Aufwachen

Die Erinnerung an meine über das Papier schwebende Hand. Das Gesicht des Dichters, alt und gleichzeitig jung, unendlich desillusioniert und gleichzeitig kämpferisch. Die Angst, die Macht, die Kapitulation. Und dass es welche gibt, die die Kraft haben, dagegen anzuschreiben und andere, die sich (wie ich) mit Gefühlen und Nabelschau zufrieden geben. Geben müssen? In meiner Jugend war ich ein politisch interessierter Mensch. Gestern ist in meinem Bundesland gewählt worden und obwohl ich pflichtschuldig zur Urne gegangen bin, hat mich das Ergebnis nicht interessiert. Ich muss (und möchte!) heraus aus dieser Gleichgültigkeit, dieser bequemen, viel zu bequemen Haltung des: es nützt ja doch alles nicht. Alles ist an die Wand gefahren und nicht mehr zu retten. Ich bin so müde. Unendlich müde. Müde von all der Sinnlosigkeit. Müde von dem Leid. Der Ohnmacht. Aber dann lese ich „Gleichnis in allen Sprachen“ und will wieder aufwachen, will stark sein und sogar kämpfen, für den Frieden, für das Wort. Es ist überhaupt nicht wichtig, dass ich nicht die richtigen Worte finde, die richtigen Worte der anderen zu lesen und zu preisen ist ebenso schön. Weniger schön, sogar schrecklich, ist es, sich Sorgen zu machen zu müssen, um Menschen, die uns so klare Worte schenken.

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Dieser Zwang, etwas schreiben zu müssen. Diese Freude, etwas zu schreiben. Alles hat zwei Seiten und keine ist wahr. Mich selbst zitieren. Zitieren und zittern und immerzu den Erwartungen gehorchen und hinterherlaufen und darunter durch kriechen.

Mich daran erinnern, dass man auch einfach mit der Sprache spielen kann, mit ihren Lauten und Klängen, mit Einfällen und Unmöglichkeiten. Dass nicht immerzu alles einen Sinn ergeben muss.

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Adjektive wie „fleißig“ und „strebsam“ passen nicht wirklich zu ihr. Wenn sie „etwas mit Sprache“ macht, tut sie es aus einem Gefühl heraus. Auf pathetische Weise.

VI Pathos und Idyll

Oder das Pathos. Und wie man es bricht, mit Witz. Das ist Risiko, und alles andere als zurückrudern, vielmehr die Möglichkeit eines Aufbruchs in tatsächlich zuvor noch nicht betretene Räume.

Diese Räume findet und erschließt Monika Rinck immer wieder gerne beim Betrachten und Beschreiben von Gemälden. Zum Beispiel von Peter Duka: Hier sind alle schlank und schön und im Garten Eden. Nicht wie bei Botero, dick und farbensatt und gemalt mit der Behauptung, das eigentliche Malen sei eine Zärtlichkeit.

Stattdessen Quallen und Fische und Inspector Louis Marais.

Gleichzeitig greift Rinck auf ganz alte Quellen zurück. So beschäftigt sie z.B. der Ursprung des Idylls bei Vergil nachhaltig: „Ist es nicht eigenartig, dass es im ersten Idyll, das später zum Begriff für ein friedliches bis kitschiges Gartenleben wird, eben um die Erfahrung von Flucht, die Indolenz des Glücklichen gegenüber dem Unglücklichen, den Skandal der Gleichzeitigkeit und, ganz am Ende, um Gastfreundschaft und die Verzögerung der flucht um eine einzige Nacht geht?“

Ein scheues Bedürfnis nach Trost“, ein Essay, in dem sich Rinck mit Michael Donhausers „Variationen in Prosa“ beschäftigt, kann durchaus auch als Konsequenz des zweifelhaften Idylls gelesen werden. Und sie hat Recht, wenn sie schreibt, dass es allen offensichtlichen Schwierigkeiten zum Trotz, doch auch anders gehen müsste. Es müsste Trost zu finden sein in Gedichten, ein Trost, der nicht „leer und angegriffen herumsteht und immerzu gegen den Vorwurf seiner Verlogenheit oder Unzeitlichkeit angehen muss […] Das muss auch anders gehen.“ Schreibt Rinck. Und natürlich wissen wir alle: das geht auch anders. Nur wie, das weiß zumindest ich nicht so genau.

Und übrigens sind die Texte im Lesebuch recht häufig (vermutlich auf die eine oder andere Weise sogar immer) Auseinandersetzungen mit Büchern, Texten, Gemälden, also eine Art Dialog und damit die Einlösung des anfangs benannten Vorhabens, dem anderen näher zu kommen, Verbindungen zu schaffen.

Und dann benennt Monika Rinck auch noch folgende tröstende Funktionsweise von Sprache: „Diese Sprache begünstigt eine gewisse Durchlässigkeit, die doppeldeutig ist. Sie legt etwas frei und geht dennoch weiter, als ermöglichte sie Tränen und ließe sie in diesem (einem anderen, aber gleichzeitigen Moment) wieder versiegen. Eine Ermöglichung, die eine Verhinderung, oder sagen wir besser: Linderung ist. Als brächte der Trost den Schmerz erst wieder hervor, und mit ihm die Mittel hindurchzugehen.“

Champagner Lesetagebuch II

Es ist viel schwieriger als ich gedacht habe, mich schreibend beim Lesen dieses Lesebuchs zu begleiten. Da die Gedanken klug aufeinander aufbauen, erschließen sie sich erst nach und nach, und wenn ich jetzt etwas zu Erinnerung, Gap Gardening und poetischen Feldern schreibe, ist es notwendig unvollständig, eben weil sich alles nach und nach entwickelt. Andererseits kann vielleicht auch das ein Reiz sein, sich selbst beim Lernen, beim Entwickeln von Zusammenhängen zuzusehen.

