Ich ohne die Welt

Draußen war es grau. Drinnen waren diese Erinnerungen. Sie waren nicht willkommen. Sie waren auf dem Weg zu verschwinden, d.h. sie waren treue Begleiter. Lebenslang.
Zu den Erinnerungen trat dieser Satz. Nicht um sie auszulöschen, nicht einmal um sie zurückzudrängen. Um ihnen Gesellschaft zu leisten, damit sie sich wohl fühlten vielleicht. Der Satz kam aus einem Buch. Ich hatte ihn arglos gelesen, wie die meisten Sätze, die ich sofort vergaß. Besonders die, die ich mir merken wollte, weil ich mir etwas davon versprach, worüber ich später nachdenken wollte.
Dieser Satz blieb. Er handelte von der Vorstellung, tot zu sein. Davon, dass tot zu sein nicht bedeutet: die Welt ohne mich, sondern: ich ohne die Welt (und der Satz stand in einem Buch, das Olga Martynova geschrieben hat. Ein poetisches Buch, in dem trotzdem Taschentelefone und Emails und Weblogs vorkommen und das ich schon aufgrund dieser Tatsache erstaunlich fand)
Der Satz, den die Martynova losgeworden war, indem sie ihm einem „schlafwandlerisch und nie ganz nachvollziehbar“ redenden Maler angedichtet hatte, war nun also bei mir eingezogen und fühlte sich offenbar sehr wohl bei meinen gastfreundlichen Erinnerungen. Es fühlte sich so wohl, dass es hemmungslos Fragen stellte. Mir Fragen stellte. Die Erinnerungen sahen darüber hinweg. Weil sie über alles erhaben waren.
Wie das gehen sollte, die Welt ohne mich in meiner Vorstellung. Die Welt ohne meine Vorstellung. Die Erinnerung bedrängten solche Fragen nicht. Mich schon.
Dann kam der Alltag, der ging einfach weiter, ganz ohne meine Vorstellung und nachts kam der Traum. Ich hatte von Flohmärkten geträumt und vom Tod. Der Tod ein Tauschgeschäft, das auf einem Flohmarkt abgewickelt wird. Und das Leben ist vielleicht etwas ganz ähnliches.

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Die Alten

Die Alten, die, die den Kindern sagen und beibringen, was richtig ist, und was falsch, gut und böse, wofür es sich zu kämpfen lohnt, all diese Dinge, die den weiteren Weg, das ganze Leben des Kindes bestimmen werden, sind schon so gut wie tot. Sie leben eigentlich nur noch, um diese Werte weiterzugeben. Und sobald das Kind das versteht, haben sie vielleicht noch ein paar Jahre, manchmal weniger, sehr selten mehr, bevor sie endgültig abtreten. Das ist unheimlich, denkt das Kind, das immer noch in der alten Frau steckt.

 

Vergänglichkeit

Bei den Eltern trauert man um die Vergangenheit, wenn der Partner oder ein Kind stirbt, wird einem Zukunft genommen. Die Trauer scheint nach dieser Logik in unterschiedliche Richtungen zu laufen. Macht das einen Unterschied? Für die Intensität der Trauer, den Schmerz an sich? Oder sind es nur unterschiedliche Erklärungen für das gleiche Gefühl?

Ich bin besessen von der Angst, der Vergänglichkeit. Und dem Scheitern beim unermüdlichen Versuch, eine Lösung zu finden. Dieser Angst mit Vertrauen zu begegnen, der Vergänglichkeit mit Annahme, Hingabe, Präsenz.

Der Hunger der Zeit

Manchmal tauchen Erinnerungen auf, die sie jahrzehntelang vergessen hatte. Als wolle irgendetwas in ihr (aber was, wie nennt man diesen Bereich? Denn er muss einen Namen haben, um sich verständlich machen zu können. Auf keinen Fall ist es der Intellekt. Mehr kann sie nicht sagen) ihr Geschichten erzählen, ihr etwas vormachen. Oder sie erinnern? Die Zeit verschlingt uns. Die Zeit macht gar nichts. Die Zeit ist die Form, der wir uns ständig anpassen müssen. Ihre Kinder, wenn sie alle paar Wochen einmal zu Besuch kommen, können nichts mit ihr anfangen. Sie scheint weit entfernt, gefangen in ihren Geschichten von der Vergangenheit. Nahezu alle Sätze beginnt sie mit: weißt du noch? Wisst ihr noch?

Ihre Kleider hängen unförmig an ihrem immer dünner werdenden Körper herunter. Manchmal machen sich die Kinder Sorgen um sie. 10, 15 Schritte lang, bis sie in entgegengesetzte Richtungen davon gehen, zurück in ihr eigenes Leben. In eine Gegenwart, zu der sie keinen Zutritt hat. Die sie aus keinem verständlichen Gründen nicht betreten kann. Sie ist müde. Nie hungrig. Außer nach diesen Geschichten. Es war einmal. Weißt du noch.

Hast du manchmal Angst vor dem Tod?, hat die Schwester sie einmal gefragt, und sie hat sie, auf einmal sehr wach und aufmerksam, lange angesehen. Später hatte die Schwester ein schlechtes Gewissen, sie gerade mit einer derartigen Frage aus ihrer Lethargie, ihrer Weltabgewandtheit gerissen zu haben.

Glücklicherweise können es die wenigsten verstehen, dass sie sich unmöglich fürchten kann vor ihrem Tod. Denn sie ist schon so lange leblos, so lange vielmehr Teil des Todes, des Sterbens, als Teil der anderen Seite, der Lebendigkeit. Tod, das heißt für sie nur, dass die Erinnerungen aufhören werden, dass sie endlich verschwinden wird in diesen unüberbrückbaren Abgrund, der sie von den anderen trennt.

