Susan Sontag – Kunst und Antikunst

In „Über den Stil“ schreibt Susan Sontag: „Wenn es wahr ist, daß wir nicht urteilen können (moralisch, begrifflich), ohne damit zu verallgemeinern, dann trifft es ebenso zu, daß das Erleben des Kunstwerks und dessen, was im Kunstwerk repräsentiert wird, das Urteilsvermögen übersteigt – wenn auch das Werk selbst als Kunstwerk beurteilt werden kann.“

 

 

Dieser Satz, der zunächst wie eine Lösung für alles erscheint, bevor er weitere Fragen aufwirft (wie ich mir überhaupt ein nach allen Seiten abgesichertes Weltbild aus Zitaten basteln könnte, und oft auch versucht bin, genau das zu tun, wenn ich mir erlauben würde, auf das Nachdenken, auf den Eigensinn, zu verzichten.).

 

 

Das Kunstwerk läßt uns etwas Einmaliges sehen und begreifen, nicht aber bewerten und verallgemeinern. Dieser Akt des Begreifens, der von Wollust begleitet ist, ist der einzige vertretbare Zweck und die einzige überzeugende Rechtfertigung des Kunstwerkes.“

 

 

In diesem Zitat also die Begründung, warum etwas, das nicht bewertet werden kann, weil es das Urteilsvermögen übersteigt, sehr wohl als Kunstwerk begriffen werden kann. Begriffen auch im Sinne von definiert, also kategorisiert, also benannt, also bewertet. Nämlich indem man dem Werk die Frage stellt, ob es das leistet, ob es den Betrachter, den Leser, etwas Einmaliges sehen und begreifen lässt, oder ob es sich im Allgemeinen verliert. Ob es also einen Schritt über etwas zu beurteilendes hinausgeht und ergreift, ganz subjektiv und einmalig. Über jegliches Objektivität hinausgehend. Sie sprengend.

 

Kriegsbilder

Irgendwann im Wartezimmer ist mir der erste Artikel über Kriegsberichterstatter in die Hände gefallen, es ging um zwei Männer deren Leben ihr Beruf ruiniert hatte, beide litten unter posttraumatischen Belastungsstörungen aufgrund der Erlebnisse, die sie während ihrer Reportagen gemacht hatten, beide waren mehrfach lebensgefährlich verletzt worden. Wenig später las ich in einem Magazin die Geschichte einer Kriegsfotografin, die während ihrer Reportagen ein Auge verlor und nur mit Alkohol weitermachen konnte. Dann sah ich „Das Leiden anderer betrachten“ von Susan Sontag und las es.

Wozu gibt es Kriegsfotos? Warum setzen sich Menschen dieser Gefahr aus? Und: bewirken diese Fotos etwas? Das waren meine Fragen.

Virginia Wolff konnte in ihrem Essay Drei Guineen (1936/37) noch die Überzeugung vertreten, dass sich über „das Ansehen von Bildern“ eine gemeinsame Basis finden lasse, eine Grundlage, von der aus man ohne große „Verständigungsschwierigkeiten“ argumentieren kann. Kriegsfotografien hielt sie demnach für ein probates Mittel zum Einverständnis darüber zu kommen, dass Krieg „eine Abscheulichkeit, eine Barbarei [ist], Krieg muss verhindert werden.“

Kann man das heute noch glauben? Kann überhaupt noch jemand daran glauben, dass sich Kriege auf lange Sicht verhindern lassen?

Eine weitere Tatsache, auf die Wolff in ihrem Essay hinweist ist die Feststellung, dass die „Kriegsmaschine männlich“ ist. Welche Schlüsse kann man daraus ziehen? Inwiefern ist das von Bedeutung und wie hängt es mit der Frage der Fotografien zusammen?

Susan Sontag bezeichnet Kriegsfotografien als Rhetorik: „Sie insistieren. Sie vereinfachen. Sie agitieren. Sie erzeugen die Illusion des Konsensus.“ Zwischen Mann und Frau, Freund und Feind, Sieger und Besiegten.

Natürlich, denke ich, muss sichtbar gemacht werden, was in einem Krieg geschieht. Mir fällt ein anderes Buch ein, „Die Schreie der Verwundeten“ von Henning Ritter, in dem er u.a. von Henri Dunant, dem Gründer des Roten Kreuzes berichtet. Mitleid kann es nur geben, wenn die „Schreie der Verwundeten“ wahrgenommen werden, das ist Dunants Überzeugung und sein Beweggrund, die Schlacht von Solferino besonders aus Sicht der Verwundeten und Leidenden zu schildern. Bereits ein Jahr nach der Veröffentlichung seines Berichtes, findet die erste Rot-Kreuz Konferenz statt.

