(49)

Die Zeichen sind falsch gewählt und minütlich kommen neue hinzu.

Der Graben, der sich auf seine Tiefe beruft, auf die Ferne von etwas, das hinter mir liegt. Eingeschlossen in Wunden, die durch einen einzigen Buchstaben zu Wundern werden. Aber es ist ein Buchstabe, der sich wie der Stein, den Sisyphos immer wieder den Berg hinaufrollt, widersetzt, d.h. eigenen Gesetzen folgt und du, mit deiner Unfähigkeit, deine eigene Stimme zu lieben, egal, ob sie schreit oder schreibt, machst immerzu alles zu einer Lüge.

(48)

Ich sollte einfach schreiben (in zweifacher Hinsicht, ohne Zwietracht zu säen), weil es heilend ist und läuternd, und vor allem, notwendig.

Vom blauen Ton des Himmels, sollte ich schreiben, und dem Schweigen der Frauen, das nichts wert ist, weil es von Männern verordnet wurde. So wie ich scheinbar seit dem Anbeginn meiner Zeitrechnung nach einer Stimme suche. Nach meiner Stimme suche und ein (männliches?) Prinzip in mir redet mir ein, was da spricht klingt schrill und hysterisch und viel zu laut, um Tiefe zu haben. Um wahr zu sein, um etwas anderes zu sein als Schein. Aber dieser Schein, der nichts mit der Sonne zu tun hat, oder wenn dann damit, dass sie zur falschen Zeit scheint, oder am falschen Ort und daher nichts zum Wachsen bringt, vielmehr alles vertrocknet, oder verbrennt, so wie auch ich, sobald ich meine Stimme erhebe, jeden Gedanken verbrenne. Was hat das mit Konkurrenz zu tun, damit, dass ich denke, alle Welt schweigt mich tot? Nur um mir dann eine Stimme zu geben, die nicht meine ist. Aufgesetzt und fortgetrieben, zu den Sirenen, die jeden auf Abwege leiten, aus purer Lust an der Zerstörung. Während ich alle möglichen Stimmen höre, Chöre von Stimmen, eine Kakophonie, aber die Botschaft, so vieldeutig, so variationsreich ausgedrückt sie auch daherkommen mag, ist klar und immer dieselbe: Du verstehst zu wenig, alle anderen sind besser als du, auf jedem erdenklichen Gebiet.

 

Und ich weiß nicht, wie viel man hören kann, wenn man nicht an das Recht einer eigenen Stimme glaubt.

Alter

Der Mann sah sie düster an, seine Brille rutschte, die Haare, dachte sie, sind garantiert nicht echt.

„Schließlich sind Sie schon lange nicht mehr jung“, sagte er.

Und trotz allem, obwohl es das war, was sie jeden Morgen dachte, wenn sie in den Spiegel sah, dort ihr vierzigjähriges Gesicht erwartete, und jedes Mal aufs Neue enttäuscht war, wie viel faltiger, aufgedunsener und formloser, wie viel älter ihr Gesicht ihr tatsächlich entgegenblickte, trafen sie die Worte.

„Was schlagen Sie vor“, fragte sie, „soll ich mir auch die Haare färben lassen?“

Ein Mundwinkel zuckte, bevor der Mann lachte.

„Ich bin keine Kosmetikerin“, er schüttelte den Kopf.

„Finden Sie sich einfach mit der Wahrheit ab“, sagte er.

Und klang dabei ein klein wenig traurig.

 

Und dann lest mal, wie großartig man das Altern auch beschreiben kann, wenn man Anne Dorn heißt, z.B.

Ich weiß nicht, ob ich das darf, aber ich möchte gerne ihr großartiges Gedicht aus dem Jahrbuch der Lyrik 2015 mit euch teilen:

 

Die Mühe sich einzustimmen,

ganz auf den heutigen Tag

 

 

Hallo Sie, der oder die Sie

heute mit mir gesprochen haben,

per Telefon mir gesagt,

dass ich gut klinge, richtig gut!

Schön, dass es mir gut geht. Ach –

kommt doch vorbei. Ich freue mich

wenn wer vorbeikommt.

Wir kommen sofort ins Gespräch, es gibt Tee.

Vielleicht, dass meine linke Hand in die Luft greift,

dahin, wo der Stuhl sonst steht, den ich dem Menschen,

der darauf nun Platz nimmt, selbst

entgegengeschoben habe.

Mein Gast hat mich freundlich angeschaut

und ich ihn, er hat mir seine Rechte entgegengestreckt

und ich ihm die meine, ja, dieser Drahtseilakt plötzlich!

Ich muss ja nun unbedingt – irgendwo – immerzu

Halt finden. Kein Schritt mehr möglich,

ohne die Welt zu begreifen, ein Stück von ihr

in den Fingern zu habend: Jetzt diese rasch gehaschte

Hand, diese Herzlichkeit also.

Wer schüttet das kochende Wasser

genau in diese Öffnung der Kanne? Ich rede und rede

in einer so weit von meinem Körper entfernten Tonart,

mit dieser Stimme, die mir als vermeintlicher Segen

im Leib haust. Unmöglich, damit zu schildern,

dass ich nunmehr immer präsent, äusserst

anstrengend stets gegenwärtig lebe,

damit kein Unglück geschieht, kein Sturz, keine

Verbrennung, Ohnmacht oder dergleichen und

Niemandem Vorwurf zu machen ist, wenn er oder sie

sich täuschen liessen vom hellen Wortlaut. Er

wie auch sie hier unbedacht aus – und eingehen,

dies und das besprochen wird, offen gelassen alles

da sich so viel bewegt und unübersichtlich bleibt,

lebendig eben.

Wir sind uns dann einig: Augen offen halten und Ohren!

Oh – wie auch ich es liebe, Zukunft zu haben,

gedankenvoll unbedacht einfach vorhanden,

von der Hand in den Mund, wenn die Hand

noch zum Mund –

 

Ja, ich werde mit heller Stimme

‚Munterkeit mimend, ganz wie Gesinde es tut’

mit zur Türe gehen, kenne mich da ja aus,

weiss, welche Klinke wackelt, zur Not

auch Jacke wie Mantel am Garderobehaken

immer noch zu erwischen, – und, natürlich –

 

ich narre Euch nicht und entschuldige mich

mit eben der Stimme, dem Grund

der Verwirrung. Verzeiht,

dass ich sie habe und noch nicht schweige.

 

(Anne Dorn)

Glauben

Glauben - Isla volante
Glauben – Isla volante

Er hatte ihr alles erklärt und sie hatte nichts davon geglaubt. Seine Stimme, die Unmenge an Worten, die aus seinem Mund sprudelten, und ihre langmütigen Blicke, die alles verebben ließen in einer Gleichgültigkeit, groß wie das Meer.

Ich wollte, sagte sie Jahre später, als sie ihn endgültig verließ, wollte dem Fluss folgen. Aber Du hast immer so getan, als gäbe es nur das Meer.