Hanau

Man weiß gar nicht wohin mit sich vor Trauer und Wut, schreibt Max Czollek, und ich zitiere das einfach, weil ich nach wie vor sprachlos bin angesichts dessen, was am Mittwoch geschehen ist. Wir müssen auf unsere Sprache achten sagt Steinmeier und Merkel sagt, Hass und Rassismus sind Gift. Warum nur hat es so lange gedauert, bis wir das endlich erkennen? Einige Antworten dazu liefert auch Kübra Gümüsays Buch Sprache und Sein, die wichtigste Lehre für mich aus diesem Buch ist aber die „Erlaubnis“ Fehler zu machen, sich zu entwickeln, nur so können wir doch gemeinsam versuchen eine neue Gesellschaft zu schaffen. Nur auf die Straße zu gehen genügt nicht, wir brauchen Utopien und Mut, gerade auch Mut, zu scheitern, Fehler zu machen, uns unsere Beschränktheit einzugestehen, weil das ja auch bedeutet, dass wir einander brauchen. Gümüsay macht mit ihrem klugen Buch Mut, sich nicht nur mit anderen Sichtweisen, sondern auch mit der eigenen Begrenztheit auseinander zu setzen, um Austausch an die Stelle von Abgrenzung zu setzen.

II

Fast jeden Tag berichten die Medien davon, wie Erwachsene Kinder verletzen. 4jährige, die auf einem Auge erblinden, weil ein Vater betrunken blindwütig um sich geschlagen hat. Diese Wunde wird immer ganz offensichtlich sein. Sein Leben beeinflussen. Eine Weiche, die weder er selbst, noch die Natur gestellt hat, die dennoch seinen Weg bestimmen wird.

Wir alle tragen mehr oder weniger Wunden aus der Kindheit mit uns herum, einige haben sich verwachsen, andere sind zu versteckt, um zu begreifen, in welchem Zusammenhang sie damit stehen, wie wir heute leiden, zweifeln, an manchen Stellen trotz aller Bemühungen, einfach nicht über uns hinaus wachsen können.

 

Ich war über 40 Jahre alt, als ich das erste Mal ansatzweise begriffen habe, wie sehr mich der frühe Tod meines Vaters, ich war gerade 5 Jahre alt, als er starb, geprägt hat. Besonders meine Trauer, die nicht gesehen, nicht begleitet worden ist. Als wäre die Trauer, die mich als Kind überfordert hat, mit der ich allein gelassen wurde, zu einem Virus geworden, der fortan immerzu in meinem Körper und meinen Gedanken wohnt und wütet. Niemals lebensbedrohlich, aber immer anwesend. Als Hüter vor zu viel Unbeschwertheit und Lebenslust.

(24)

Was wir getan haben, und was wir zu tun versäumt haben.

Nebel senkte sich wie ein Trauerflor über das Gebäude, als wir gingen.

Tafelrunden

Wir reden nicht viel. Unter dem Loch in der Luft, einem Loch, das all unseren Ehrgeiz zurück wirft. Ich bin, du bist, er sie es ist. Tafelrunden. Jeder ist mit seinem Teller Unverständnis beschäftigt. Die stille Trauer, über all die leeren Stunden, die nicht länger geteilt werden wollen. Ein Abtreten und Aufwachen.

Ein verzweifeltes Festhalten an der Angst, an der Größe und Denkkraft der anderen. Alles billige Tricks, um nicht aufstehen zu müssen. Die Hand zu öffnen, wie Sterntaler mit einem zum Auffangen gefalteten Hemd unter diesem Loch in der Luft zu stehen, und aufzufangen, was es verschleudert. Freigiebig. Begriffslos.

Vergänglichkeit

Bei den Eltern trauert man um die Vergangenheit, wenn der Partner oder ein Kind stirbt, wird einem Zukunft genommen. Die Trauer scheint nach dieser Logik in unterschiedliche Richtungen zu laufen. Macht das einen Unterschied? Für die Intensität der Trauer, den Schmerz an sich? Oder sind es nur unterschiedliche Erklärungen für das gleiche Gefühl?

Ich bin besessen von der Angst, der Vergänglichkeit. Und dem Scheitern beim unermüdlichen Versuch, eine Lösung zu finden. Dieser Angst mit Vertrauen zu begegnen, der Vergänglichkeit mit Annahme, Hingabe, Präsenz.

Glaube

Das Licht malte Kreuze in die Zimmer, wie in den minimalistischen japanischen Kirchen. Es gab die Augen der Kinder. Und niemanden mehr, der sie ansah. Es gab die Trauer. Und keine Möglichkeit, sie zu teilen.

Keine Augenblicke, keine Wut, nur diesen tauben Schmerz und das Versprechen, er werde ewig bleiben.

Alte Schattenbilder, neue Schattenbilder.

Das Beste, was du erreichen kannst, ist eine gewisse Ähnlichkeit.

Und dann der Moment. Das Messer.

Wenn keiner dir glaubt.

 

(41)

Ich weiß nicht, ob ich jemals einen Traum hatte, den Traum, reich und berühmt zu werden, den Traum Mutter zu sein, Zentrum einer großen und glücklichen Familie. Oder wenigstens den Traum, zu schreiben. Jeden Tag mit Leichtigkeit die Seiten zu füllen, ohne eine Sekunde darüber nachzudenken, wie unnütz und überflüssig das ist.

Stattdessen habe ich eine Zeitlang geschrieben und es vermisst, als keine Worte mehr einfach so aufs Papier flossen. Habe Kinder bekommen und musste lernen, sie loszulassen.

Was ich damit sagen will; ich wurde immer wieder auf mich selbst zurückgeworfen.

Wir alle, alle anderen, aber vor allem all die anderen, die wir gewesen sind, leben fort in uns. Die Bilder, die Trauer, die Glücksmomente, das Suchen und wie es auf einmal aufgehört hat. Die Aufgaben, die uns dazu eingeladen haben, uns aufzugeben, endlich unser Ego loszuwerden und uns stattdessen zu verbinden, mit einer Tätigkeit, mit anderen Menschen, mit einer Idee.

Und das Ego, das immer wieder aufstand, und mit seinen falschen Fragen alles zerstört.

01. März

Wo denkst du hin?

In den Tod viel zu junger Menschen.

Wie wir immer wieder versuchen, sie festzuhalten, mit der Schrift.

 

Sie haben ein Feuerwerk gezündet.

Ich habe die Bilder gesehen.

Sie waren gemeinsam traurig und hilflos.

Und ich erlaubte mir keine Fragen,

weil wer tot ist, nicht mehr sprechen kann.

 

 

Geburt

Ich sah mein Leben
aus mir herausstürzen
ohne im geringsten zu begreifen

jetzt war ich bereit
alle Fehler weiter zu vererben

Schuld auf mich zu laden
um die frisch entstandene Leere
in meinem Körper
zu füllen

Ein Ort der Trauer
von dem sich das Leben zurückzog
während du blühtest