VI

Den Dingen auf den Grund gehen. Aber dann ist dort nur Traurigkeit, oder ein weiteres Mal die Angst vor dem Scheitern. Keine Erkenntnis. Keine Anschlussmöglichkeit für weitere Sätze.

III

Vielleicht führt das zu weit. Und auf diese Weise zu nichts.

Die Traurigkeit verkörpern, ihr eine Stimme geben.

„Dass dein Zorn ein Loch sprengt“, steht da. Und dann nichts mehr. Was für ein Zorn? Zorn worauf? Und wo hinein wird das Loch gesprengt?

Vielleicht weil Zorn immer noch etwas ist, das ich bei mir nicht erkenne, das ich mir nicht zugestehe.

Obwohl ich gerade kürzlich erst erlebt habe, wie gut es tut, wie klärend und reinigend es sein kann, wütend zu werden.

Und dann lese ich noch einmal, und plötzlich ist klar, dass das Loch der Widerspruch ist; zwischen Wunsch und Realität, dem, was ist, und dem, was sein sollte.

 

Nach dem ersten besinnungslosen Sturm der Verliebtheit, werden die Narben sichtbar. Es ist nicht voraussehbar, ob sie einander heilen, oder weiter aufreißen werden. Nichts ist absehbar. Genau das ist zuerst ein Abenteuer und dann, wenn sich die Hormone beruhigt haben, eine Unsicherheit, die droht, dir den Boden unter den Füßen weg zu ziehen.

 

(19)

Es gibt einen Unterschied zwischen verschlossenem, verstocktem Verhalten und der Unlust über Überflüssiges zu reden. Dieser Unterschied ist ebenso groß und bedeutsam wie der zwischen Traurigkeit und Melancholie, oder eben zwischen Geschriebenem und Literatur.

(3)

Jeden Nachmittag das Vorhaben, die Zeit abends zum Schreiben zu nutzen, und genauso regelmäßig die Nichteinlösung des Vorhabens. Weil die Schmerzen so ermüden, jegliche Energie rauben und Schlaf das einzige Mittel ist, ihnen wenigstens ein paar Stunden lang zu entkommen.

 

Es gibt Fotos aus meiner Kindergartenzeit. Ich sitze mit anderen Kindern bastelnd am Tisch. Trotzdem sieht man die Isolation. Klar und deutlich.

 

Der Herzschlag, der Körper, der alles leistet. Jeden Tag sein Bestes tut, während sich Traurigkeit in seinen Zellen ablagert.

 

Die Beweglichkeit ausbilden, am Rand der Vernunft.

 

Im übrigen die Nachrichten ausblenden. Das Elend der Flüchtlinge, Pegida, die toten Schulkinder in Pakistan, die Lage in Russland, das Leid in Syrien und hier in den Asylantenwohnheimen.

Mich verschließen und wieder öffnen.

Fenster

Ein Fenster hat so wenig Leser1 , sagte sie, und dass sie glaubt, dass das ein Zitat sei, nur habe sie vergessen von wem. Wir gehen durch Amsterdam, an den Grachten entlang. Wir gehen sehr langsam, weil sie in jedes Fenster sieht. Lange und genau. Möglicherweise sind diese tiefliegenden Fenster der Grund, warum sie hierher fährt. Wer weiß das schon? Was weiß ich über sie?

Wir sind uns auf einem Friedhof begegnet. Auch dort, bei dieser ersten Begegnung, spielten Fenster eine Rolle. Es hat mich traurig gemacht, dass sie so jung war. Und jetzt, fast zehn Jahre und unzählige Fenster später, ist sie immer noch jung, und ich habe mich längst an die Traurigkeit gewöhnt. So wie sie sich damit abgefunden hat, dass ich nicht aufhöre, ein anderer sein zu wollen als ich bin.

Ein Fenster hat so wenig Leser, hat sie gesagt. Und ich habe nicht gefragt, was sie damit meint. Nur von wem das ist.

 

 [Krautgarten Nr. 63]
1Uljana Wolf