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Jeder Mensch hat ein Talent. Und böse oder traurig, gefährlich oder vollkommen nichtsnutzig wird er nur dann, wenn er dieses Talent nicht ausüben, ausleben kann. Wenn er so neben sich her leben muss, an sich vorbei. Weil er an das Talent allein nicht glauben kann, oder Angst hat, oder sich weigert, ausgerechnet dieses Talent zu haben. Und dann zählt er lieber wie viele Tage noch bis zu seinem Tod. Und wenn das nicht mehr geht, wenn einfach nichts mehr auszuhalten, aber auch nicht zu ändern ist, dann liest dieser Mensch eben ein Buch.

Die Geschichte, die in mir steckte, war spätestens mit dem frühen Tod meines Vaters so unübersichtlich geworden, dass ich den Trost von Geschichten mit Anfang, Mitte und Ende, mit Handlungen und Sinn, mit einem Ziel und nachvollziehbaren Gründen, bitter nötig hatte.

19. Januar

Unsere blassen Gesichter in der Bahn, gespiegelt von anderen durchscheinend weißen Gesichtern.

Ein Kind steigt mit seinen kurzen Beinen tapfer die hohen Stufen des Ausstiegs herab. Keiner hat es eilig. Zwei Frauen lächeln einander erleichtert zu, als das Kind die große Aufgabe ohne Zwischenfall bewältigt hat.

Es ist wahr, wirklich aufregend und bereichernd ist das Schreiben nur, wenn ich zu Beginn keine Ahnung habe, was am Ende auf dem Papier stehen wird.

 

Worüber kann ich reden, welche Fragen stellen, wenn ich glaube, dass am Ende nichts bleibt? Und ich mich nicht einmal freuen kann, wenn mein eigenes Buch in meiner Lieblingsbuchhandlung im Regal steht? Wenn alles nur vorläufig ist, weil jeder Moment der Gegenwart mich mit der Vergangenheit konfrontiert.

Dieses unerträgliche Paradox, dass die Liebe zu meinen Kindern von Anfang an bedeutet, sie zu befähigen, ohne mich zu überleben, zurecht zu kommen, glücklich zu sein.

 

Irgendwann werde ich aufhören, Tagebuch zu schreiben, um wieder Geschichten zu verfassen. Eine in der irgendwann diese Worte fallen: „Zwing mich nicht, glücklich zu sein. Ich habe kein Talent dazu.“