Am Ufer steht eine Frau

Am Ufer steht eine Frau,

gebückt,

zusammengesunken, als hätten

ihre Knochen sich aneinander

geschmiegt, um besser der

Kälte zu trotzen, die von Jahr

zu Jahr heftiger angreift.

 

Jedes Jahr vier, fünf Möglichkeiten

weniger, sich aus den Zusammenhängen

zu winden, zu lachen

obwohl es weh tut.

 

Sie bewegt die Lippen,

zitternde Striche, die

Worte murmeln, die lauter sein

sollen, als die, die sie von selbst finden.

 

Der Wind reißt ihr die Laute

von den Lippen. Läuternd.

Berührt sie. Flüsternd.

Und sie schweigt.

Treibt hinaus

Kein Glanz,

nur ein offener Horizont.

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Erinnerung

 

Manchmal hat sie das Gefühl, verrückt zu werden. Sie wirft Rettungsanker ans Ufer, die niemand aufzufangen bereit ist. Und so muss sie ertrinken im Meer ihrer Erinnerungen, die keiner mit ihr teilt. Die sie verschlingen.

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Meine Sprache, die an mir bricht, verborgen, begraben wird durch meine Überzeugungen, durch die Überheblichkeit, deren Zeuge ich bin. Wallace Stevens sagt: „Dinge, die wir sehen, sind Dinge, wie wir sie sehen.“ Das ist unsere Macht, die gleichzeitig unsere Ohnmacht ist. Ein kluges Verweilen in den Zuständen. Zwischen Mitleid und Angst. Zwischenräume, in denen Tausende ertrinken. Am Ufer unserer Wohltätigkeit. Der Mangel, das sind wir. Diese Unfähigkeit hinzusehen, zu handeln, zu teilen.

Blut im Schuh

 

 

 

Blut im Schuh - Isla volante
Blut im Schuh – Isla volante

 

Das Blut im Schuh war gestillt

ich ließ dich gehen

immer am Ufer entlang

deine schrumpfende Gestalt

umrahmt von der Brandung

verlor an Sichtbarkeit

nicht an Gewicht

Das machte die Schritte so schwer

dass das Blut

wieder zu fließen begann.

 

 

Ufer

Ufer - isla volante
Ufer – isla volante

Damals, als mir langsam die Kontrolle über mein Leben zu entgleiten begann, als mir alles dermaßen über den Kopf wuchs, dass nicht einmal das Meer mich trösten konnte, dachte ich wieder häufiger an diesen Mann, der mir als Kind einen wohligen Schrecken eingejagt hatte, wenn er der Brandung entgegen lief und gegen das Rauschen der Wellen anschrie.

Er war gleichzeitig stark und schwach, er hasste und liebte das Meer, wollte, dass es ihn mitnahm, ohne dass er jemals das Ufer verlassen müsste.

Was mich wirklich tröstete, selbst heute noch, war die Tatsache, dass er dem Meer nicht gleichgültig war.

Außer Hörweite

Außer Hörweite
Außer Hörweite – Isla Volante

Wenn man wirklich tief in die Wahrheit eintaucht, hatte er gesagt, kommt man als ein anderer wieder heraus. Dann war er zur See gefahren. So war es immer. Er gab ihr einen Satz über den sie lange nachdenken konnte und verschwand. So waren es nicht seine Hände, an die sie sich erinnerte, nicht sein Körper, nur die Worte und seine Stimme. Und jetzt sah sie dieses Schiff, nicht weit vom Ufer, aber sie konnte es nur sehen, nicht hören, und darum drehte sie ab.