Sontag geht von einer anderen Tatsache aus: „Wo es um das Betrachten des Leidens anderer geht“, schreibt sie, „sollten wir kein „wir“ als selbstverständlich voraussetzen. Statt also „aufzuklären“, sichtbar zu machen, was vormals verborgen blieb, bestärken die Bilder in erster Linie die Meinung und Haltung, die der Betrachter bereits vor der Ansicht der Fotos hatte. Jemand, der den Krieg verabscheut, sieht sich durch die Greuel und das Leiden auf den Fotografien bestätigt, jemand, der voller Hass auf eine anderer Nation oder Volksgruppe ist, nährt seinen Hass durch Bilder von Verwundeten des eigenen Volkes.

Worauf es ankommt, ist also die Interpretation der Fotos, mittels Bildunterschriften, die Täter und Opfer kenntlich machen. Oder, um einen Schritt zurückzugehen, die Entscheidung, welche Bilder, welche Grausamkeiten gezeigt werden.

Das ist die Seite derjenigen, die die Macht über die Bilder ausüben. Als Betrachter wiederum, gerät man schnell in die Rolle eines Voyeuers.

Und dann die „Beweismacht“ der Fotos. Im Gegensatz zu Gemälden galten Fotos und gelten immer noch, als Beweise. Was aber beweisen Fotos ohne die jeweiligen Überschriften, Untertitelungen? Wie gut kann sich die „Wahrheit“ des Fotos gegen die der Worte, die es einordnen, behaupten?

Inzwischen ist bekannt, dass viele der berühmt gewordenen Kriegsfotografien gestellt waren. Das bekannteste (wenn auch friedliche) Beispiel für die Aufregung der Betrachter, wenn sich herausstellt, dass ein Foto gestellt ist, ist Doisneaus Foto der Liebenden vor dem Hôtel de ville. Sontag schreibt dazu: „Besonders heftig ist unsere Bestürzung, wenn sich Fotos als arrangiert erweisen, die intime Höhepunkte festzuhalten scheinen, vor allem solche der Liebe und des Todes.“

Erst seit dem Vietnamkrieg, so Sontag, könne sich der Betrachter einigermaßen sicher sein, daß keines der bekannt gewordenen Fotos gestellt war.

Eine ganz andere Frage ist die, was die Anwesenheit von Kriegsreportern in einem Krisengebiet bewirkt. Sontag berichtet von einem Foto, das 1968 von Eddie Adams aufgenommen wurde, bei dem der Chef der südvietnamesischen Polizei, General Loan einen Verdächtigen nur deshalb auf offener Straße erschießt, weil ein Fotograf anwesend war.

Inwiefern machen wir uns mitschuldig an solchen Taten, wenn wir Kriegsfotos, Kriegsberichte ansehen?

Andererseits rücken Fotos und Berichte vom Krieg das Geschehen näher, bewahren vor dem Vergessen.

Wer den Fortbestand der Erinnerung sichern will, der hat es unweigerlich mit der Aufgabe zu tun, die Erinnerung ständig zu erneuern, ständig neue Erinnerungen zu schaffen – vor allem mit Hilfe eindringlicher Fotos“, schreibt Susan Sontag.

Wie wirken die Bilder auf uns, abgesehen davon, dass sie uns zu Voyeueren machen, welche Gefühle rufen sie hervor? Abscheu? Mitleid? Ignoranz? Haben die Bilder eine Botschaft für uns?

Sontag stellt dazu folgende These auf: „Solange wir Mitgefühl empfinden, kommen wir uns nicht wie Komplizen dessen vor, wodurch das Leiden verursacht wurde. Unser Mitgefühl beteuert unsere Unschuld und unsere Ohnmacht.“ Das heißt diese Fotos beeinflussen unsere Wahrnehmung von Krisen. Je mehr Fotos, desto größer die Wahrnehmung. Andererseits ist es gerade die Überflutung mit Bildern, die uns abstumpfen lässt.

Ich finde keine eindeutigen Antworten auf die Fragen, auch nach der Lektüre von Sontags Essay nicht. Aber vielleicht ist es wichtiger, dass die Fotografien Fragen aufwerfen, als allzu einfache Antworten zu liefern.