 

In der Bahn hört sie, wie ein Mann, er mag Mitte Dreißig, Anfang Vierzig sein, seinem Begleiter von einer Frau (seiner Großmutter?) erzählt. Ihr Problem sei, dass sie nicht wahrhaben wolle, dass sie 90 Jahre alt sei. Dass sie mit ihren 90 Jahren immer noch so tue, als wäre sie 70.

Vielleicht, denkt sie, hat die alte Dame die letzten 20 Jahre Differenz nicht gelebt (ist wie sie in den Erinnerungen gefangen gewesen), oder sie hat sie vergessen, weil sich die Tage so sehr glichen. So unterschiedslos eintönig, gleichförmig waren, dass sie immer wieder zurück fiel auf ihr 70. Lebensjahr, bis man sie erinnert, wie weit das zurückliegt, und dass es nun gilt, beherzt auf den Tod zuzuschreiten.

Ist es das, was der Mann meint? Dass eine 90jährige sich bereitmachen sollte, zu sterben, statt wie eine 70jährige am Leben zu hängen?

(20)

Die Zeit fließt. Ich stehe.

Etwas hält mich zurück, das viel stärker zu sein scheint als ich. Dabei ist es nur hartnäckiger. Geduldiger.

 

Und was bleibt nach dem Tod?

Nichts. Nur die Lebenden, die sich zulächeln, die sich erinnern. (Marguerite Duras, C´est tout)

 

Ich habe verlernt zu spielen. Oder ich habe nie ernsthaft genug gespielt.

18. April

Zwei Leichen auf dem Weg hier her. Ein Küken unterhalb der Brücke und hier an den Teichen ein platter, seltsam ausgetrockneter Frosch. Ein Schwan zieht majestätisch seine Runden. Ich habe das Gefühl, alles, was ich zu sagen hätte, ist längst schon gesagt worden. Und was andere sagen, verstehe ich nicht. Du bemühst dich zu wenig, sagt die Stimme in mir, die mich Tag für Tag müder macht. Und dann bricht die Sonne durch die Wolken, der aggressive Hundebesitzer schweigt. Ich bin ein verlassenes Kind, das tapfer auf den Tod zugeht.

(17)

Man stellte ihr ein Bein. Eher absichtslos. Wer sich dann entschied, über das ausgestreckte Bein zu stolpern, war sie selbst. In vollem Bewusstsein. Mit voller Absicht.

Die Geräusche aus dem Hintergrund (Hinterhalt?), die sie heute so wenig wie all die Tage zuvor einordnen kann, spielen sich vor einem blauen Himmel ab. Auch die Sonne ist schon da.

 

Der Verlust der Kindheit. Klein sein, Kind sein, glauben und vertrauen können, in der magischen Welt leben, wo nahezu alles belebt ist, alles voller Fantasie. Jede Handlung ein Abenteuer. Ein Verlust, der niemals aufgewogen werden kann. Was sind Erfolg, Sexualität, Selbstbestimmung, gegen dieses Paradies?

 

Die Spitze meiner Ratlosigkeit brennt langsam aus. Hüllt mich ein. Begräbt mich unter meiner unstillbaren Sehnsucht nach früher, viel früher. Am besten noch vor meiner Geburt.

 

Meine Cousine hat man um die Osterzeit herum aus der Nidda gefischt. Sie war nur kurz verschwunden, und dann schon tot. Auf meiner Hochzeitsfeier, fünf Jahre vor diesem Osterfest, an dem sie sich ganz auf das Sterben konzentrierte, während alle anderen die Auferstehung feierten, hatte sie mir skandinavische Namen für das Kind, das ich erwartete, vorgeschlagen.

 

Immer wieder diese Abbrüche, fehlende Anschlussstellen. Lücken, die sich wie Abgründe anfühlen.

Mein Leben und dieses Nicht mehr leben von so vielen, die ich gekannt habe.

01. März

Wo denkst du hin?

In den Tod viel zu junger Menschen.

Wie wir immer wieder versuchen, sie festzuhalten, mit der Schrift.

 

Sie haben ein Feuerwerk gezündet.

Ich habe die Bilder gesehen.

Sie waren gemeinsam traurig und hilflos.

Und ich erlaubte mir keine Fragen,

weil wer tot ist, nicht mehr sprechen kann.

 

 

(12)

Sie begann sich zu verlieren, an die Vernunft. Alles wollte ihr Verstand erklären, bevor sie die Möglichkeit hatte, es zu empfinden. Wenn sie sich zu wehren versuchte, schickte der Geist ihr Erinnerungen. Sie sollten ihr zeigen, was sie verloren hatte, wie viel sie versäumt hatte, und in wie vielen Fällen sie jämmerlich versagt hatte.

Manchmal wurde sie aufmüpfig und fragte: Was ist Versagen? Etwas Unausgesprochenes? Ein Bild, auf dem man nichts erkennt? Eine Liebe, die man nicht einmal zurückweist, weil sie einen gar nicht erst erreicht? Eine Nachricht, die sich selbst auslöscht, bevor sie über die albern schmerzhafte Selbstbezogenheit hinausgehen kann?

Jeder Buchstabe ist ein Schritt zu auf deinen Tod, mahnte der Verstand, und sie glaubte (und fühlte!) es selbst nicht, wenn sie antwortete: Aber jeder dieser Schritte heißt Leben, selbst der letzte noch. Erst nach den Schritten, dem Atem, ist Tod.