Fisch

Fisch - Isla volante
Fisch – Isla volante

Durch Kiemen atmen und statt Haut Schuppen. Sich niemals im Spiegel sehen, vielmehr die Spiegel zerstören, die eine ruhige Wasserfläche bereitstellt für die, die immer und überall ihr eigenes Gesicht suchen. Keine Füße haben und keine Stimme. Aber immer in Bewegung sein und schwerelos.

Unterhaltung mit Spiegeln

 

Es fällt mir schwer, mich zu unterhalten.

(Weil Schreiben immer auch ein Bekenntnis ist)

Die Geschichte vom missbrauchten Kind in der Kleinen Kneipe. Erzählt nach Obertonsingen und Digeridoo, bei gutem Wein.

Was ist das für eine Welt?

Wie passen die Scherben zusammen?

Zerrbilder, die entstehen, die wir ordentlich aufteilen in gut und böse, Himmel und Hölle, hell und dunkel. Und glauben, jetzt haben wir Ruhe, jetzt sind wir gefeit.

Aber die Sprache lässt sich nicht benutzen, nimmt alle Zweideutigkeiten auf und bringt sie an die Oberfläche.

Wir widersetzen uns, aber die Sprache übersetzt unsere Angst.

 

Vielleicht wird es Umhänge geben und Umstände. Verschleierungen der Angst. Vor dem Vergehen. Was vorgeht. Und wir denken nach. In weiser Voraussicht.

 

Nicht geplant.

Diese Dinge geschehen einfach.

 

Der Versuch mit einer Ordnung (Einordnung) der Unterordnung zu entgehen, es hinauszuzögern, damit es später umso mehr trifft. Die trifftigen Gründe narzisstischer Unvernunft.

 

Und mir fehlen die Bilder. Geschliffene Steine, ein kleiner Verrat. Als wäre es eine Möglichkeit, das Flüstern schwarz anzumalen und nur noch Märchen zu lesen, in denen Spiegel keine Rolle spielen.

 

Spiegelbilder

Der Saal bleibt dunkel. Wir sehen schwere Holz- und Eisentüren. Es gibt keine Wände in diesem Verlies. Nur Türen, die eine enge Zelle bilden. Türen ohne Schloss. Keine Möglichkeit zu entkommen.

Die Türen atmen Kälte aus. Sie sind nicht nur eng und hoch und dick und undurchdringlich. Vielmehr unnahbar in ihrer Kälte.

An einer der Türen hängt ein Spiegel.

Ein Stuhl wird hereingetragen. Verwaschenes Blau, abgeblätterte Farbe, alt, sehr klein.

Ein winziger Stuhl und ein Spiegel in einem Raum mit Türen, die niemand öffnen kann.

Sonst nichts.

 

Wir warten. Und während wir warten, beginnen wir zu begreifen. Wir wissen, dass es jeden von uns treffen kann.

 

Angst schnürt uns die Kehle zu, unsere Hände zittern. Das Entsetzen kommt wie die Flut, in Wellen, ansteigend, unaufhaltsam.

Niemand will hier sein. Keiner geht.

Wir warten.

 

Die Fragen kommen so selbstverständlich wie das Unvermeidliche in das wir uns fügen werden.

Unsere Gesichter sind Fratzen. Unsere Nerven gespannt. Wir sehen einander nicht an. Jeder hofft, der andere möge das Opfer sein. Die Kälte dringt in uns ein. Wir hören unseren rasselnden Atem. Wir atmen Angst. Unsere Haut wird dünn und brüchig.

 

Eine Frau erhebt sich. Sie betritt die Bühne, setzt sich auf den Stuhl. Im Spiegel verliert ihr Gesicht zunehmend die Konturen. Wird zu einer leeren Maske, in der sich nach und nach jeder von uns selbst erkennt. Es ist uns nicht möglich den Kopf zu wenden. Jeder ist sich selbst ausgeliefert.

Wir sind Schauspieler. Hier nützt es uns nichts. Nichts und niemand gegen den wir anspielen könnten.

Die Stille wird zunehmend durchlässiger. Stöhnen, Schreie, Schluchzen zerreißen das kalte Dunkel. Jeder Ton scheint von außen in uns zu dringen und gleichzeitig aus jedem einzelnen selbst zu entspringen.