Susan Sontag „Kunst und Antikunst“

Gegen Interpretation

Ich habe vor einiger Zeit im Zusammenhang mit Mariana Abramovic schon einmal über dieses Buch gesprochen, über den Aufsatz „Gegen Interpretation“. Abramovic läuft immer noch nicht irgendwo in der Nähe, aber ich bin ja demnächst in Berlin und kann ihn hoffentlich dort sehen. Sontags Essay enthält aber so viele bedenkenswerte Gedanken, dass ich einige davon festhalten möchte.

Was ist der Wert von Kunst? Hat Kunst überhaupt einen Wert? Das ist die Ausgangsfrage und Sontag führt Plato an, der Kunst schlichtweg als Lüge bezeichnete, aber auch Aristoteles, der der Kunst immerhin einen „therapeutischen“ Wert zugestand, „da sie gefährliche Emotionen zutage fördert und läutert.“

Auch heute beherrscht diese Fragestellung die Einschätzung von Kunst. Es herrscht die Vorstellung, „daß das Kunstwerk mit seinem Inhalt identisch ist.“

Da der Inhalt dermaßen im Vordergrund steht, ergibt sich die Notwendigkeit der Interpretation, die dann wiederum die Vorstellung, dass es einen Inhalt der Kunst gibt, verfestigt.

Nun könnte man fragen, was denn bedenklich oder überhaupt bemerkenswert daran sein sollte, dass Kunstwerke interpretiert werden. Auf ein Werk einzugehen und es mit Sinn zu füllen, sollte doch genau das sein, was sich jeder Künstler wünscht.

Sontag setzt dem entgegen, dass die Interpetation den Text verändert, das Kunstwerk zähmt. Sie schreibt: „Wirkliche Kunst hat die Eigenschaft, uns nervös zu machen. Indem man das Kunstwerk auf seinen Inhalt reduziert und diesen dann interpretiert, zähmt man es.“

Ihrer Meinung nach, wäre eine entgegengesetzte Herangehensweise die richtige: „Unsere Aufgabe ist es vielmehr, den Inhalt zurückzuschneiden, damit die Sache selbst zum Vorschein kommt.“

Und das sollte auch der Grundsatz sein, nach dem die Kritik arbeiten sollte: „Die Funktion der Kritik sollte darin bestehen aufzuzeigen, wie die Phänomene beschaffen sind, ja selbst, daß sie existieren, aber nicht darin, sie zu deuten.“

Aber ist das überhaupt möglich? Ist nicht die bloße Beschreibung, die Wiedergabe der Form, bereits Interpretation? Eine Verschiebung von der inhaltlichen zur formalen Interpretation?

Kunst ist, wenn sich der Inhalt in Form auflöst, wenn die Form den Inhalt in den Hintergrund treten lässt, erläutert Sontag in folgenden Aufsatz „Über Stil“ am Beispiel der Filme von Leni Riefenstahl, die in den gelungensten Fällen über Nazipropaganda hinausgehen. „Leni Riefenstahls Genie bewirkte, daß der „Inhalt“ – wenn auch vielleicht gegen ihre eigene Absicht – eine rein formale Rolle spielt.“

Marina Abramovic

Am 29. November ist der Dokumentarfilm „The Artist is present“ über Marina Abramovic in den Kinos angelaufen. Leider noch nicht in meiner Stadt.

Manchmal kommen einzelne Elemente so zueinander, dass sie sich verbinden und etwas Neues entstehen lassen. So geht es mir mit Abramovic, die ich für eine Naturgewalt halte, und der Frage, was Kunst ist, was Kunst ausmacht, und der Lektüre von Susan Sontag, die sich in Kunst und Antikunst gegen die Interpretation und die Trennung von Inhalt und Form ausspricht.

„Wirkliche Kunst hat die Eigenschaft, uns nervös zu machen,“ schreibt sie. „Indem man das Kunstwerk auf seinen Inhalt reduziert und diesen dann interpretiert, zähmt man es.“

In diesem Sinne ist Marina Abramovic die Personifikation von Kunst. Eine unbezähmbare Kämpferin.

Der weibliche Blick II

Ich bin keine erklärte Feministin, ich habe diesen ganzen theoretischen Hintergrund nicht, Judith Butler z.B. habe ich nie gelesen, aber ich bin eine Frau, und deswegen, vermute ich, muss ich solche Erklärungen vorausschicken, wenn ich mir das Recht nehme, für mich zu klären, was einen weiblichen Blick ausmacht, die weibliche Sicht auf die Welt. Denn das, so scheint mir, ist ganz tief verwurzelt weiblich (anerzogen), sich zurückzunehmen, seine eigene Meinung nicht zu wichtig zu nehmen, sondern eben nach Mustern zu suchen, nach Vorbildern und dann Dinge zu tun und zu sagen, die anderen gefallen, die den Blick nicht gerade auf einen Konflikt lenken, sondern auf etwas, das Wohlgefallen auslöst. Harmonie.

