Parallelgeschichten (1)

In der Taschenbuchausgabe von Nádas Parallelgeschichten wird der Spiegel zitiert: „Ein Meisterwerk, das Worte für etwas findet, das keine Sprache hat: Sexualität.“ So dumm die meisten Klappentexte sind, fällt mir dieser wieder ein, während ich die ersten Seiten lese, von diesem leicht hysterischen Studenten, der bei seinem Morgenlauf die Leiche im Tierpark gefunden hat.

Der feinfühlige Polizist, der ihn mit nebensächlichen Fragen zum Schweigen bringt. Diese Beobachtungen, wie ohnmächtig man dem eigenen Körper gegenüber ist, wie dieser Körper, mit dem man sich selten eins fühlt, einen verrät und beschämt.

Vielleicht ist es sogar das, worum es in erster Linie geht in diesem Roman, um die unterschiedlichen Geschichten, die sich in einem Menschen abspielen. Die Geschichten des Körpers, der sich nicht mehr kontrollieren lässt. Der einen unübersehbaren Widerspruch zum alles kontrollierenden Geist darstellt. Und wie Nádas Parallen dazu findet, in einer anderen Zeit, in einem anderen Land, in eben dieser Geschichte, die parallel dazu erzählt wird, in Ungarn, Jahrzehnte zuvor:

Zum Beispiel gab es zwischen dem sogenannten Arbeitszimmer und dem sogenannten Esszimmer eine pièce de dégager, eine Art Durchgangszimmer, einstmals das Rauchzimmer, in dem sie nur einen antiken chinesischen Teppich gelassen hatte. Allerdings hing von der Decke ein riesiger barocker Lüster. Die beiden Gegenstände passten weder zueinander noch zu dem relativ kleinen Raum, hatten auch keine wirkliche Funktion, trotzdem wirkten sie nicht peinlich. Sie kamen miteinander aus, starrten sich aus unüberbrückbarer Distanz an, hatten nichts miteinander gemein, verkörperten nur unterschiedliche Weltanschauungen. Das entsprach völlig dem Zeitgeist.“

Wie Nádas mich dazu bringt, das nicht einfach als eine Beschreibung von Räumlichkeiten zu lesen, sondern als Entsprechung zu diesem Leib-Seele Dualismus, ist großartig.

Ich hatte das Buch ja bereits kurz nach seinem Erscheinen gelesen. Allerdings nur mittels eines geliehen Exemplars, 40 Euro für ein Buch waren einfach nicht drin, jetzt, als Taschenbuch kostet es die Hälfte, und natürlich ist es das Doppelte und viel mehr wert, aber manchmal ist einfach das Geld knapp, und die Möglichkeit es zu lesen gab es ja auch ohne diese Ausgabe, um so glücklicher war ich, als ich das Buch jetzt für 20 Euro als Taschenbuch kaufen konnte. Wie sehr ich dieses Buch schon damals geliebt habe, fällt mir erst jetzt, beim zweiten Lesen auf. Sofort fühle ich mich wieder zu Hause in der großbürgerlichen Wohnung in Budapest in der Gyöngyvér ein Fremdkörper ist.

Dieser Name; ein Teil Perle, der andere Blut, Schneewittchen und Aschenputtel, aber mit gebräunter Haut und einer Leidenschaft für den Gesang. Und der Mann, der sie nicht gerettet hat und sie auch nicht retten will, ist kein Prinz, aber trotz allem ein Sohn. Das alles weiß ich zu diesem Zeitpunkt aber lediglich dank der früheren Lektüre, zunächst lese ich die Geschichte des Hauses, in dem sich die Wohnung befindet, in der Gyöngyvér mit Agó, seiner Mutter, seinem Cousin und der Hausangestellten und ihrem vierjährigen Sohn, weniger lebt als geduldet wird.

Kein Wunder, dass von Architektur die Rede ist, weil dieser Roman eine perfekte Architektur hat, eine, die man nur mit äußerster Konzentration und frühestens beim zweiten Lesen entdeckt, wie sich der zerfallene Dachstuhl wiederfindet in der Geschichte von den plündernden Truppen zum Beispiel.

Von Menschen mit und ohne Köpfe

Ein Mensch verhält sich demokratisch, wenn er offen ist für die Argumente anderer. Demokratie fängt im Kopf an, denke ich. Und endet in der Verfassung.

Ist schon eine Weile her, dass Réka das geschrieben hat, aber lesenswert ist es allemal. Immer.

Und ganz besonders, möchte ich jetzt noch nachtragen, die prächtige Diskussion dazu.

1990

Chile wählt Patricio Aylwin und wird demokratisch. Irakische Truppen besetzen Kuwait. Deutschland wird wiedervereinigt, die Berliner Mauer abgerissen. Mit der Freilassung Nelson Mandelas beginnt das Ende der Apartheid Politik in Südafrika. Seit über 40 Jahren gibt es zum ersten Mal wieder demokratische Wahlen in Ungarn.

Für die Frau vergeht das Jahr unter einer Glasglocke der Einsamkeit, weil die letzten versöhnenden Worte und ein Zuhause fehlen.

Die WHO streicht Homosexualität aus dem Diagnoseschlüssel der Krankheiten. Der erste Prototyp mit HTTP, HTML und der Kombination von Webserver und Webbrowser geht in Betrieb. Octavio Paz bekommt den Literaturnobelpreis. Im Kino läuft „Der Club der toten Dichter.“

 

Anish Kapoor - Untitled, 1990