Sisyphos

Ein Insekt, in Bernstein verewigt, gefangen, auf eine lebendige Art tot, während die auf dem Küchentisch liegen gelassene Uhr tickt, und ich wünschte, ich könnte die Ratschläge, die ich anderen gebe, selbst beherzigen. Beherzigen klingt wie Bergziegen. Bei Ziegen denke ich an die zwei kostbaren Besuche mit M. im Berliner Zoo und bei Berg an Sysiphos (den ich nie richtig schreibe) und seinen Stein, den er immer wieder, jedes Mal aufs Neue, vergeblich den Berg hinauf rollt. Vielleicht ist genau das ein Sinnbild für unser Leben; jeden Tag die Vergeblichkeit bezwingen, oder aber unsere Pflicht tun, Aufgaben annehmen, ausführen, von denen wir von Anfang an wissen, sie sind zum Scheitern verurteilt. Ist Sisyphos ein glücklicher Mensch (ich glaube Camus hat das behauptet), oder ist er bemitleidenswert? Ein Pechvogel? Ein Opfer? Und was ist das eigentlich für ein dämliches Wort „bemitleidenswert“. Als hinge das Mitleid von einem Wert ab. Erst ab einem bestimmten Wert von Unglück, Leid, Benachteiligung ergibt sich eine Berechtigung zum Mitleid, bedauert zu werden, sind andere aufgefordert, Mitgefühl zu zeigen.

Ich aber sage euch: keiner versteht den Schmerz eines anderen und doch: wer sich öffnet – dem Leid ebenso wie dem Glück, sich selbst ebenso wie die anderen – der wird belohnt werden.

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Vom Sinn eines Tagebuchs

„Wir leben auf einem laufenden Band, und es gibt keine Hoffnung, dass wir uns selber nachholen und einen Augenblick unseres Lebens verbessern können. Wir sind das Damals, auch wenn wir es verwerfen, nicht minder als das Heute –
Die Zeit verwandelt uns nicht.
Sie entfaltet uns nur.
Indem man es nicht verschweigt, sondern aufschreibt, bekennt man sich zu seinem Denken, das bestenfalls für den Augenblick und den Standort stimmt, da es sich erzeugt. Man rechnet nicht mit der Hoffnung, dass man übermorgen, wenn man das Gegenteil denkt, klüger sei. Man ist, was man ist. Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte, und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben. Schreiben heißt: sich selber lesen. Was selten ein reines Vergnügen ist; man erschrickt auf Schritt und Tritt, man hält sich für einen fröhlichen Gesellen, und wenn man sich zufällig in einer Fensterscheibe sieht, erkennt man, dass man ein Griesgram ist. Und ein Moralist, wenn man sich liest. Es lässt sich nichts dagegen machen. Wir können nur, indem wir den Zickzack unserer jeweiligen Gedanken bezeugen und sichtbar machen, unser Wesen kennenlernen, seine Wirrnis oder seine heimliche Einheit, sein Unentrinnbares, seine Wahrheit, die wir unmittelbar nicht aussagen können, nicht von einem einzelnen Augenblick aus -.“

(Max Frisch – Tagebuch 1946 – 1949)

Gefäß

Ich bin ein Gefäß voller Leere, ein leeres Gefäß angefüllt mit Zweifel, Fragezeichen, Versagen. Die Zeit vergeht, aber sie nimmt mich nicht mit.

Laborwerte. „Sie sind gesund.“ Damit ist das Problem medizinisch gelöst und wieder da, wo es hingehört; bei mir.

02. Juni

Es ist warm, aber nicht heiß. Man hört Motoren, die Autos, aber ohne die Abgase zu riechen. Ab und zu Stimmen, unterschiedliche Sprachen. Zwei Frauen in engen schwarzen Hosen, die dickere von ihnen mit rotem T-Shirt und gefärbten roten Haaren, stehen in der Sonne an der Haltestelle und halten sich ihre Handys entgegen. Währenddessen eine melodische, aber fremde Sprache, ich habe dem Klang nach einen arabisch aussehenden Mann erwartet, aber dann taucht eine Frau auf, Brille und Kopftuch, dunkle Haut, und kurz darauf hat die Straßenbahn alle verschluckt.

Außer der Frage, was uns zu dem macht, was wir sind. Was formt uns? Wie viel Einfluss haben wir selbst und wo sind wir ausgesetzt, ein Spielball der Verhältnisse, der Hormone, unserer Erziehung und Kultur?

11. November

Erst die Nachricht vom Tod Leonard Cohens, und jetzt auch noch Ilse Aichinger.

Die Aufgabe von Literatur ist nicht die Suche nach Wahrheit, sondern das Säen von Zweifeln, das Sensibilisieren für die Vielfalt, für all das, was unter der Oberfläche liegt, also eigentlich eine allumfassende Öffnung. Literatur gelingt, wenn sie Einseitigkeit bewusst macht, in Vielfalt oder Einsicht verwandelt. Der Verzweiflung das Vertrauen in die Kraft der Fragen entgegen setzt. Das hat sie immer getan, die große Ilse Aichinger. Jetzt durfte sie endlich endgültig verschwinden.

Überfluss

Heute vor fünf Jahren, erinnert mich WordPress, habe ich diesen Blog begonnen. Damals, erinnere ich mich, war Bloggen noch aufregend. Immer wenn ich einen Artikel freigab, war ich ein kleines bisschen aufgeregt, freute mich auf Reaktionen und Kommentare, war neugierig darauf, was anderswo in den Blogs passierte. Obwohl WordPress viel viel größer und unübersichtlicher war als twoday, wo ich zuvor meinen Blog hatte, hatte ich nicht das Gefühl der Überforderung oder Überschwemmung. Es war eine Fülle aus der ich schöpfen konnte. Wann und vor allem warum daraus eine Flut wurde, die mich unter sich begrub, und meine Neugier wegschwemmte, bis da nur noch ein riesiger Überdruss war, weiß ich nicht. Ich glaube es hat sehr viel weniger mit der Plattform, der Vielzahl von Blogs oder gar deren Inhalt zu tun, als mit mir selbst.

Und ich erzähle das alles hier auch nur, weil ich merke, dass sich langsam wieder etwas ändert, ich bin wieder neugierig, ich habe wieder Lust, selbst etwas zu erzählen und beizutragen. Es gibt sogar ganz konkret eine neue Idee, an der ich langsam aber beständig arbeite, und die ich hoffentlich bald hier präsentieren kann. Vielleicht hat dann die eine oder der andere von euch Lust an diesem Projekt mitzuwirken. Wir werden sehen.