Das eigenartige Haus

Jedes Buch ist ein Raum. Und ein Buch über ein eigenartiges Haus, mit Bildern und Texten, die miteinander korrespondieren, sich vorantreiben und ergänzen, ist eben nicht nur ein Raum, sondern ein Haus, mit Etagen, die schrumpfen und Räumen, die sich ausdehnen oder zusammenziehen. Ein Haus, in dem Umzüge stattfinden, bei denen niemand auszieht.

Eigenartig ist das Haus im besten Sinne des Wortes. Es entfaltet seine eigene Kunst, sei es im Schrumpfen, sei es in Iwans vorurteilsfreiem Blick, ein lebendiges Haus, das auf die Gefühle seiner Bewohner reagiert: „Je weniger sich die Leute in einer Wohnung mögen, um so größer wird sie.“

Dieses Buch lebt von Beziehungen und Perspektivwechseln.

Ein Haus, das es ohne seine Beobachter nicht geben würde, die Beobachter, die es ohne Iwan nicht geben würde, und das ganze eigenartige Haus, das es ohne Sudabeh Mohafez und Rittiner & Gomez nicht geben würde.

Von der Vielfalt des Schweigens, Großmüttern und großen Büchern

Erinnerungen und Großmütter können ins Schreiben einwandern. Und ins Lesen. Man liest einen Vortrag, der vom Schreiben handelt, hat aber noch die Bilder der Großmütter im Kopf und schon entsteht ein neuer Ort, die Großmütter, deren Leben begrenzt war, die aber Erinnerungen und Eindrücke zurückgelassen haben in meinem Leben, und die Worte von einer, die die Sprache liebt, aber mehr noch die Geschichten, die man erzählen kann, wenn man sich in der Vielfalt zwischen den Sprachen und dem Schweigen bewegt, diese zwei gehen auf einmal eine Verbindung ein und öffnen Räume entstehen, wo vorher nur verschlossene Türen waren.

Der Standpunkt; das ist die Frage wer ich bin, schreibt Sudabeh Mohafez.

Wo stehe ich, wenn ich versuche mir die Geschichte meiner Großmütter anzueignen? Ihre Vergangenheit zu ergründen, oder zu erfinden?

Man verläuft sich in Büchern, das schreibt Sudabeh Mohafez auch. Und das tue ich zwangsläufig, wenn ich mein Leben mit der Vergangenheit mir kaum bekannter Frauen mische. Ich verlaufe mich dabei in mir selbst, weil das genau der Punkt ist, von dem ich nicht ausgehen will, zu dem aber zwangsläufig alles, was ich schreibe zurückführt. Und das ist Schreiben wohl immer; ein Absehen von sich selbst, um auf Umwegen bei sich selbst anzukommen.

Ob man nun eine Vorlesung schreibt, oder versucht, Geschichten über Großmütter zu verfassen.

Wenn Sudabeh Mohafez aber in ihrer Vorlesung zum Anfang zurückkehrt, um die Dinge zu klären (wie es sich für eine Vorlesung gehört), spricht sie von Vielfalt. Dann stehen da die schönen Sätze: „Am Anfang war Vielfalt. Vielfalt war der Ort, in den ich geboren wurde, das bedeutet Vielfalt war das Buch, in das ich geschrieben wurde.“

Und Vielfalt war vermutlich wiederum das, was meinen Großmüttern fehlte, oder was (und ich hoffe, diese Möglichkeit ist diejenige, die der Wahrheit am nächsten kommt) mir bei der Betrachtung ihrer Geschichten fehlt. Es muss diese Seiten geben, die ich nicht sehe. Hoffnungsvolle, fantastische Seiten. Träume, die sie nie aufgegeben, sondern fast unbemerkt, verwirklicht haben. Oder die Möglichkeit, einen Weg zu verfolgen, der gradlinig und klar ist, ohne die Vielfalt aus den Augen zu verlieren. Weil es auch beim Blick aus dem Fenster Vielfalt geben kann und sogar beim Warten auf den Tod.

Sudabeh Mohafez aber gelingt es, zu beweisen, dass das Schweigen ein Ort ist. Und wie sie das beweist ist nicht nur lesenswert, sondern atemberaubend und vor allem wunderschön, weshalb jeder, der sich ein wenig Glück gönnen möchte, sich dieses Buch anschaffen sollte, in dem dieser Vortrag, auf den ich mich hier beziehe, und noch ein weiterer von ihr abgedruckt sind, neben denen anderer Schriftsteller, wie z.B. Felicitas Hoppe und Ulrike Draesner, die ich ebenfalls sehr schätze.

Und wen das noch nicht überzeugt, dem verrate ich noch zwei Literaturangaben, die Sudabeh Mohafez für ihren Vortrag macht: sie zitiert sowohl Marguerite Duras aus ihrem Buch Schreiben, als auch Friederike Mayröcker aus meinem Lieblingsprosabuch von ihr; „Und ich schüttelte einen Liebling.“