Max Klinger

Der Spaziergang, Max Klinger, 1887
 Spaziergänger, Max Klinger, 1887

Eines der Bilder vor denen ich die längste Zeit verbracht habe, als wir in der alten Nationalgalerie waren, war der Spaziergang von Max Klinger aus dem Jahr 1878.

Dieses Bild gehört zu den ersten Bildern, die Max Klinger öffentlich ausstellte.

 

 

Allgemein wird „Spaziergänger“ (später „Der Überfall), wie das Gesamtwerk Klinger, dem Symbolismus zugerechnet. Was mich aber daran fasziniert hat, war das traumhafte Element. Die langen Schatten, die Leere und die Art und Weise wie hier ein Moment eingefroren ist.

 

 

All dies wird man in den Bildern surrealistischer Maler wiederfinden. – Nicht zuletzt der Umschlag von Lapidarität und Nüchternheit ins Unheimliche („Die Mauer macht den Eindruck, als bedeute sie die Grenze der Welt“) veranlaßte Giorgio de Chirico, in Klinger „den modernen Künstler schlechthin“ zu erblicken.“ (Claude Keitsch)

 

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Kurze Geschichte der surrealistischen Bewegung

Gegen Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts war der Surrealismus unter der strengen Führung Bretons zu einer bedeutenden kulturellen Bewegung geworden. Für den Zusammenhalt der Gruppe, deren Mitglieder teilweise sehr unterschiedliche Arbeiten herstellten, waren Spiele und Erfahrungen, die man in der Gruppe machte, von großer Bedeutung. Diese Erlebnisse und Zusammenkünfte bildeten die Basis, die den eigentlichen Zusammenhalt schuf.

Die Surrealisten hielten Traumsitzungen und Séancen ab, sie liebten Anagramme und spielten immer wieder Cadavre exquis, sowie Frage und Antwort Spiele, bei denen Fragen beantwortet werden mussten, die gar nicht gestellt worden waren.

In den 1930er Jahren erhielt die Bewegung auch zunehmend internationale Aufmerksamkeit. Ausstellungen in Brüssel, Kopenhagen, New York und Prag machten den Surrealismus außerhalb von Frankreich bekannt.

1927 waren Breton und einige andere Mitglieder der surrealistischen Bewegung der Kommunistische Partei Frankreichs beigetreten, aus der sie 1933 ausgeschlossen wurden. Die Revolution, die den Surrealisten vorschwebte, ging den Kommunisten zu weit.

Künstler zu sein, genügte Breton und seinen Anhängern nicht, sie hatten den Anspruch mit dem Surrealismus eine Revolution zu befördern, die die ganze Welt umgestalten und das Leben grundlegend ändern sollte.

Breton schrieb dazu:

Leute, die sich als Künstler bezeichnen, findet man sogar im Außenministerium, oder der Begriff taucht auf einem Plakat auf, das eine Tournee durch die Provinz ankündigt, dieses Wort bedeutet nichts: ‚Sie sind Künstler!‘ Was auch immer ich tue, um diese grobe Einordnung zurückzuweisen – von dem einem erwartet das Publikum Märchen, von einem anderen Verse in Alexandrinern, wieder von einem anderen Bilder mit fliegenden Vögeln – und wenngleich ich Zweifel hege, ob es mir gelingt, die so schmeichelhaften Erwartungen, die sich mit meinem Namen verbinden, zu durchkreuzen, bin ich Objekt einer besonderen Toleranz, deren Grenzen ich ziemlich genau kenne und gegen die ich mich immer auflehnen werde.“ (André Breton, in Nadeau, 1964, a.a.O.)

Die „revolutionäre“ Haltung, die sich kommunistischen Direktiven ebenso wenig unterordnen konnte, wie Konventionen oder dem Zeitgeist, war nur konsequent, wenn man ernst nimmt, dass es um eine Wahrnehmung jenseits von gesellschaftlicher Kontrolle und Konvention gehen sollte.

Dabei folgten selbst die Aufrufe zur Revolution der Prämisse des automatischen Schreibens.

