VI Pathos und Idyll

Oder das Pathos. Und wie man es bricht, mit Witz. Das ist Risiko, und alles andere als zurückrudern, vielmehr die Möglichkeit eines Aufbruchs in tatsächlich zuvor noch nicht betretene Räume.

Diese Räume findet und erschließt Monika Rinck immer wieder gerne beim Betrachten und Beschreiben von Gemälden. Zum Beispiel von Peter Duka: Hier sind alle schlank und schön und im Garten Eden. Nicht wie bei Botero, dick und farbensatt und gemalt mit der Behauptung, das eigentliche Malen sei eine Zärtlichkeit.

Stattdessen Quallen und Fische und Inspector Louis Marais.

Gleichzeitig greift Rinck auf ganz alte Quellen zurück. So beschäftigt sie z.B. der Ursprung des Idylls bei Vergil nachhaltig: „Ist es nicht eigenartig, dass es im ersten Idyll, das später zum Begriff für ein friedliches bis kitschiges Gartenleben wird, eben um die Erfahrung von Flucht, die Indolenz des Glücklichen gegenüber dem Unglücklichen, den Skandal der Gleichzeitigkeit und, ganz am Ende, um Gastfreundschaft und die Verzögerung der flucht um eine einzige Nacht geht?“

Ein scheues Bedürfnis nach Trost“, ein Essay, in dem sich Rinck mit Michael Donhausers „Variationen in Prosa“ beschäftigt, kann durchaus auch als Konsequenz des zweifelhaften Idylls gelesen werden. Und sie hat Recht, wenn sie schreibt, dass es allen offensichtlichen Schwierigkeiten zum Trotz, doch auch anders gehen müsste. Es müsste Trost zu finden sein in Gedichten, ein Trost, der nicht „leer und angegriffen herumsteht und immerzu gegen den Vorwurf seiner Verlogenheit oder Unzeitlichkeit angehen muss […] Das muss auch anders gehen.“ Schreibt Rinck. Und natürlich wissen wir alle: das geht auch anders. Nur wie, das weiß zumindest ich nicht so genau.

Und übrigens sind die Texte im Lesebuch recht häufig (vermutlich auf die eine oder andere Weise sogar immer) Auseinandersetzungen mit Büchern, Texten, Gemälden, also eine Art Dialog und damit die Einlösung des anfangs benannten Vorhabens, dem anderen näher zu kommen, Verbindungen zu schaffen.

Und dann benennt Monika Rinck auch noch folgende tröstende Funktionsweise von Sprache: „Diese Sprache begünstigt eine gewisse Durchlässigkeit, die doppeldeutig ist. Sie legt etwas frei und geht dennoch weiter, als ermöglichte sie Tränen und ließe sie in diesem (einem anderen, aber gleichzeitigen Moment) wieder versiegen. Eine Ermöglichung, die eine Verhinderung, oder sagen wir besser: Linderung ist. Als brächte der Trost den Schmerz erst wieder hervor, und mit ihm die Mittel hindurchzugehen.“

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Champagner Lesetagebuch II

Es ist viel schwieriger als ich gedacht habe, mich schreibend beim Lesen dieses Lesebuchs zu begleiten. Da die Gedanken klug aufeinander aufbauen, erschließen sie sich erst nach und nach, und wenn ich jetzt etwas zu Erinnerung, Gap Gardening und poetischen Feldern schreibe, ist es notwendig unvollständig, eben weil sich alles nach und nach entwickelt. Andererseits kann vielleicht auch das ein Reiz sein, sich selbst beim Lernen, beim Entwickeln von Zusammenhängen zuzusehen.

Vor der Umarmung liegt vielleicht die Ansprache. Und die Ansprache der Erinnerung beinhaltet immer diesen Satz: Es gibt kein Zurück. Dann kann man die Erinnerungen stapeln, um dieses Es gibt kein Zurück nicht zu sehen, aber natürlich funktioniert das nicht. Vielmehr mauert man sich ein damit in einer Vergangenheit in die man nicht zurück kann und vernagelt zudem die Fenster in eine mögliche Zukunft, die man so nicht sehen kann. Aber das sind Abschweifungen.

Kehren wir also zurück zur Poesie. Die alles ansprechen (und angreifen?) kann, aber mit jeder Ansprache zugleich Fragen aufwirft: Wer spricht? Wer darf überhaupt sprechen? Und als was oder wer spricht er dann? Und was / oder wer spricht mich eigentlich an, wenn mich ein Gedicht anspricht? Bin ich wirklich gemeint? Und wie finde ich das heraus?

Und ich als Leserin/Hörerin, lese ich, was dort steht, oder lese ich nur meine eigenen unreflektierten Gedanken in das Fremde hinein? Ist die innere Stimme wirklich die eigene Stimme?

Rinck schreibt dazu: „Aber Vorsehen: Auch Selbstzweifel sind ein sehr guter Trick, um nachhaltig um sich selbst zu kreisen und dabei kein Stück weiterzukommen – vielleicht weiter hinein, aber nicht näher an den anderen heran.“

 

Nicht nur nicht näher an den anderen heran, sondern als distanzloser (und zumeist auch gedankenloser oder wenigstens gedankenarmer) Angriff, gestaltet sich mitunter die „körperlos direkte Ansprache“ auf den sozialen Plattformen, die nicht selten Sprachgewalt in gewaltausübende Sprache verwandelt. Mit all dem setzt sich das Gedicht auseinander, kann es sich auseinandersetzen, mit all dem ist es konfrontiert, davon umgeben. Und weil es, wie kaum ein anderes Medium Sprache ernst nimmt und nutzt, statt benutzt, wird die Ansprache eine Ansprache an die Erkenntnis, an die Erweiterung des Erkenntnisvermögens:

