichen Haltung beschäftigt haben, lese ich bei Rinck ein Zitat von Hans-Christian Dany

„Was sich in Bewegung setzt, muss die Vorstellung von dem, was kommen wird, aufgeben, um sich dorthin zu bewegen, wo es noch nicht war.“

Das ist sicher ebenso richtig wie eben nicht vorstellbar. Denn wie könnte ein noch nie betretener Raum vorstellbar sein? Stellen wir uns nicht immer nur Dinge vor, die in irgendeiner Weise schon gewesen, schon angelegt sind? Andererseits wäre so sämtliche Science Fiction nie geschrieben worden. Scheinbar habe ich mich gerade selbst widerlegt. Fortschritt meint für mich in erster Linie Bewegung, Beweglichkeit. Das muss nicht unbedingt in Richtung Zukunft sein. Könnten sich nicht auch völlig neue Perspektiven eröffnen, indem man die Vergangenheit anders betrachtet, auf bisher nicht gesehene Weise erschließt? Ich denke an den Verlagsabend am letzten Dienstag, aber auch an eine sehr gute Besprechung von Eric Vuillards “ 14. Juli

Also den erwartungsvollen Blick ins Künftige getrost auch in die Vergangenheit richten?

Unabhängig davon, in welche Richtung die Blicke gelenkt werden, die Feststellung Rincks, das Bilder (Vorstellungen) und Begriffe einander wechselseitig als Filter dienen, die die Wahrnehmung verzögern, behält Bestand.

Diesen „Filter“ führt Rinck als Denkfigur des Gedichts ein. Ein poetischer Filter, der die Aktualität anders behandeln kann. Rinck schreibt, die poetische Sprache verfüge über die Quailtiät „[…] die Veränderlichkeit der Dinge in ihrer Beschreibung aufzubewahren […]“ Das Gegenteil von Festschreiben, eher eine Öffnung der Perspektive. So eine Beschreibung schließt ein „Verstehen“ dem Wort nach aus, weil es sich eine bewegliche Haltung einschreibt.

Und es spricht für die ganz wunderbar gelungene Zusammenstellung dieses Lesebuchs, wie das Gedicht „Vom Fernbleiben der Umarmung“ an diese Gedanken anknüpft. Insbesondere diese Zeile: „[…] ihnen half das nicht mehr, aber ihm half es, dem verbesserten menschen.“ Wie dort das individuelle Scheitern zu etwas nutzbringendem für die Gemeinschaft werden kann, weil allem, was beschrieben werden kann, auch die Veränderung eingeschrieben ist.

Spiel

Was, fragte sie mich[i], ist aus den drei Menschen geworden, die vor Jahren hier, in diesem alten Haus, Verstecken gespielt haben?

Die eine von ihnen, sagte ich, rückt immer näher an den absoluten Stillstand, während die zwei anderen sich in noch nicht absehbare Richtungen entfalten. Das war nicht, was sie meinte. Ich wusste es ja.

Vielleicht Narben, sagte ich. Hinweisschilder. Verbote. Vielleicht nur ab und zu ein zärtlich geborgenes Gefühl im Traum.

Aber das Spiel, sagte sie. Wo ist denn um Himmels willen das Spiel geblieben?

Das war zwei Tage vor ihrem Tod.

 

 

[i] Und sie meinte es ernst

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Das Wissen, dass sich alles verändert, macht die Dinge nicht weniger wertvoll, nicht flüchtiger. Nur lebendiger. Leichter. Ein großer Frieden breitet sich aus. Hebt mich über die Manifestationen des Nichts, die wir für Wirklichkeit halten.

 

 

Veränderungen

Immer noch, immer wieder, geht es um „nationale Interessen“, ohne dass jemals das Konzept der „Nation“ ernsthaft in Frage gestellt würde. Vielleicht ist es naiv, aber sollte Europa nicht als eine Gemeinschaft gedacht (und endlich auch gelebt) werden, deren Idee nicht nur über Nationen hinausgeht, sondern nationales Denken, nationale Identität obsolet macht, weil derart kleinstaatliches (auf vermeintliche Sicherheit und Machterhalt ausgerichtetes) Denken aufgehoben wird vom Willen als europäische Gemeinschaft Aufgaben bewältigen zu können, Lösungen zu finden, die jedes einzelne Land in seinen nationalen Grenzen überfordern würde?

Während sich alles ändert, grundlegend und mit Auswirkungen, die wir spätestens seit diesem Jahr zu deutlich spüren, um sie zu ignorieren, stellen sich nur wenige Medien und nur wenige der politisch Verantwortlichen der Tatsache, dass es eine grundlegende Veränderung der Lebenswirklichkeit für jeden Einzelnen von uns geben wird. Es ist diese Unsicherheit über die wir reden sollten. Denn sie zu verschweigen, erzeugt Angst, sie zu verleugnen wäre eine Lüge, die gravierende Folgen haben könnte, sich ihr nicht zu stelle führt zu Chaos und auf die Dauer zu Handlungsunfähigkeit.

Die Veränderung wird es geben. Aber wir können sie gestalten, wenn wir sie nicht länger verschweigen.