Traum

Der Traum
Der Traum – Isla volante

Geträumt die Zeit hielt auf mich zu. Ein gewaltiger, behäbiger Schauffelraddampfer, dem ich nicht entkommen konnte. Trotzdem ruderte ich wie wild.

Als ich erwachte, erkannte ich die Lösung und lachte.

Ich muste nur darunter hinweg tauchen. Die einzige Gefahr bestand darin, dass ich nicht genug Atem haben würde.

Bahnhof (Reisen)

Blick aus dem Fenster
Blick aus dem Fenster

Man hat sie in diesen Zug gesetzt. Sie kann sich an nichts erinnern. Als sie die Augen aufschlug, saß sie hier. In diesem Abteil. Am Fenster. Dankbar, dass es hell war, dass das Fenster nicht ihr Gesicht spiegelte, sondern Landschaften vorüberfliessen ließ. Gegenden, von denen sie gerne gesagt hätte, dass sie ihr unheimlich erschienen. Gespenstisch. Wie ein Traum, aus dem man schnellstmöglich aufwachen möchte.

Traum

Ich habe geträumt, als wäre es möglich mit den Träumen die Einsichten zu vertrieben. Ein Wort, das mir nie gefallen hat, die Worte mit „ein“ schmecken bitter. Einsam, einengend, eindeutig, Einfalt. Andererseits: Einfall. Obwohl auch das kein schönes Wort ist. Es klingt wie Überfall, Angriff. Es klingt nicht danach, dass sich ganz unversehens, wenn man endlich zu hoffen, kämpfen und grübeln aufgehört hat, etwas da ist. Eine Idee, etwas das einen auf einmal wieder mit Energie erfüllt, mit Freude, mit Möglichkeitssinn. Mit der Vielfalt, die man nun (endlich) der Einfalt entgegensetzen kann.

Die Unebenheit der Betrachtung

Das Verlöbnis der Zeit mit etwas außerhalb ihrer selbst. Loben und geloben und dann weitergehen. Nicht darüber hinaus, aber darüber hinweg.

Ein Stirnrunzeln und die drei magischen Sätze der Taxifahrer.

 

Geheimsprachen und das Verstummen der Einsamen. Kraftlosen.

Erst muss man den Mund halten, dann kann man begreifen, was verschwiegen worden ist.

 

Ich verlor mich in der Unebenheit der Betrachtungen. Ein Auge ist kein Auge und einer der zuguckt noch lange keiner der sieht.

 

Die kleine Frau packt ihren Koffer. Es ist ein roter Koffer. Er ist leicht. Die kleine Frau reist stets mit kleinem Gepäck. Erst muss man ankommen in der Bewegungslosigkeit der Zeit, dann kann man aufbrechen, neue Sprachen, Menschen, Länder entdecken, für eine kurze Zeit vergessen, dass sich alles gleicht und es Abenteuer nennen.

 

Die Namen und die Rollen, die wir ihnen zugestehen. Wie kann man etwas begreifen, wofür man keinen Namen hat?

Am Anfang war das Wort. Später das Bild. Aus beiden entstand der Traum vom Festhalten der Beweglichkeit.

Das Haus

Ein Haus im Süden. Der Putz ist abgeblättert. Das Haus ist alt. Möglicherweise nicht mehr bewohnt. Ein stummer Zeuge für Geschichten, die sich in ihm abgespielt haben.

Die Frau wird das Haus kaufen. Koste es, was es wolle. Es ist ihr Haus. Das für sie bestimmte Haus. Sie hat ein wenig Geld. Nicht sehr viel, aber genug, dass man ihr Kredit geben wird, dass sie eine Hypothek aufnehmen kann auf das Haus. Sie ist krank. Sie wird nicht mehr lange leben. Das Haus ist ihr letzter Wunsch. Sie glaubt, dass man ihr diesen letzten Wunsch nicht abschlagen kann.

In der Nacht hat sie von einer Frau geträumt. Erfolgreich, schön und beliebt. Diese Frau hatte sich erschossen und während sie starb dachte die Sterbende: Und ich lebe noch. Noch immer.

Dann war es vorbei. Die Frau war tot, das Entsetzen über ihren Tod breitete sich aus.

 

Die kleine Frau träumt

Die kleine Frau hat von Schiffen geträumt. Von Matrosen und hohen Wellen. Von einer Enttäuschung, die schwer genug ist, um einiges aufzuwiegen.

Sie war Jona und ließ sich ins Wasser werfen.

Erst muss man untergehen, dann kann die Luft nach einem schnappen.

Erst muss die Dunkelheit dich einhüllen, dann kannst du dir ein Kleid weben aus Nichts.

Der Fisch wollte sie nicht gehen lassen. Er war einsam und vermisste ein gutes Gespräch. Weil er glücklich war, öffnete er das Maul und Licht traf die kleine Frau, die erwachte.

Armer Fisch, murmelte sie, wir sehen uns wieder in Ninive.

Die Träumer des Tages

Nur ein Dummkopf kann glauben
dass Träume aus rosa Daunen bestehen
Als würden sie nicht nachts nach dir greifen
sich in alles hineinwagen
(ähnlich wie das Wasser ganz anders als du)
Das einzige was du in der Hand hast
ist dein eigener Abbruch

Dunkel die Tage etwas Weißes hängt im Geäst

Da hast du nun all diese Worte gelernt
Und die Art sie aneinander zu fügen
(ich gehe du gehst er sie es geht)
um im falschen Moment zu schweigen
Statt nach Worten
ringst du nach Luft
Und später
viel später erst
wirst du alles begreifen und sagen
dass Proust Recht hat
Den Frauen die wir geliebt haben
können wir niemals wieder begegnen
weil sie nicht im Raum gelebt haben
sondern in der Zeit.

Fünfzehnter Juni

Gibt es etwas Besseres, als keine Ahnung zu haben? Was wäre das für ein kümmerliches Leben, das ahnte, was eine Handlung, die man als Kind ausführt, Jahrzehnte später bedeuten würde? Ein Leben voller Vorhersehbarkeit und Kontingenz (wobei ich nicht weiß, was Kontingenz wirklich bedeutet. Das Wort kam mir einfach so, eigentlich gegen meinen Willen, in den Sinn). Und eigentlich wollte ich ohnehin etwas ganz anderes schreiben. Von der Waldregel, von der Frau Draessner sehr überzeugend erzählt hat, oder wie ich mich vorhin in alten Tagebuchaufzeichnungen verloren habe, wie von draußen Baustellengeräusche, das Brummen von Maschinen, das Klappern von Metall, in den Raum dringen, in dem ich schreibe. Wie ich immer wieder den Faden verliere, ohne überzeugend davon schreiben zu können, wie ich den Faden verliere. Wie ich zwischen Sachtext und Fantasie hängen bleibe, unfähig (oder nur unlustig?) mich zu bewegen, seit von Befreiung keine Rede mehr sein kann.

Überzeugen: was für ein merkwürdiges Wort. Oder zurechtfinden.

Es war einmal und dann überfiel mich das Schweigen. Das ich in Lügen kleidete. Hinter Glas.

Und jetzt ist mir wieder eingefallen, dass ich ursprünglich davon schreiben wollte, dass ich von Motten geträumt habe. Heute Nacht.