Zitiert sei hier ein Appell vom 02. April 1925:

1. In jeder surrealistischen oder revolutionären Geisteshaltung dominiert der Zustand der Raserei; 2. Sie glauben, dass vor allem der Weg der Raserei sie zur surrealistischen Erleuchtung führt.“ (A.Breton, La Révolution surréaliste, Nr. 3)

Im Grunde wendete sich der Surrealismus gegen die gesamte Kultur, die laut Freud auf der Unterdrückung der Triebe aufgebaut ist.

Der Ausbruch des zweiten Weltkriegs beendet die Blüte des Surrealismus.Viele Surrealisten emigrieren in die USA. So auch Breton, der zwar versuchte auch in den USA ein neues Zentrum des Surrealismus zu errichten, sich aber weigerte, Englisch zu lernen, aus Sorge um seine Kreativität. 1946 kehrte Breton nach Paris zurück.

 

Mit dem Tod Bretons 1966, verliert der Surrealismus sein Zentrum.

Ob der Surrealismus einen Anfangs- und einen Endpunkt hat, kommt nicht zuletzt auf die Perspektive an. Maurice Nadeau bemerkt dazu:

Die surrealistische Gesinnung, das heißt die surrealistische Verhaltensweise kommt nämlich zu allen Zeiten vor, sofern man sie als die Bereitschaft auffasst, das wirkliche tiefer zu ergründen.“

Dieser eher generellen Definition von Surrealismus stellt Nadeau eine historische abgegrenzte Periode gegenüber:

Sie entstand ungefähr gegen Ende des ersten und erlosch mit dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs. Insofern sie getragen wurde durch Menschen, die ihre Weltanschauung in Dichtung, Malerei, Essay oder durch ihre eigentümliche Lebensweise zum Ausdruck brachten, und als Aufeinanderfolge von Geschehnissen und Taten, gehört jene Bewegung der Geschichte an, stellt sie eine zeitlich abgeschlossene Reihe von Lebenserscheinungen dar.“ (Maurice Nadeau, Geschichte des Surrealismus, Reinbek bei Hamburg, 1965).

Dora Maar

Theodora Markovitch am am 22. November 1907 in Paris zur Welt, zog aber drei Jahre später nach Buenos Aires und kehrte erst 1926 wieder nach Paris zurück. Dort legte sie sich ihren Künstlernamen Dora Maar zu und betrieb mit Pierre Kéfer ein gemeinsames Studio. Man Ray hatte sie zunächst als Assistentin abgelehnt. Das Doppelporträt mit Huteffekt, von 1930, zeigt schon Maars Lust am Experimentieren, ihre Freude Negative zu zerschneiden und neu zu kopieren.

Bereits in dieser Zeit engagierte sie sich stark für die politische Linke, 1934 unterzeichnete sie den Aufruf zum Generalstrei  gegen den Vormarsch des Faschismus. Ihre Reisebilder aus Barcelona oder London sind von ihrem sozialen Engagement gekennzeichnet.

1934 eröffnete Dora Maar ein eigenes Studio in der Rue d’Astorg 29. 1935 schliesst sich Maar für kurze Zeit der Contre-Attaque Bewegung an, zu deren Begründern auch Claude Cahun und Paul Eluard gehören. 1936 gehört Dora Maar bereits zum festen Kreis der Surrealisten. Ihr Bildnis von Ubu avancierte zur berühmten Ikone des Surrealismus.

 

1936 lernte Dora Maar Picasso kennen und wurde seine Geliebte. Aus der eigenständigen Künsterlin wurde eine Muse. Zwar war sie ihrem Geliebten Picasso auf dem Gebiet der Fotografie überlegen, aber nach Fertigstellung einer Fotoserie von der Entstehung der Guernica, drängte Picasso Maar, die Fotografie aufzugeben und zu malen.

 

Dora Maar wurde von der Begegnung mit Picasso regelrecht absorbiert. So schrieb der Kunstsammler Heinz Berggruen: „So wie ich sie kannte – und ich kannte sie recht gut seit den frühen fünfziger Jahren […] – war sie in allen Höhen und tiefen ihres von Tragik getränkten Lebens ein Teil des Planeten Picasso.“

Als Dora Maar am 16. Juli 1997 stirbt, ist ihr eigenes Talent endgültig hinter dem „Planeten Picasso“ verschwunden.

