Brief

Ich schrieb mir selbst einen Brief, der unmöglich zu entziffern war. Bleib bei mir, schrieb ich, lauf nicht ständig vor mir weg. Ich erinnere mich an dich, wie wir schwerelos hin- und herschaukelten, im dunklen Bauch deiner Mutter und doch hast du schon damals angefangen, mich zu vergessen. Ich sah dich älter werden, ich sah, wie du dich immer weiter vom Ursprung entferntest, auf der Suche nach mir. Ich war immer auf der anderen Seite. Suchtest du mich in der Tiefe, schwebte ich über dir. Suchtest du mich mit Ernst, war ich bereit mich zu offenbaren im Spiel. Ich war immer auf der anderen Seite. Ganz nah. Und unsichtbar. Jetzt schreibe ich mir einen Brief und hoffe, du bringst mir das Lesen bei. Denn ich bin müde. Müde nach Hoffnung zu suchen. Müde von all dem gestern, das sich mit Entschiedenheit vor mein Heute stellt.

 

(23)

Mein erstes Kinderbuch der Geduld.

Und der plötzlich hereinbrechenden Kälte.

Nicht mehr beschränkt auf die Suche.

Vielmehr versuchen den Mut für eigene vorläufige, vielleicht sogar falsche, Antworten zu finden.

31. Oktober

Langsam und systematisch müsste man sein Leben durchsuchen. Der Außentemperatur angemessen tasten. Behutsam und flüchtig im Sommer, wie ein kühlender Wind. Zupackend und beherzt im Winter, der Kälte trotzend.

 

 

Die Suche

Im Winter eine dünne Fahrtrinne im Eis, die sich über Nacht schließt. Das bleuchtete Belgien. Beleuchtet während des Untergangs.

Auf einmal hörte sie auf, Fragen zu stellen. Nervös hüpften ihre Augen von einem zum anderen, ein kaum merkliches Zittern umgab sie, aber sie schwieg.

Sie antwortete und redete das Nötigste, Fragen stellte sie nicht. Als hätte sie von einem Moment zum anderen sämtliche Nachforschungen eingestellt.

Manchmal, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, blätterte sie in den alten Fotoalben, die sie hastig wegräumte, sobald jemand kam.

Fragen, was denn geschehen sei, ob sie nun nicht mehr suche, wich sie aus.

Sie wurde stiller, trauriger, dünner und immer schöner in diesen Tagen. Meine Eltern machten sich Sorgen um sie. So können wir sie doch nicht allein lassen, sagte meine Mutter mitten in die Urlaubsvorbereitungen hinein, und dass das Haus schließlich groß genug sei.

Schreiben

„Wer Wörter verwendet, wer sie niederschreibt, bleibt in einer Suchbewegung gefangen, nicht um erreichbarer Ziele willen, sondern um solchen Suchens willen wird geschrieben: Schreiben ist ein in diesem Sinn zweckfreies Spiel. Und mit allem, was gesagt wird, wird anderes zugleich nicht gesagt.“

[Ilse Aichinger]