Die Welt wird alt und wird wieder jung…

Das war das Motto für die Lesung am Tag nach der Diskussion.

Beobachtungen im Vorfeld: sehr kleine Menschen, ein Mann mit Handtasche, ritualisierte Begrüßungsgesten, dutzendfach wiederholt.

Ein Theatersaal, weinrote Samtsitze, festlich gekleidete Menschen, die übliche Altersstruktur, weiße Köpfe, kahle Stellen, und trotzdem ist in fast allen Gesichtern etwas Jugendliches, häufig sogar Kindliches, etwas, das es mir leicht machte, das kleine Mädchen, die junge Frau zu sehen, die immer noch in diesem, jetzt alten, Körper steckt.

Die Hand der Veranstalterin zittert, als sie ihre einleitenden Worte vom Blatt liest. Dann liest Hartung von der Muse des Alters, dem hilflosen Blick des Alters, den Bildern, die wir behalten. Gedichte, die manchmal sehr direkt sind, mir seltsam überholt vorkommen, sie berühren mich kaum, was auch irgendwie am gefühlskalten Vortrag liegen mag, oder an meiner Abwehr, oder an der sehr anderen Welt, in der wir leben; Harald Hartung und ich. So ein seltsam distanzierter Vortrag, als wären es gar nicht seine Gedichte, oder, schlimmer noch, als würden sie nicht einmal ihn selbst berühren.

Dann die Langsamkeit und Ruhe der Gitarristin.

Sandig liest aus Grimm. Wieder ein sehr rhythmischer Vortrag, schmeichelnd, singend, fast schreiend. Das Märchen vom Schlaraffenland der Brüder Grimm. „Wir kennen uns nicht. Ich kenn mich ja selbst nicht.“ Sie performiert ihre Gedichte, verkörpert sie…

Der Versuch von Begeisterung, Besänftigung, der Spannung zwischen diesen Polen.

„Tief in der Zukunft der Märchen…“

 

Adam Zagajewski liest als letzter. Zeilen, die ich mir gemerkt habe:

„nur in der fremden Musik ist Trost.

Einsamkeit wie Opium.

Berauschend selbstlos

Unter dem schweren Schnee der Laken“

 

Dichter haben immer Angst, sagt Zagajewski, dass das Publikum weg geht.

Und hat vielleicht wirklich keine Ahnung, wie schön es ist, die Gedichte von ihm vorgelesen zu bekommen. Mit der sanften Melancholie seines Tonfalls. Gedichte, die Geschichten erzählen, oder vielmehr Gedanken.

 

 

 

 

 

 

 

Gedichte oder Steuererklärung?

„Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen“. Naina (@nainablabla)10. Januar 2015
Dieser Tweet löste Anfang des Jahres eine breite Diskussion über Lerninhalte an weiterführenden Schulen aus. Selbst die Bildungsministerin mischte sich ein, keine der großen Zeitungen, die nicht ihren Kommentar dazu geschrieben hätten, und jetzt wird das Thema noch einmal in Detmold aufgewärmt. Harald Hartung, Ulrike Almut Sandig, die für die erkrankte Anne Cotton eingesprungen ist, und Adam Zagajewski sollen, von Hans Jürgen Balmes moderiert, darüber reden, was wichtiger ist; zu lernen, wie man Gedichte interpretiert, oder wie man eine Steuererklärung macht.

 

Zum Auftakt liest jeder der Teilnehmer sein Lieblingsgedicht vor. Hartung wählt das Gedicht „Sonett“ von Berthold Brecht. Ihm gefällt es, sagt er, weil es das einzige ihm bekannte Gedicht sei, in dem das Wort Badesalz vorkommt, auch wenn es sich im übrigen um ein eher schwaches, fehlerhaftes Gedicht Brechts handle. Ulrike Almut Sandig, die nicht an die „Fehlerhaftigkeit“ von Gedichten glaubt, liest ein Gedicht von Helga Novak, deren Lebensgeschichte sie kurz umreißt. Weil sie sich immer so schlecht entscheiden könne, habe sie zwei Gedichte mitgebracht, sagt Sandig, und liest als zweites ein Gedicht von Jesse Thoor.

Auch Adam Zagajewski liest zwei Gedichte. Eins des jungen Czeslaw Milosz und ein spätes Gedicht eben jenen Dichters. Besonders schön ist, dass er eines der Gedichte sowohl auf Polnisch als auch auf Deutsch liest, und niemals zu erwähnen vergisst, wer die Übersetzung besorgt hat. Während das erste Gedicht, das Milosz als sehr junger Mann geschrieben hat, voller Hoffnung und Reinheit ist, ist das zweite das Gedicht eines Philosophen, eine verdichtete Geschichte des 20. Jahrhunderts.

 

In der anschließenden Diskussion spricht Sandig von der radikalen Subjektivität, die ein Gedicht erlaubt.

 

Schließlich steht die unvermeidliche Frage im Raum, ob man es lernen kann, Gedichte zu lesen.

Hartung nennt das Beschreiben als wichtigsten und gleichzeitig grundlegenden ersten Schritt zum Verständnis eines Gedichtes, und Sandig ergänzt, man solle dem Autor vertrauen, voraussetzen, dass der Dichter die richtige Form und Tonlage gewählt hat. Form, so meint sie, dient dem Tonfall, nicht umgekehrt.

 

Schließlich kommt eine wunderbar leidenschaftliche und radikal subjektive Wortmeldung aus dem Publikum, von einem Menschen, der so jung ist, dass er noch an „eine Menschensprache“ glaubt. Leider ist keiner der Diskussionsteilnehmer fähig oder willens auf ihn einzugehen. Hartung speist ihn damit ab, dass Kunst immer etwas absichtsvoll Gemachtes sei.

Ebenso unvermeidlich geht es im Folgenden um die „Größe“ eines Gedichtes. Zagajewski spricht vom Geheimnis des Urteils. Sandig relativiert, dass ein Wert das Überdauern der Zeit eines Gedichtes sei, und ein anderer der, dass ein Gedicht voll und ganz in seiner eigenen Zeit aufgehe. Und Balmes moderiert, dass nicht das, was bleibt, sondern das, was lebendig bleibt, ein die Zeiten überdauerndes Gedicht ausmache. Tradition und Zeitgeist befruchten einander. Die Tradition wird auf diese Weise immer wieder neu erfunden.

 

Zum Abschluss der Veranstaltung sagt Harald Hartung explizit auf das Motto bezogen, Gedichte seien das Medium, das sich mit der wirklichen Welt befasst, nicht die Steuererklärung, obwohl diese sehr wohl vorkommt in der wirklichen Welt.