II

Fast jeden Tag berichten die Medien davon, wie Erwachsene Kinder verletzen. 4jährige, die auf einem Auge erblinden, weil ein Vater betrunken blindwütig um sich geschlagen hat. Diese Wunde wird immer ganz offensichtlich sein. Sein Leben beeinflussen. Eine Weiche, die weder er selbst, noch die Natur gestellt hat, die dennoch seinen Weg bestimmen wird.

Wir alle tragen mehr oder weniger Wunden aus der Kindheit mit uns herum, einige haben sich verwachsen, andere sind zu versteckt, um zu begreifen, in welchem Zusammenhang sie damit stehen, wie wir heute leiden, zweifeln, an manchen Stellen trotz aller Bemühungen, einfach nicht über uns hinaus wachsen können.

 

Ich war über 40 Jahre alt, als ich das erste Mal ansatzweise begriffen habe, wie sehr mich der frühe Tod meines Vaters, ich war gerade 5 Jahre alt, als er starb, geprägt hat. Besonders meine Trauer, die nicht gesehen, nicht begleitet worden ist. Als wäre die Trauer, die mich als Kind überfordert hat, mit der ich allein gelassen wurde, zu einem Virus geworden, der fortan immerzu in meinem Körper und meinen Gedanken wohnt und wütet. Niemals lebensbedrohlich, aber immer anwesend. Als Hüter vor zu viel Unbeschwertheit und Lebenslust.

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Familienverhältnisse

Die Vorurteile, hatte man uns beigebracht, sind notwendig, um zu überleben. Sie beschützen dich, wenn du keine Familie mehr hast. Obwohl Familie und was man sich darunter vorstellt auch ein Vorurteil ist. Meine Mutter: ein Vorurteil. Mein Vater: der Zweifel. Oder umgekehrt? und ich, die nie wusste, was ich werden soll: ein Frage- oder ein Ausrufezeichen.

Und dann spielt die Nacht ihre Rolle. Als Schwester und Bruder. Als Zukunfts-und Vergangenheitsmaschine. Als Abgrund und Einbahnstraße in den Tod. Als Weitwinkelobjektiv und unspielbar veraltetes Videospiel.

 

Der Schuh

Der Mann hatte seinen Schuh verloren, und das Kind hatte sich gefreut.

Aus seiner Freude, etwas Wasser, einigen Kieselsteinen und Blättern, sowie seiner unschlagbaren (überbordend, sagte der Vater, unheilvoll die Mutter) Fantasie, hatte das Kind ein Aquarium aus dem verlustig gegangenen Schuh gemacht. Es hatte den Schuh verzaubert, wie es selbst sagte. Die Mutter nannte den Zauber „entsetzlicher Dreck“, der Vater „ein wenig übertrieben“, und der Mann, der im dunklen Anzug mit einem noch dunkleren Blick vor der Tür stand, nannte ihn „mein verlorener Schuh“.

 

Mutterbilder

Mutterbilder

Der im Sommer entstandene Tausend Mutterbilder Blog stagniert. Das liegt an mir und an der fehlenden Resonanz.

Was nicht heißen soll, dass ich nicht sehr sehr dankbar und erfreut bin über all die wundervollen Beiträge, die bisher eingegangen sind. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an alle, die Bilder, Gedanken, Gedichte und Geschichten beigesteuert haben!

Nichts desto trotz hatte ich mir das alles anders vorgestellt. Weniger arbeitsintensiv. Und mit einer größeren Beteiligung. Seit Wochen schon habe ich keine Beiträge mehr bekommen. Vielleicht lege ich jetzt eine Pause ein und warte ein, zwei Monate ab, wie sich alles entwickelt. Meine Motivation und die Bereitschaft von Töchtern und Söhnen, Vätern und Müttern, über dieses Thema zu reden, zu zeichnen, zu singen…

