Siri Hustvedt – Eine Frau schaut auf Männer die auf Frauen schauen

Der Satz auf dem Blatt Papier fühlt sich richtig an, weil er ein Gefühl in mir beantwortet, und dieses Gefühl ist eine Form von Erinnern

Dabei meint Hustvedt durchaus auch ein erweitertes vorgeburtliches oder vielleicht sogar „kosmisches“ Gedächtnis. Manche mögen das für esoterisch halten, ich hingegen glaube an die Verbundenheit aller Menschen. Die letztendlich wahrer ist als die Angst, die uns immer wieder dazu bringt, uns voneinander abzugrenzen.

Schreiben ist meistens unbewusst. Ich weiß nicht, woher die Sätze kommen. Wenn es gut läuft, weiß ich es weniger, als wenn es schlecht läuft. Eine Welt wächst, und eine Lösung präsentiert sich von selbst. […]

Die Ideen, Sätze, Lösungen entstehen […] aus Interaktionen und Dialogen. Das Außen bewegt sich nach innen, sodass sich das Innen nach außen bewegen kann.“

Surrealistinnen

Spätestens mit der neuen Beschäftigung mit Elisabeth Masé ist mir nochmals deutlich geworden, wie faszinierend ich surrealistische Bilder finde. Vielleicht auch, weil in keiner mir bekannten anderen Richtung Malerei und Literatur ein so enges Bündnis eingegangen sind.

Während die surrealistischen Maler sehr bekannt sind, weiß man jedoch allgemein wenig über die surrealistischen Künsterlinen, die ebenfalls eine wichtige Rolle gespielt haben.

Der Surrealismus war eine männliche Domäne. Frauen hatten bestenfalls als Geliebte und Muse Zutritt zu diesem Zirkel, der sie naturgemäß besonders ansprach. Nicht der Männer, sondern der Thematik wegen.

Eine Thematik, die sich vielleicht am besten in einem Zitat von Lautréamont zusammenfassen lässt, das längst zum geflügelten Wort innerhalb surrealistischer Kreise geworden ist:

„wie die Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ (Lautréamont, die Gesänge des Maldoror, 6. Gesang)

Die Zwänge der Logik, der Kontrolle, des Folgerichtigen sind hier außer Kraft gesetzt. Die Vorherrschaft des Intellektes über das Unbewusste gilt nicht länger.

Man Ray war der erste, der die Quintesenz, die die Surrealisten aus Lautréamonts Schriften zogen, in ein Bild übersetzte, mit The Enigma of Isidore Ducase (dem bürgerlichen Namen Lautréamonts)

 

Frauen spielten als Musen, als Bild für Schönheit, als Geliebte und als Sinnbild für das Geheimnisvolle der Natur eine Rolle, aber immer unter Beibehaltung der männlichen Dominanz. Das Weibliche spielte eine große Rolle im Surrealismus, die Frau selbst jedoch nicht.

Spiele waren von zentraler Bedeutung für die Surrealisten. Eines der beliebtesten (und vermutlich auch bekanntesten) Spiele stammte von Yves Tanguy und nannte sich „Cadavre exquis“, die köstliche Leiche. Gemeinsam wurde eine Figur gezeichnet, wobei der Nachfolger nicht sehen konnte, was sein Vorgänger gezeichnet hatte, das das Blatt an dieser Stelle gefaltet wurde.

Die Surrealistinen spielten die Spiele der Männer eine Zeit lang mit, indem sie sich als Traumfiguren und Fantasiegeschöpfe malten. Dann jedoch emanzipierten sie sich von den männlichen Vorgaben.

Elisabeth Masé

Entdeckt habe ich Elisabeth Masé 2007 bei der Ausstellung „Die Unsterblichen“ in der Bielefelder Studiengalerie. Ausgestellt wurden damals hauptsächlich Portraits. Daher auch der Titel „Die Unsterblichen“. Allerdings sind Masés Portraits keine Idealbilder, vielmehr macht sie das Verborgene sichtbar.

Sie selbst sagt dazu: „Die Menschen, die ich porträtiere, inspirieren mich. Sie sind meine Muse. Sie werden zu einem Buch, in dem ich lese. (…) Von einem gewissen Moment an beginne ich, zu träumen und vertraue dem Unbewussten. Meine Modelle sind für mich eigentlich Schauspieler, für die ich ein Stück kreire, oder ein Bühnenbild male.“

Elisabeth Masé „Das 20. Jahrhundert

Ähnlich geht Elisabeth Masé auch mit einem Selbstbildnis um, das, wie sie sagt, nur entstanden ist, weil ihr Mann sich gewünscht hatte, sie solle sich doch einmal selbst malen. „Ich musste mir überlegen, was ich tun sollte. Meinen Mann habe ich als Bild gemalt. Das geschah nicht geplant. Ich fing damit an, mich mit Hilfe eines Spiegels zu malen. Erst danach entstand die andere weibliche Figur, eine Malerin ohne Kopf, aber mit nacktem Körper. Dann kam die Staffelei mit dem Bild, auf dem das Profil meines Mannes erscheint. Das Ergebnis ist die geschlechtliche Umkehrung des klassischen Motivs Maler und Modell. Ich selbst wollte mich im Bild nicht schonen, ich wollte mich weder schön noch heroisch malen. Ich malte mich als Festgewachsene und Zerzauste und Erschöpfte. Die erschöpfte Figur mit dem aufrechten Kopf kann nicht einfach weg. Sie trägt die Schuhe in der Hand, aber ihre Beine sind wie bei einer Pflanze festgewachsen. Sie zieht ihre Säfte aus dem Untergrund oder, wie ein Parasit aus dem Kopf des mannes. Der Mann wiederum trinkt die Milch der kopflosen Nackten. Das Bild ist also sehr ambivalent. Es gibt Hingabe und Aggression. Die Sexualität und die Inspiration stehen in einem spannungsvollen Verhältnis zueinander. Sie scheinen schier auseinander zu brechen. Das Bild stellt auch einen Kreislauf dar: Die Malerin nährt den Mann im Bild mit ihrer Milch. Aus dem Kopf des Mannes wachsen zwei schmale Baumstämme, die wiederum als Beine in den Rumpf meines Spiegelbildes hineinwachsen. In meinem Bild nähren sich Mann und Frau also gegenseitig. Für mich ist das wie ein Perpetuum Mobile, wobei das Körperliche eine wichtige Rolle spielt.“ (Elisabeth Masé im Gespräch mit Stefanie Heraeus, zitiert nach Elistabeth Masé Die Unsterblichen, Kerber Verlag 2007)

Fotografien des Unbewussten

„Es ist ja eine andere Natur, welche zur Kamera als welche zum Auge spricht, anders vor allem so, daß an die Stelle eines Menschen mit Bewußtsein durchwirkten Raums ein unbewußt durchwirkter Raum tritt. Ist es schon üblich, daß einer, beispielsweise, vom Gang der Leute, sei es auch nur im groben, sich Rechenschaft gibt, so weiß er bestimmt nichts mehr von ihrer Haltung im Sekundenbruchteil des Ausschreitens.

Die Photographie mit ihren Hilfsmitteln: Zeitlupen, Vergrößerungen erschließt sie ihm. Von diesem Optisch-Unbewußten erfährt er erst durch sie, wie von dem Triebhaft-Unbewußtem durch die Psychoanalyse.“ (Walter Benjamin: Kleine Geschichte der Photographie (1931). )

August Strindberg, Photogram, 1892-1896, Kristallisation einer Eisblume, courtesy Strindbergsmuseet Stockholm