So schaden wir einander immer noch, statt uns etwas zuzutrauen, statt uns auch ein Scheitern und Irrtümer zu erlauben, statt zu sagen, wie Melusine es in ihrem Kommentar vorschlägt, dass Kochen nicht nur in der 5 Sterne Gastronomie, sondern auch in der häuslichen Küche, Kunst ist, dass das was wir tun, durchaus Vorbildcharakter haben kann, oder jedenfalls bestehen kann, jeden Vergleich bestehen kann. Statt dessen rechtfertigen wir uns und machen uns auf diese Weise angreifbar. Wir betrachten uns selbst und die andere mit Zweifel und Angst. Warum nicht mit Neugier? Mit Stolz darauf, was erreicht worden ist, auch wenn das Ziel noch in einiger Entfernung liegt. Dass Frauen ehrgeizig sind, oder sich unterordnen, dass sie aber wählen können zwischen Möglichkeiten, die ihnen sehr lange verwehrt gewesen sind. Die Frau, die nicht länger im wahrsten Sinne Hausfrau sein muss (auch wenn sie es noch sein darf, obwohl das ja auch so nicht stimmt), die jedenfalls nicht mehr notwendigerweise so verwachsen sein muss mit dem Haus, wie Louise Bourgeoise es in ihren Skulpturen zur Hausfrau verdeutlicht hat.

Aber was ist mit dem Ansehen, wenn Frau den Kopf aus dem Haus befreit. Wie wirken sich die Veränderungen darauf aus, wie Frauen angesehen werden?

„Man stelle sich ein Buch mit Bildern von Frauen vor“, schreibt Susan Sontag, „in denen keine der Frauen als schön zu bezeichnen wäre. Hätten wir nicht den Eindruck, daß der Photograph etwas falsch gemacht hat? Niederträchtig war? Ein Frauenfeind ist? Uns um etwas gebracht hat, das zu sehen uns zustand? Niemand würde dasselbe über ein Buch mit Portraits von Männer sagen.“

Schönheit als Ausdruck der Tugend, des reinen Charakters, während ein Mann nur stark sein muss, oder mächtig? Ist das noch so? Sind wir wirklich darüber hinweg?

Schönheit, bzw. die Identifikation der Frau mit ihrem Aussehen „war ein Mittel, Frauen zu inmobilisieren“, schreibt Susan Sontag. „Während der Charakter sich entwickelt, hervortritt, ist Schönheit statisch, eine Maske, ein Magnet für Projektionen.“

Aber zurück zu den Fotos. Das, was uns auf Fotos gegenübertritt, erklärt Sontag, ist das, was eine unterschiedliche Machtverteilung uns vorgibt, also nicht Frauen und Männern, sondern Bilder von Frauen und Männern. Insofern ist ein Foto eine Meinung. Was aber wenn sich die Meinung ändert, ändern sich dann auch die Fotos und der Blick auf die Bilder? Zunächst der weibliche und dann der Blick überhaupt?

„Eine der Aufgaben der Photographie besteht darin, die Mannigfaltigkeit der Welt zu erschließen und unsere Sinne dafür auszubilden. Es geht nicht darum, Ideale zu präsentieren. Es gibt kein Programm, außer Vielfalt und Interessantheit. Es gibt keine Wertungen, was natürlich in sich eine Wertung ist.

Und die Mannigfaltigkeit ist selbst ein Ideal. Wir wollen heutzutage wissen, daß es für jedes dies auch ein das gibt. Wir wollen eine Pluralität von Mustern.“ (Sontag)

Genau das löst das Fotobuch „Women“ ein. Weil es eben dies Ideal feiert.

Mit solchen Bildern.

Louise Borgeois, Annie Leibovitz, aus dem Fotoband „Women“

Ohne die Augen zu verschließen vor solchen Bildern:

Victim of domestic violence – Annie Leibovitz, aus dem Fotoband „Women“

Vielfalt.

Women – Annie Leibovitz

Und das könnte ein Anfang sein. Die Vielfalt zu feiern. Des weiblichen Blicks.