Die Tür

Ich bin grausam. Wenigstens mitleidslos. Wie Schneewittchens Mutter wäre ich in der Lage dem Jäger zu befehlen, mein Kind mit sich zu nehmen und nur mit seinem Herzen in der Hand zurückzukehren. Zum Glück habe ich Söhne. Zum Glück bin ich nicht mehr in dem Alter, in dem man an unvergängliche Schönheit glaubt.
Das mit der Grausamkeit, der Mitleidslosigkeit, ist viel älter, beinahe so alt wie ich und es ist eine Geschichte, die in Märchen selten erzählt wird, eine von einem Kind, das grausam zur eigenen Mutter ist. Das Kind als Täter. Die Mutter das Opfer. Das Kind war ich. Mein Vater lag im Sterben. Ich hatte Angst vor dem Tod, oder sagen wir es so, ich fürchtete den Geruch des Sterbezimmers, die gedämpften völlig veränderten Stimmen in seiner Nähe. Die Anwesenheit meines Vaters verwandelte alles in eine lebendige Abwesenheit. Das war unheimlich. Und je mehr darüber gesprochen wurde, mit Blicken, mit Gesten, mit Bewegungen , um so unheimlicher wurde es. Es war wie in einem Magnetfeld, das alle Bewegungen entschleunigte, das die Lautstärke drosselte, ein Magnetfeld, das die Lebendigkeit herausfilterte und vor der Tür abstellte, eine Seite der Tür war seine Abwesenheit. Die andere war jenseits von ihm. Jenseits von ihm war das Leben. Das war das Problem. Deshalb musste das Leben draußen warten.
Ich war fünf Jahre alt. Ich nahm mein Leben mit in dieses Sterbezimmer. Ich war zu jung, um mein Leben von mir zu trennen und vor der Tür warten zu lassen und die anderen im Raum waren zu alt, um das zu verstehen. Aber schlimmer war, wie mein Leben in blinder Panik durch das Zimmer lief und sich an allen Ecken blutig stieß. Schlimmer war, dass nichts und niemand mein Leben beruhigen konnte.
Niemand und nichts, außer dem Tod. Und als der Tod gekommen war, hatte der Jäger getan, was ich ihm aufgetragen hatte. Er brachte mir das Herz meines Vaters als Versprechen, nie wieder in dieses Sterbezimmer zurückkehren zu müssen. Er brachte mir dieses Versprechen mit einem Telefonanruf bei dem ich nur die Stimme meiner Mutter hörte. Die Stimme meiner Mutter, die in der stets gleichen Tonlage nach unterschiedlich lang bemessenen Pausen, verkündete: „Klaus ist tot.“ Was für mich klang wie: mein Leben ist frei, es muss nicht länger ausgesperrt und eingehegt werden. Natürlich liebte ich meinen Vater, den Mann dessen riesigen Pullover ich beim Wandern als Kleid trug, den Mann mit dem mich meine Mutter während unermüdlich wiederholter Prozessionen traute, weil ich schwor niemals einen anderen zu heiraten, als ihn. Aber diesen Mann gab es schon lange nicht mehr, auf dem Platz an dem er liegen sollte, lag jetzt ich und die Vorhänge verhöhnten mich, dass ich diesen Platz doch niemals würde ausfüllen können. Ach ihr, rief ich, das will ich doch auch nicht. Er ist tot, murmelte ich und die Vorhänge lachten. Also stand ich auf, den abgegriffenen Teddy unter den linken Arm geklemmt und fragte meine Mutter: „Wie geht es Papa?“ Ich stand vor ihr und sie stand vor mir. Es war ein ganz gewöhnlicher Morgen. Sie sah tatsächlich aus wie immer, sie wandte mir ihr Gesicht zu, aber sie sah mich nicht an. Manchmal fragte ich mich, woran sie mich erkannte, so lange hatte sie mich nicht mehr angesehen. Ich musste mich sehr verändert haben, seit sie mich das letzte Mal angesehen hatte. Damals war ich ein Teil der gewünschten Familie. Jetzt würde sie mich völlig neu einordnen müssen. Jetzt gab es das Puzzle nicht mehr, nur noch das übrig gebliebene Teil, mich.
Der Boden unter meinen Füßen war kalt, das graue Telefon auf der Fensterbank schwieg. Es roch nach Kaffee und meine Mutter antwortete mit derselben Stimme, mit der sie die Nachricht am Telefon verbreitet hatte: „Papa ist tot.“ Mein Herz schlug einmal härter als sonst und ließ sich dann lange Zeit bevor es weiterschlug, der Teddy fiel nicht aus meinem Arm, die Welt drehte sich nicht in eine andere Richtung. Meine Mutter nahm mich nicht in den Arm. Ich weinte nicht. Ich weiß nicht, was danach geschah. Vielleicht sind wir beide in unterschiedliche Richtungen aus der Tür gegangen, ohne einander zu berühren, obwohl die Tür eng war.

 

Hände

Hände - Isla volante
Hände – Isla volante

Als Kind war ich zu Hause in der Landschaft des Meeres, in der Wüste, die ja auch nichts anderes war als ein Ozean aus Sand und in den steinigen Gebirgen. Alles lag in meiner Hand, solange meine Hand in der meines Vaters lag.

Tadeusz Dabrowski

Im anderen Zimmer liegt Vater, liest vor dem Schlafen.

Er hat mir immer gegeben, was ich brauchte.

Ich glaube, ich bin gut zu ihm.

