Träume

Traum - Isla volante
Traum – Isla volante

Deine Träume landen im Meer, sagte mein Vater, bevor er erneut zur See fuhr. Werden von einem Walfisch gefangen und gelangen über ihn zu mir. Dieser Wal ist der treuste Freund, den ich habe, und er liebt deine Träume. Nur einmal, als Deine Träume sehr zornig waren, hat er sie verschluckt.

Herbst

Was für merkwürdige Filter man sich zuweilen auf die Augen legt. Jetzt ist die Zeit, da die Zugvögel sich sammeln. Sie fliegen davon. Wir holen nur unsere Jacken aus dem Schrank. Genießen die letzten Sonnenstrahlen. Versuchen sie zu speichern. Einen Vorrat an Erinnerungen anzulegen. Ein letzter Blick auf die langen Beine der Mädchen. Ihre müßigen Schritte. Der Sommer lehnt sich zurück. Er hat seine Arbeit getan. Ein Wechselbad der Gefühle. Alle Jahreszeiten sind männlich. Die Wörter hingegen weiblich.
Die Augenbrauen der alten Männer (nicht sehr alt, nur ein bisschen alt, die Menschen um mich herum werden jünger, je älter ich werde), sind schwarz und die Kopfhaare weiß. Was der Blick vom Sommer in den Herbst rettet und der Rest fliegt davon. Unsere Vögel werden Ausländer, um zu überleben. Sie passen sich nicht an. Sie reisen. Nichts will ich damit sagen. Nur mich wundern, über die Filter, die wir den Blicken aufsetzen und was wir dann sehen. Und wie lang.

Heute mit Schneewittchen Straßenbahn gefahren. Neben ihr saß mein leicht verwahrloster Freund. Aus unerfindlichen Gründen auch er um Jahre verjüngt, mit frischen Bart. Immer noch hänge ich an diesem lächerlichen (niedlich traurigen) Versuch, das Leben festzuhalten, wenn es sich schon nicht begreifen oder genießen lässt. Möglichkeiten schaffen, sich genussvoll an das Versäumte erinnern zu können. (genussvoll oder wehleidig).
Das gleichmäßige Rauschen des Verkehrs. An- und abschwellende Wellen (Brandung) durch den Farbwechsel der Ampeln (rot: Ebbe, grün: Flut). Die letzte Sommersonne, am letzten Sommertag. Ein Mann mit Handy, eine Frau mit Rollwagen und Hund. H.C. Artmann neben mir auf der Bank. Unter der großen uralten Platane am Niederwall. Die Fassaden der Häuser und davor ein ganz sanfter Schimmer aus diesigem Dunst.
Auf dem frisch gemähten, taugeschmückten Rasen die ersten Herbstblätter. Braun, gelb und rot, viel seltener das Gelb. Im Hintergrund (in gleichbleibender Entfernung) eine ganze Zeit lang schon eine Kinderstimme, ohne Körper, ohne Gesicht. Zwei Männer (kichernd) mit Turnschuhe. Eine Frau mit rosa T-Shirt unter der Jacke und Handtasche (von der Schulter an die Hüfte baumelnd, beige). Die Straßenbahn: rot mit weißer Schrift, fährt die Behauptung: Sparkasse. Gut für Bielefeld. Von Schildesche nach Senne, von Milse nach Sieker und wieder zurück. Jetzt zwei auf der Bank neben mir mit zu viel Duftwasser (süß wie der Tod). Kein Kichern mehr. Stille. Jeder mit eigenem Ohrstöpsel im Ohr.
Stell dir vor, sage ich zu mir.
Dann stehe ich auf.

Eine Woche und jede Menge Nebel liegt zwischen diesem (jenen) Mittwoch und heute. Die Woche nach und nach. Der Nebel plötzlich. Wieder diese Bank. Wieder H.C. Artmann neben mir. Eine Frau mit zwei Hunden geht vorbei. Rauch aus meinem Mund (der Geist in der Flasche). Zwei Bänke weiter ein Mann, der sehr sorgfältig die Bank bearbeitet auf die er sich später setzen wird, während ich die kalte Luft in die Lungen sauge und an Hustenbonbons denke. Jetzt sitzt er, aber gleich darauf steht er erneut auf. Ein Fahrrad fährt quietschend vorbei. Der Mann sitzt nach weiteren Nachbesserungen wieder. Der Verkehr rauscht genauso wie letzte Woche, aber es fällt schwerer an Wellen zu denken, an Brandung und Meer. Die Straßenbahnen fahren heute ungeschmückt, keine kichernden Männer. Rote Jacken statt rosa T-Shirts. Meine Gedanken sitzen im Zug und öffnen Antwortschreiben auf Briefe, die ich nie abzuschicken gewagt habe. Die Schienen sprechen von der Möglichkeit, die Zeit könnte jeden Augenblick neu anfangen still zu stehen. Die Knöpfe am Hemd meines Vaters. Wenn ich die Zahl errate wird alles anders. Es ist zu spät mit mir zu reden.
Also gehe ich ohne ein Wort.