„Wenn Sprache ein Erkenntnisinstrument ist, dann wird es auch möglich sein, das Scheitern eines Gedankens an der Sprache, in der er sich vollzieht, abzulesen – für den Fall, dass es eben nicht zur Erkenntnis kommt  und die Ansprache vielleicht nur dazu diente, etwas anderes zu verbergen. […] Ein Text muss nicht harmlos sein, nur weil mir die richtigen Fragen, mit denen ich ihn zum Sprechen bringen könnte, nicht einfallen wollen.“

Und Daniela Seel: „ Angenommen, das Gedicht wäre der Ort, wo alles – alles Sprachliche – zusammenkommen und synthetisiert werden kann, eine letzte Utopie, die weit Entferntes in Beziehung setzt und zurück in die Gemeinschaft trägt, […] Niemand hier ist ohne Verantwortung. Im Lesen bin ich verstrickt in Welt wie Gedicht.“

 

(1)

Ich habe immer noch Angst. Ich erinnere mich nur bruchstückhaft.

Vielleicht sind die Erinnerungen, die ich niemals aufgeschrieben habe, die nur in meinem Kopf bestehen, die einzigen, die wirklich zählen. Als würde nur das zählen, was wir nicht erzählen wollen oder können. Als würde die Bedeutung erst jenseits der unüberbrückbaren Grenzen unserer Sprache liegen. Als könnten wir uns nur durch Sprache mitteilen. Aber vielleicht geht es einigen von uns genau so Und anderen steht gar kein Medium zur Verfügung. So dass sie allein (ungeteilt und ungeheilt) bleiben müssen in ihrer Angst und Wut. Kommt daher der Hass?

Ich verliere den Faden. Ich komme den Gedanken nicht hinterher. Ich kann die Instanz nicht benennen, die alles noch während des Denkens aussortiert und verwirft. Meint sie es gut mit mir, oder nicht?

Ich unterscheide mich. Dieses Bewusstsein bleibt immer. Egal wie sehr die Ränder verschwimmen.

Was mich bedrückt, könnte etwas Dunkles sein, das nach Ausdruck verlangt, um sich in Licht verwandeln zu können. Vielleicht. Etwas Schweres, das nach Form strebt, um schweben zu können. Wenn da kein Mut ist, tut es vielleicht auch Übermut.

II

Die Begriffsgeschichte, oder einfach nur die Geschichte eines Wortes. Wie es sich vermischt mit anderen Worten. Von einer Sprache in eine andere wandert. Fäden bereitstellt, aus denen Geschichten gewoben werden können.

Eine große Egalheit breitet sich aus in mir. Macht mich friedlich. Unangreifbar dort, wo ich noch vor kurzem leicht verwundbar gewesen bin.

Ein Tropfen, der Sprechfaden, an dem alles hängt. Aufs Spiel setzen, woran wir hängen. Die Verschiedenheiten verschieben.

I

Sie tischten mir mehrere Mahlzeiten Unverdauliches auf. Und ich aß. Kaute. Würgte. Schluckte. Schlug die heiligen Hefte der Einfalt auf, um zu Ende zu führen, was vorzeitig abgebrochen worden war.

Ein Tropfen, der Sprachfaden, an dem alles hängt. Aufs Spiel setzen. Aufs Spiel aber setzen wir. Die Verschiebungen.

02

Was tun wir mit der Sprache? Legen wir uns hinein, und lassen uns forttragen ans andere Ufer der Fantasie? Oder werden wir so genau, dass in manchen kostbaren Momenten eine Wahrheit aufblitzt, die weit über uns hinausgeht?

01

Kerstin Eckstein
Kerstin Eckstein

Was, wenn die Sätze denken? Eigenständig und mit dieser Art von Unabhängigkeit, um die ich mich so lange schon erfolglos bemühe? Wenn die Sätze sowohl klug als auch unbeschwert sind? Und weitere Sätze mit einer fraglosen Selbstverständlichkeit nach sich ziehen, ungeachtet dessen, was derjenige, der sie schreibt, preisgeben möchte. Wenn sie ihm rücksichtslos die eigene Eitelkeit austreiben?

Und wenn niemand diese Sätze liest, verlieren sie dann ihre Gültigkeit? Oder ermöglichen sie überhaupt erst den Gedanken an Gleichgültigkeit? Was wenn die Sätze selbstbewusst denken und alles in Frage stellen, ohne sich um Antworten zu bemühen? Diese Art von Antworten, die beruhigen sollen und besänftigen.

Entsteht dann große Literatur?

Der Geschmack der Sprache

Gerade wenn die Politik eines Landes im Widerspruch zu einigen meiner moralischen Maßstäbe, meiner Glaubenssätze und politischer Haltung steht, kann es geschehen, dass man sich umso stärker auf die Sprache an sich zurück besinnt. Ihr sei das so widerfahren, schreibt Priya Basil in Lettre International 112, und fährt fort:

„Etwas anders hat meine Gefühle für das Englische verändert – das Deutsche. „In jeder Sprache sitzen andere Augen“, hat Herta Müller geschrieben. Deutsch war eine Lupe, welche die grammatischen Feinheiten vergrößert und einen phantastischen Mechanismus offenbart hat, den ich nie zu sehen gelernt hatte. Sie hat mir gezeigt, wie die Satzstruktur das Denken verändert, wie „vergenderte“ – geschlechtsmarkierte – Nomen das Erscheinungsbild der Dinge verändern. Infolgedessen hat sich der Geschmack meiner Muttersprache verändert – ist zugleich frischer und vertrauter geworden.“