Recherchen im Reich der Sinne

Während meiner Recherchen über Frauen im Surrealismus begegnet mir immer wieder der weibliche Blick, der sich grundlegend vom männlichen unterscheidet. Die Umsetzung von Ideen, Geschlechtsbildern ist direkter und auch eindimensionaler bei den männlichen Künstlern. Es scheint als fehle ihnen die Fähigkeit (oder auch nur die Bereitschaft) zur Kommunikation. Der männliche Surrealismus strebt nach einer Kommunikation mit dem Irrationalen, nicht nach Verständnis.

Beispielgebend dafür erscheinen mir die von André Breton 1928 eröffneten Recherches sur la sexualité. Diese Gespräche, die dazu dienen sollten, den weiblichen Orgasmus zu erkennen, fanden zunächst unter Ausschluss der Frauen statt. Aber auch als im achten und neunten Gespräch Frauen anwesend waren, fand kein Austausch statt. Die Frauen mussten ebenso wie die anwesenden Männer lediglich genau definierte (und von Männern formulierte) Fragen beantworten.

[Insgesamt fanden 12 Gespräche statt, die alle vollständig protokolliert wurden. siehe dazu: José Pierre (Hg.) Recherchen im Reich der Sinne. Die zwölf Gespräche der Surrealisten über Sexualität 1928 – 1932. München, 1996)

Surrealistinnen

Spätestens mit der neuen Beschäftigung mit Elisabeth Masé ist mir nochmals deutlich geworden, wie faszinierend ich surrealistische Bilder finde. Vielleicht auch, weil in keiner mir bekannten anderen Richtung Malerei und Literatur ein so enges Bündnis eingegangen sind.

Während die surrealistischen Maler sehr bekannt sind, weiß man jedoch allgemein wenig über die surrealistischen Künsterlinen, die ebenfalls eine wichtige Rolle gespielt haben.

Der Surrealismus war eine männliche Domäne. Frauen hatten bestenfalls als Geliebte und Muse Zutritt zu diesem Zirkel, der sie naturgemäß besonders ansprach. Nicht der Männer, sondern der Thematik wegen.

Eine Thematik, die sich vielleicht am besten in einem Zitat von Lautréamont zusammenfassen lässt, das längst zum geflügelten Wort innerhalb surrealistischer Kreise geworden ist:

„wie die Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ (Lautréamont, die Gesänge des Maldoror, 6. Gesang)

Die Zwänge der Logik, der Kontrolle, des Folgerichtigen sind hier außer Kraft gesetzt. Die Vorherrschaft des Intellektes über das Unbewusste gilt nicht länger.

Man Ray war der erste, der die Quintesenz, die die Surrealisten aus Lautréamonts Schriften zogen, in ein Bild übersetzte, mit The Enigma of Isidore Ducase (dem bürgerlichen Namen Lautréamonts)

 

Frauen spielten als Musen, als Bild für Schönheit, als Geliebte und als Sinnbild für das Geheimnisvolle der Natur eine Rolle, aber immer unter Beibehaltung der männlichen Dominanz. Das Weibliche spielte eine große Rolle im Surrealismus, die Frau selbst jedoch nicht.

Spiele waren von zentraler Bedeutung für die Surrealisten. Eines der beliebtesten (und vermutlich auch bekanntesten) Spiele stammte von Yves Tanguy und nannte sich „Cadavre exquis“, die köstliche Leiche. Gemeinsam wurde eine Figur gezeichnet, wobei der Nachfolger nicht sehen konnte, was sein Vorgänger gezeichnet hatte, das das Blatt an dieser Stelle gefaltet wurde.

Die Surrealistinen spielten die Spiele der Männer eine Zeit lang mit, indem sie sich als Traumfiguren und Fantasiegeschöpfe malten. Dann jedoch emanzipierten sie sich von den männlichen Vorgaben.