Vor der Umarmung liegt vielleicht die Ansprache. Und die Ansprache der Erinnerung beinhaltet immer diesen Satz: Es gibt kein Zurück. Dann kann man die Erinnerungen stapeln, um dieses Es gibt kein Zurück nicht zu sehen, aber natürlich funktioniert das nicht. Vielmehr mauert man sich ein damit in einer Vergangenheit in die man nicht zurück kann und vernagelt zudem die Fenster in eine mögliche Zukunft, die man so nicht sehen kann. Aber das sind Abschweifungen.

Kehren wir also zurück zur Poesie. Die alles ansprechen (und angreifen?) kann, aber mit jeder Ansprache zugleich Fragen aufwirft: Wer spricht? Wer darf überhaupt sprechen? Und als was oder wer spricht er dann? Und was / oder wer spricht mich eigentlich an, wenn mich ein Gedicht anspricht? Bin ich wirklich gemeint? Und wie finde ich das heraus?

Und ich als Leserin/Hörerin, lese ich, was dort steht, oder lese ich nur meine eigenen unreflektierten Gedanken in das Fremde hinein? Ist die innere Stimme wirklich die eigene Stimme?

Rinck schreibt dazu: „Aber Vorsehen: Auch Selbstzweifel sind ein sehr guter Trick, um nachhaltig um sich selbst zu kreisen und dabei kein Stück weiterzukommen – vielleicht weiter hinein, aber nicht näher an den anderen heran.“

 

Nicht nur nicht näher an den anderen heran, sondern als distanzloser (und zumeist auch gedankenloser oder wenigstens gedankenarmer) Angriff, gestaltet sich mitunter die „körperlos direkte Ansprache“ auf den sozialen Plattformen, die nicht selten Sprachgewalt in gewaltausübende Sprache verwandelt. Mit all dem setzt sich das Gedicht auseinander, kann es sich auseinandersetzen, mit all dem ist es konfrontiert, davon umgeben. Und weil es, wie kaum ein anderes Medium Sprache ernst nimmt und nutzt, statt benutzt, wird die Ansprache eine Ansprache an die Erkenntnis, an die Erweiterung des Erkenntnisvermögens:

„Wenn Sprache ein Erkenntnisinstrument ist, dann wird es auch möglich sein, das Scheitern eines Gedankens an der Sprache, in der er sich vollzieht, abzulesen – für den Fall, dass es eben nicht zur Erkenntnis kommt  und die Ansprache vielleicht nur dazu diente, etwas anderes zu verbergen. […] Ein Text muss nicht harmlos sein, nur weil mir die richtigen Fragen, mit denen ich ihn zum Sprechen bringen könnte, nicht einfallen wollen.“

Und Daniela Seel: „ Angenommen, das Gedicht wäre der Ort, wo alles – alles Sprachliche – zusammenkommen und synthetisiert werden kann, eine letzte Utopie, die weit Entferntes in Beziehung setzt und zurück in die Gemeinschaft trägt, […] Niemand hier ist ohne Verantwortung. Im Lesen bin ich verstrickt in Welt wie Gedicht.“

 

(1)

Ich habe immer noch Angst. Ich erinnere mich nur bruchstückhaft.

Vielleicht sind die Erinnerungen, die ich niemals aufgeschrieben habe, die nur in meinem Kopf bestehen, die einzigen, die wirklich zählen. Als würde nur das zählen, was wir nicht erzählen wollen oder können. Als würde die Bedeutung erst jenseits der unüberbrückbaren Grenzen unserer Sprache liegen. Als könnten wir uns nur durch Sprache mitteilen. Aber vielleicht geht es einigen von uns genau so Und anderen steht gar kein Medium zur Verfügung. So dass sie allein (ungeteilt und ungeheilt) bleiben müssen in ihrer Angst und Wut. Kommt daher der Hass?

Ich verliere den Faden. Ich komme den Gedanken nicht hinterher. Ich kann die Instanz nicht benennen, die alles noch während des Denkens aussortiert und verwirft. Meint sie es gut mit mir, oder nicht?

Ich unterscheide mich. Dieses Bewusstsein bleibt immer. Egal wie sehr die Ränder verschwimmen.

Was mich bedrückt, könnte etwas Dunkles sein, das nach Ausdruck verlangt, um sich in Licht verwandeln zu können. Vielleicht. Etwas Schweres, das nach Form strebt, um schweben zu können. Wenn da kein Mut ist, tut es vielleicht auch Übermut.

II

Die Begriffsgeschichte, oder einfach nur die Geschichte eines Wortes. Wie es sich vermischt mit anderen Worten. Von einer Sprache in eine andere wandert. Fäden bereitstellt, aus denen Geschichten gewoben werden können.

Eine große Egalheit breitet sich aus in mir. Macht mich friedlich. Unangreifbar dort, wo ich noch vor kurzem leicht verwundbar gewesen bin.

Ein Tropfen, der Sprechfaden, an dem alles hängt. Aufs Spiel setzen, woran wir hängen. Die Verschiedenheiten verschieben.

I

Sie tischten mir mehrere Mahlzeiten Unverdauliches auf. Und ich aß. Kaute. Würgte. Schluckte. Schlug die heiligen Hefte der Einfalt auf, um zu Ende zu führen, was vorzeitig abgebrochen worden war.

Ein Tropfen, der Sprachfaden, an dem alles hängt. Aufs Spiel setzen. Aufs Spiel aber setzen wir. Die Verschiebungen.