(9)

In Sterben schreibt Knausgard über einen alten Dichter, den er als Student interviewte: „Er war über achtzig Jahre alt, aber in ihm war nichts gestorben oder erstarrt, was das Leben im Grunde viel zu schmerzhaft macht, denke ich heute.“

Die Schmerzen berauschen sich an meinem Körper. Rasen.

Es wird nicht still in mir. Ganz im Gegenteil. Da ist der Widerhall von etwas, vor dem ich mich so sehr fürchte, dass ich beständig behaupte, es nicht zu fassen zu bekommen. Von dem ich ablenke. Das mich umkreist und meine Schritte immer unbeholfener, immer schleppender werden lässt.

(5)

„Wir sterben so trostlos wie nie zuvor“, sagt Reimer Gronemeyer in einem Interview in der SZ aus dem letzten Jahr. „Es gibt keine Tröstung mehr. Keine Religion, stattdessen der Zwang auch das Sterben noch möglichst gut hinzukriegen.“

Fragt man sich eigentlich irgendwann während des Trauerprozesses, was aus den Gestorbenen wird? Wo sie jetzt sind? Was sie jetzt sind? Habe ich mich das gefragt, nach dem Tod meiner Mutter? Habe ich solche Fragen gestellt, als mein Vater gestorben war? Und wenn man solche Fragen stellt, meint man nicht selbst dann im Grunde sich selbst?

 

Vom 16., 17. Jahrhundert, das ihn anzieht, u.a. weil es sowohl in der Malerei, Literatur, als auch in der Naturwissenschaft bisher unübertroffene Größen hervorgebracht hat (Rembrandt, Shakespeare, Newton), schreibt Knausgard: „War der Tod näher und das Leben deshalb stärker? Wer weiß.“

Ich glaube eine tiefe Wahrheit liegt in diesem Satz. Möglicherweise ist das wirklich der Kern, die Quelle von dem all das Kranke, Aggressive, Grausame, unserer Zeit ausgeht, dass wir den Tod so gut gebändigt, gezähmt und ausgegrenzt haben, dass wir das Leben nicht mehr spüren können.

(2)

Eingewickelt in die Täuschungen der Gegenwart. Fragmente, Bruchstücke.

Draußen beginnt es langsam zu dämmern. Die Heizung schnurrt leise vor sich hin.

Wie können einen die Dinge, die man nicht getan hat, dermaßen verfolgen? Das hatte ich ein paar Tage bevor ich diese Stelle las, geschrieben:

„Vor allem einer von ihnen hatte sich mir eingeprägt. Bekleidet mit einem hellgelben Anzug, weißen Joggingschuhen und einem Strohhut, tauchte er zum ersten Mal leicht wankend an einem Septemberabend an der Kreuzung David Bagares gata auf, aber es war nicht so sehr seine Kleidung, die ihn von den anderen unterschied, sondern eher seine Ausstrahlung, denn während ich die anderen als Teil eines Kollektivs wahrnahm, ältere Männer, die ausgingen, um sich mit ihren Ehefrauen zu amüsieren, einander so sehr ähnelnd, dass man den Einzelnen sofort vergaß, wenn man woanders hinsah, war er auch dann noch allein, wenn er sich mit jemandem unterhielt. Am auffälligsten an ihm war jedoch der Wille, den er ausstrahlte und der in dieser Menschenansammlung einzigartig war. Als er in die Menge im Foyer hastete, wurde mir schlagartig klar, dass er nach etwas suchte und es dort nicht finden würde, wahrscheinlich auch nirgendwo sonst. Die Zeit war ihm davongelaufen, und mit ihr die Welt.“ (Knausgard, Sterben)

Über den Tod

Der Tod der anderen

Kürzlich ist eine Frau, die ich nur über das Schreiben kannte, gestorben. Ihr Mann teilte mir ihren Tod auf elektronischem Weg mit. Ich war betroffen und traurig. Aber ich wollte mich nicht der klischeehaften Formeln bedienen und eigene Worte hatte ich nicht. Also blieb ich stumm. Das fühlte sich weder richtig an, noch falsch. Nur hilflos.

Während ich bei anderen Todesfällen krank wurde. Als meine Mutter beerdigt wurde, begriff ich erst in dem Moment als der geschlossene Sarg in der Kapelle aufgebahrt war, die Endgültigkeit ihres Todes. Als ich Tage zuvor am offenen Sarg Abschied nehmen wollte, hatte ich mich geweigert, den Körper in diesem Sarg mit meiner Mutter in Verbindung zu bringen. Das Gesicht im Sarg war leichenblass, während das Gesicht meiner Mutter doch zeitlebens voller Sommersprossen gewesen war.

Der Tod der anderen bedeutet mit dem Fehlen zu leben. Mit dem leeren Stuhl am Tisch, auf dem mein Vater gesessen hatte, mit den dunklen Fenstern, die früher erleuchtet waren, wenn ich nach Hause kam, weil meine Mutter auf mich wartete.

Mit der Scheu, den Namen meiner Cousine auszusprechen, die sich das Leben genommen hat.

Erinnerungen, die nicht länger geteilt werden können und dadurch manchmal ein unerträgliches Gewicht erhalten.

Keine Lehren für den eigenen Tod.

Ich glaube nicht an die ars moriendi als Vorbereitung auf den eigenen Tod. Ich fürchte für die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod gibt es keine Regeln, Vorschriften oder Rituale, die uns eine ganz individuelle und damit eben unteilbare Auseinandersetzung abnehmen.

Am Ende sterben wir alle, aber jeder von uns einen eigenen Tod.

Verlöschen. Das langsame Sterben. Als wenn das Leben langsam ausläuft. Das Lebenslicht langsam erlischt. Ich weiß nicht, ob es das gibt. Gleichzeitig bin ich sicher, dass es wahr ist. Die gefüllten Gefäße. Und irgendwann ist es einfach vollendet.

Das Leben.

Und das Sterben beginnt.

Die Mutter

Die Frau tanzt. Sie ist noch jung, und doch ist ihre Schönheit reif und schon bereit für das Opfer des Verfalls.“ (Marguerite Duras)

.

Diese Frau ist meine Mutter. Ich bedauere sie. Aber ich bedauere sie auf die mir eigene, mitleidlose Art. Ich lasse sie nicht aus den Augen. Ich werde ihren Verfall genau registrieren. Nichts wird mir entgehen.

Sie tanzt und während sie tanzt, stirbt sie.

.

[Matrix 2013]

15. April

Auf einem Blog, das ich sehr gern lese, nimmt gerade jemand Abschied von seinem Vater. Ob das real ist, oder fiktiv, spielt keine Rolle. Ich erinnere mich an „Die Erfindung der Einsamkeit“, das Buch, in dem Paul Auster Abschied nimmt von seinem Vater und ich überlege, warum ich das Buch, in dem Simone Beauvoir Abschied von ihrer Mutter nimmt, bis heute nicht gelesen habe, obwohl es sehr lange schon in meinem Regal steht.

Ich denke auch darüber nach, wie ich mich, viele Jahre nach dem Tod meiner Eltern, von denen ich nie richtig Abschied nehmen konnte, wissenschaftlich an diesem Thema abgearbeitet habe. Und kaum war die Arbeit beendet, bin ich schwanger geworden.

Ich denke daran, wie viel sich verändert hat, wirklich oder nur scheinbar, bezüglich der Auseinandersetzung mit Tod und Sterben.

Es bleibt unteilbar. Eine Passage, die jeder allein machen muss. Der, der geht, und der, der zurückbleibt.