Aus dem Gesicht geschnitten

 

Auf dem Tisch steht eine Schale mit Obst. Bananen, Äpfel und Mandarinen. Ich sehe nur das grelle Orange in der Mitte der Schale, das sanfte Gelb und das matte Grün nehme ich kaum wahr.

Stell sie weg“, sage ich zu meiner Mutter.

Philipp steht links von mir, Georg rechts.

Wenigstens die Mandarinen.“

Aber er isst sie doch so gern“, sagt meine Mutter und wendet sich ab.

Sie stellt das Brot auf den Tisch.

Mutter geht ihrem Mann entgegen. Philipp steht hinter seinem Stuhl und Georg lässt die Tür nicht aus dem Blick. So ist es jeden Abend. Ich habe keine Geschwister, weil mein Vater keine Kinder hat, sondern zwei Söhne und mich.

Seine breiten, weißen Hände sind ständig in Bewegung. Selbst die Luft zum Atmen teilt er uns ein. Mit dem Messer in der Hand berichtet er von seinem Tag. Er liebt es, meine Brüder zu demütigen.

Die Klientin hat mich an Georg erinnert. Dasselbe weiche blonde Haar und genauso weinerlich“, sagt Vater, „aber sie ist wenigstens eine Frau“, fügt er hinzu.

Georg schluckt. Seine Augen sind randvoll.

Mutter läuft vom Tisch in die Küche, füllt das Glas meines Vaters.

Ich suche die Tischplatte unter dem Tischtuch. An den Ecken, die von der Tischdecke nicht verhüllt werden und durch den dünnen Stoff hindurch. Ich kann durch das weiße Leinen die Struktur des Holzes erkennen und unsere Spuren. Philipps Zähne, die Kratzer meiner Feder, die Schramme von Georgs Lastwagen, der unbemerkt ein Rad verloren hatte.

Philipp hängt an den Lippen meines Vaters, wie ein Verurteilter, der die Augen nicht von der Schlinge lösen kann, in die der Henker seinen Kopf stecken wird.

Na mein Großer“, wendet sich Vater an ihn, „du bist nicht wie dein Bruder. Aus dir wird einmal ein Mann. Nicht Manns genug eine Familie zu ernähren, aber zum Glück gibt es Frauen mit Geld. Vielleicht gelingt es dir, eine von ihnen zu heiraten.“

Nur ich sehe Philipps Knie zittern. Er wackelt ein paar Mal mit den Beinen, dann ist sein Gleichgewicht wieder hergestellt. Er schüttelt den Schmerz aus seinen Beinen. Philipp wird ihm ähnlich. Er wird Vater immer ähnlicher.

Ich bin Vater wie aus dem Gesicht geschnitten.

Seine Hände liegen auf dem weißen Tischtuch. Er greift nach einer Mandarine.

Wie aus dem Gesicht geschnitten.

Ich habe seinen Namen bekommen. Meine Brüder haben eigene Namen. Ich bekam seinen Namen. Seinen Namen um einen einzigen Buchstaben verlängert.

Der Geruch der Mandarine entfaltet sich erst nach dem Verzehr vollständig. Dann nimmt Vater die Schale und sein Messer. Er ist nicht konzentriert bei der Arbeit. Das Ergebnis muss nicht perfekt sein. Er hat es eilig.

Das ist Luise“, verkündet er. „Alles, was sie zwischen den Beinen hat, sind ein paar dünne weiße Fäden.“

Meine Brüder lachen laut, das Lächeln meiner Mutter ist still.

Ich bin ganz ruhig, denn ich habe meinen Vater in der Hand. Während er die Mandarine schälte und sorgsam ein geeignetes Stück Schale für seine Schnitzerei aussuchte, habe ich Brotstücke und Krümel geknetet, in meinen Händen eine gefügige Masse aus ihnen geformt. Und während er schnitzte und mir mit dem Messer Kontur verlieh, formte ich seinen Körper aus dieser weichen weißen Masse. Seine Arme, seine Beine, sein Geschlecht. Während alle lachen, über die weißen Fäden zwischen meinen Beinen, amputiere ich seine Arme, schneide ihm die Beine ab und kastriere ihn.

Leg die Hände auf den Tisch, Luise“, sagt mein Vater, „und sieh mich an.“

Ich lächle ihm in seine blauen Augen und lecke mir einen Tropfen Blut von den Lippen.