Der Spiegel dehnt sich, kontrahiert, nimmt Farbe an, verblasst. Immer schneller ändern sich Form und Tönung. Spiegelbilder spiegeln Bilder. Sie wechseln mit atemberaubender Geschwindigkeit. Gesichtsschemen werden erkennbar, blitzen auf. Ein Bart, blaue Augen, Frauenlippen. Die Bilder schieben sich ineinander.

Wie Spiralen, wie ein Wasserstrudel ziehen uns die Gedanken tiefer in uns hinein, in ein dunkles Loch, ohne Licht, ohne Ausgang.

Ein Wort zerreißt die Stille.

 

Etwas hat sich geändert. Wir spüren. Etwas hat uns berührt. Unsere Köpfe werden beweglicher, neigen sich nach links, nach rechts, – einander zu.

[Dreischneuß]

Verstehen

Sich gebärden

Wissen was die Uhr schlägt

wem die Stunde schlägt

Und bis zu welchen Hals uns die Zeit steht

Eine Zeit in der uns einiges blüht

In der eingekerkerte Wünsche ausbrechen

weil jeder verlernt hat

für sich zu sorgen

Wie Regenwürmer die auf jeden Trick hereinfallen

die Augen von der Wahrnehmung trennen

die Hände von der Betrachtung

und glatt bügeln was unterm Strich bleibt

Sich entlieben

Das Interesse verlieren

Das Umklammern der Oberfläche

den Drek unter fremden Fingernägeln anbeten

Anker werfen um einen Glauben zu befestigen

Die Tüchtigkeit

sich zu verlieren

und die Beharrlichkeit

einen anderen zu brauchen

um man selbst zu sein

Erkenntnis geht anders

Darum ist ein Spiegel niemals ein Trost

und ein Freund der niemals die Wahrheit sagt.

Schneewittchen

Schneewittchen glaubte an Märchen
die ihr niemand erzählte
weil außer dem Spiegel
keiner mit ihr sprach

Sie pflanzte Rosen an
weil sie hoffte
so könnte sie der Prinz für Dornröschen halten

Aschenputtel für sieben Kleinwüchsige
zu spielen
schien ihr nicht erstrebenswert

wer will schon den Frühling abwarten
wenn die Lust auf Liebe in den Winter schneit
und in Schneewittchens Gesicht
war immer Winter
weiß wie Schnee
aber mit drei Tropfen Blut
wenn das keine Drohung war

Aber sie glaubte ja an Märchen
so sehr
dass sie Frösche küsste
und niemals vom Weg abkam
um Blumen zu pflücken
und nicht mit ihrem Spiegel sprach
dem einzigen
der ihr wirklich etwas zu sagen gehabt hätte

Räume

Wie beschreibt man einen Lebensraum?

Wie richtet man ein Leben ein?

 

Das Leben als Untermieter in einem möblierten Zimmer. Bereits fertig eingerichtet. Und aufgeräumt. Immer gut aufgeräumt.

Und in diesem Raum ein Spiegel. Die Sprache als Spiegel des Lebensraums. Der Sprachraum, der die Ordnung im Zimmer vorgibt. Ein Fenster, das in einen anderen Sprachraum hinein geöffnet werden kann.

Im besten Fall ein Umzug in einen größeren Raum, ein geräumigeres Zimmer mit weniger Möbeln und mehr Spielraum.

Oder, im weitaus ungünstigeren und gleichzeitig wahrscheinlicheren Fall, der Einzug anderer in das gleiche Zimmer. Personen, die ihre Möbel mitbringen, ihren Raum beanspruchen. Umzüge, die notwendig werden, weil es sich in diesem Raum nicht mehr leben lässt. Leere Räume, von denen man glaubt, sie völlig neu gestalten zu können. Der Traum von einem eigenen Zimmer.

 

Die Erfahrung, wie sich das, was in einem Raum erfahrbar wurde, fortsetzt im nächsten Raum, den Blick schärft und vielleicht verändert.

So wie der Spiegel, in den man sich versenkt, in den man eintritt, wie in einen neuen Raum. Diese Aufregung, wenn man beginnt zu schreiben. Immer wieder ein Aufbruch, das Verlassen bekannter Räume und der Versuch über Grenzen zu gehen, das Spiegelbild zu formen, zu ändern, ihm einfach den Rücken zu kehren. Die Macht, der Wirklichkeit ihren Stachel zu nehmen, indem man sie leugnet und umschreibt, neu schreibt, weiter schreibt, oder einfach niederschreibt. Festhält, sich der eigenen Geschichte bemächtigt, indem man sie erzählt, und dann [zu Recht!] behauptet, dass sie gar nicht wahr ist.