Der weibliche Blick

Gestern ist mir ein Buch in die Hände gefallen, ein Fotobuch, „Women“ von Annie Leibovitz. Ich habe es mitgenommen und angesehen und weil ich unlängst ein anderes Fotobuch mit Bildern von Frauen angesehen hatte, stellte sich noch einmal die Frage, ob es das gibt, einen weiblichen Blick. Eine Frage, die ich mir schon beim letzten Band „Frauen sehen Frauen“ gestellt habe, ohne jedoch wirklich nach einer Antwort zu suchen.

Aber jetzt. Gibt es einen weiblichen Blick? Einen Blick, mit dem Frauen andere Frauen ansehen, der sich grundlegend vom Blick der Männer unterscheidet? Männer betrachten Frauen anders, aber sie betrachten auch ihresgleichen anders, als Frauen Frauen betrachten. Also ja, weiblicher Blick versus männlicher Blick. Aber was genau zeichnet diesen Blick aus?

„Ein Photo ist schließlich keine Meinung. Oder doch?“ schreibt Susan Sontag in einem Essay mit dem sie den Fotoband „Women“ von Annie Leibovitz begleitet. Sie war auch diejenige, die Annie Leibovitz zu diesem Projekt angeregt hat. Ein Buch über Frauen, gemacht von einer Frau.

„Nimm dir vor, ein Buch mit Photos von Menschen zu machen, die nichts anderes gemeinsam haben, als daß sie Frauen sind (…) Fang mit nichts als der Überzeugung an, daß das Thema an sich interessant ist, vor allem in Anbetracht des beispiellosen Bewußtseinswandels vieler Frauen während der letzten Jahrzehnte – und mit dem Vorsatz, offen zu bleiben für spontane Einfälle und gute Gelegenheiten.“ So beginnt Sontags Essay und etwas ähnliches wird sie Annie Leibovitz gesagt haben. Um dann zu dem Schluss zu kommen, dass ein derartiges Buch, ungeachtet seiner großen Heterogenität, „in einem gewisse Sinne repräsentativ empfunden“ werden wird.

„Ein Buch mit Photos von Frauen muß, ob es will oder nicht, die Frauenfrage aufwerfen – eine entsprechende Männerfrage gibt es nicht. Anders als Frauen sind Männer kein „work in progress“. Während ein Mann Vertreter der Menschheit ist, ist die Frau Muster und Vorbild für andere Frauen. Daher work in progress, die Frau, immer noch auf dem Weg, sich ihren Anteil an Welthaltigkeit zu erkämpfen.

Und das kann für den Moment so einseitig stehen gelassen werden.

Einige der Rechte, die sich Frauen, im Gegensatz zu Männern, erkämpfen mussten, sind noch gar nicht so alt. In der Schweiz z.B. erhielten Frauen erst 1971 das Wahlrecht. Als meine Cousine vor dreißig Jahren KFZ Mechaniker werden wollte, scheiterte das Vorhaben daran, dass keiner der Betriebe, bei denen sie sich vorstellte, eine Damentoilette hatte. Oder, um ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit anzufügen: Im Frühjahr 2010 hielt es die Redaktion der Zeitschrift poet nr. 8 für angebracht, einige Zeilen darüber zu verlieren, dass bei den Neuerscheinungen in der Rubrik Prosa ausschließlich Frauen vertreten waren. „Das hat nichts zu sagen – außer dass junge Erzählerinnen wesentlich die Gegenwartsliteratur prägen. Sollte es stimmen, dass an den Schulen die Jungen, gerade im sprachlich-literarischen Bereich, kontinuierlich zurückfallen, so scheint es logisch, dass diese Schreib- und Leseleidenschaft der Frauen auch im Literaturleben kenntlich wird. Darauf freuen wir uns.“

Nicht nur, dass es notwendig erscheint, etwas darüber zu sagen, wenn plötzlich in einer Rubrik nur weibliche Stimmen vertreten sind (niemals wäre das der Fall gewesen, hätte es sich ausschließlich um männliche Schreiber gehandelt), man freut sich auch noch über das mögliche zukünftige Kenntlichwerden der Frauen in der Literatur. Als gäbe es keine Herta Müller, keine Ilse Aichinger, keine Uljana Wolf, keine Elfriede Jelinek, (die übrigens jüngst einen sehr klugen Beitrag zur Verhaftung der Pussy Riots geschrieben hat). Das macht mich noch jetzt, zwei Jahre später, sprachlos. Als wären Frauen nicht längst „kenntlich“ im Literaturleben. Überall dort, wo sie Männer finden, die sie zu drucken bereit sind, die sich aber dumme und überhebliche Sätze nicht verkneifen können, um doch irgendwie an ihrer Vormachtsstellung festhalten zu können.

(Fortsetzung folgt)