 

Wir liegen in benachbarten Zimmern, Stille, man hört das Wasser

in den Heizkörpern murmeln. Die Zeit vergeht. Was sonst

kann ich tun, ihn endlos umarmen, immer wieder sagen:

 

Ich liebe dich? Ich finde nicht. Also liege ich da und denke

an sein altes Herz und die abnehmende Zahl

der ihm zugedachten Schläge. So viel Liebe, und keine Ahnung

 

wohin damit.

[aus: Die Bäume spielen Wald – Lyrik Kabinett]

Die Hände meines Vaters, ein bretonischer Küstenort und Hauptsache bewegt

Deine Hände waren ein Hafen, den ich viel zu jung und viel zu überstürzt verlassen habe, und in den ich erst kurz vor deinem Tod zurückgekehrt bin. Große schwere Hände. Sensibel genug, um feine Bleistiftlinien zu zeichnen und aus Papierbögen Schiffchen zu falten. Stark genug, um Eisen zu schmieden und um mich hoch in die Luft zu werfen und wieder aufzufangen. Zärtlich genug, um mein aufgeschürftes Knie zu verarzten und mir das Haar aus der Stirn zu streichen. Brutal genug, um deinem Zorn Ausdruck zu verleihen auf entsetzter Haut. Nicht auf meiner. Trotzdem schmerzte es. Als ich nicht mehr wegsehen konnte, verließ ich den Hafen. Da war ich zwölf. Erst an deinem Sterbebett steuerte ich ihn wieder an, hielt deine Hand, die kaum noch Gewicht hatte, keinen Widerstand mehr bot. Leicht wie ein Vogel ruhte sie in meinen Händen. Nur warm war sie noch.

 

*

 

Ich habe immer eine Sehnsucht in mir gehabt. Selten wusste ich sie zu benennen. Ein Gefühl wie Heimweh und Fernweh zugleich. Meistens wünschte ich mich woanders hin. Immer sehnte ich mich nach einem beständigen Ort. Ich bin bisher vierzehn mal in meinem Leben umgezogen, am häufigsten in der Kindheit. Ich habe Grundschulen in drei verschiedenen Städten besucht. Inzwischen sind die Abstände größer geworden, nicht zuletzt meinen eigenen Kindern zuliebe. Vor etwa achtzehn Jahren machte ich mit meiner kleinen Familie Urlaub in der Nordbretagne. Wir fanden einen Campingplatz mit Blick aufs Meer. Dort, in dem Hafenstädtchen Binic, hatte ich erstmals das Empfinden, als wären Heimweh und Fernweh zugleich gestillt. Als schlösse sich ein Kreis. Der Atlantik ist mir in dieser Bucht wie ein Geliebter, sanft tragend und Widerstand leistend zugleich. Wind, Möwen und Sonne sind mir dort vertrauter als anderswo. Dieser Ort ist mir ein inneres und äußeres Zuhause geworden. Schon viel zu lange war ich nicht mehr da. Manchmal habe ich mich gefragt, ob ich in irgendeiner Weise von dieser Küste stamme. Ob ich vielleicht keltische Ursprünge habe. Aber es nicht wichtig, das zu erforschen und zu wissen. Wichtig ist, was ich spüre, wenn ich dort bin: Zugehörigkeit. Das Gefühl, angekommen zu sein. Nichts, was man erklären muss.

 

*

 

Was ich seit vier, fünf Jahren zunehmend wahrnehme: Ein Gefühl des  Zuhauseseins im Schreiben und in der Bewegung. Beides hängt für mich zusammen; und mit Bewegung meine ich sowohl eine körperlich-räumliche als auch eine gedankliche. Reisen, Entwicklung, Lebendigsein. Ein Heimatfinden und -einrichten in mir und im Unterwegssein, in meiner Gangart, in meinem Tempo. Ich selbst als mein allereigenster Ort, egal wo, Hauptsache bewegt. Unterwegs und mit der Ahnung eines Hafens im Kopf.

 

 

Herzlichen Dank an Iris für diesen Text zum Thema Heimat.

 

U – Boot

 

U-Boot - Isla volante
U-Boot – Isla volante

Ich hatte mir meinen Vater immer in einem beinah leeren, sehr stillen U-Boot vorgestellt. Dort saß er allein an einem großen Tisch und notierte für mich die Märchen, die ihm die Wassertiere diktierten. Die Kraken, die ihren eigenen Geschichten ständig widersprachen, so dass mein Vater nie für mich herausfinden konnte, wie sie zu ihren zahlreichen Gehirnen gekommen waren, der Blauwal, dessen Zungenschlag so schwerfällig war, dass er nach wenigen Worten verstummte, und mein Vater am Ende wieder seine eigene Fantasie spielen lassen musste, damit mein Vorrat an Märchen nie zu Ende ging.