Schneewittchen

Schneewittchen glaubte an Märchen
die ihr niemand erzählte
weil außer dem Spiegel
keiner mit ihr sprach

Sie pflanzte Rosen an
weil sie hoffte
so könnte sie der Prinz für Dornröschen halten

Aschenputtel für sieben Kleinwüchsige
zu spielen
schien ihr nicht erstrebenswert

wer will schon den Frühling abwarten
wenn die Lust auf Liebe in den Winter schneit
und in Schneewittchens Gesicht
war immer Winter
weiß wie Schnee
aber mit drei Tropfen Blut
wenn das keine Drohung war

Aber sie glaubte ja an Märchen
so sehr
dass sie Frösche küsste
und niemals vom Weg abkam
um Blumen zu pflücken
und nicht mit ihrem Spiegel sprach
dem einzigen
der ihr wirklich etwas zu sagen gehabt hätte

Die Vermeintlichen Lügen des Urverstandes

Wir verdammen die Dämmerung. Während wir die Ideen begraben und dadurch begreifen. Es war einmal ein Mädchen, mit einem roten Stift. Während sie mir mit ihrem roten Stift ein Bärchen malte, starb ihre Mutter. Sie hatte zwei Brüder, die fast identisch aussahen, und von einem Tag auf den anderen erwachsen wurden. Was man so Schicksal nennt, während man verschwindet. Und schwindelt. Und je mehr man schwindet, um so verzweifelter hält man sich an seiner Vergangenheit fest. Kein Wunder, wenn das Gesicht im Spiegel immer fremder wird. Die kleine Frau entfremdet sich und verliert ihr Spiegelbild, um das Gesicht zu wahren. Wie die Dinge auf einmal laufen, wenn man sich erlaubt, sie nicht zu führen. Wohin soll das führen? Als wären wir nicht alle Wasserwesen kurz vor dem Verdursten.

Tot sein war leicht mit dir

Tot sein war leicht mit dir

Leben spielen auch

Wir waren gut im

So tun als ob

 

Du hellwach

Ich mausetot

 

Du hast die Rahmen

an die Wand gehängt

und ich sollte Bilder rein malen

Bilder von dir

Bilder nach deinem Geschmack

 

Wenn uns langweilig wurde

Brachtest du mich zum Weinen

Nur um mich trösten zu können

 

Du hast die Teller zerschlagen

um mir zu zeigen

wie man sie richtig zusammensetzt

 

Du hat mir ein schlechtes Gewissen geschenkt

damit du es mir vergeben konntest

 

Nur aufgeweckt hast du mich nicht

das hat das Gesicht im Spiegel gemacht

 

Die vermeintlichen Lügen des Urverstandes

Wir verdammen die Dämmerung. Während wir die Ideen begraben und dadurch begreifen. Es war einmal ein Mädchen, mit einem roten Stift. Während sie mir mit ihrem roten Stift ein Bärchen malte, starb ihre Mutter. Sie hatte zwei Brüder, die fast identisch aussahen, und von einem Tag auf den anderen erwachsen wurden. Was man so Schicksal nennt, während man verschwindet. Und schwindelt. Und je mehr man schwindet, um so verzweifelter hält man sich an seiner Vergangenheit fest. Kein Wunder, wenn das Gesicht im Spiegel immer fremder wird. Die kleine Frau entfremdet sich und verliert ihr Spiegelbild, um das Gesicht zu wahren. Wie die Dinge auf einmal laufen, wenn man sich erlaubt, sie nicht zu führen. Wohin soll das führen? Als wären wir nicht alle Wasserwesen kurz vor dem Verdursten.

 

 

 

Spiegel

Sagen: es bricht mir das Herz, und dann einfach weitergehen. Weitermachen. Da ist kein Platz für mich. Diese Feststellung. Und wie man darüber hinweggeht. Ein Fehler vielleicht. Fehltritt und Stolpern. Weil der Schmerz ein Spiegel ist, die Ablehnung auch. Und der Spiegel spricht. Viel später dann auch zu Schneewittchen, was das Märchen verschweigt.

Alter

Der Mann sah sie düster an, seine Brille rutschte, die Haare, dachte sie, sind garantiert nicht echt.

„Schließlich sind Sie schon lange nicht mehr jung“, sagte er.

Und trotz allem, obwohl es das war, was sie jeden Morgen dachte, wenn sie in den Spiegel sah, dort ihr vierzigjähriges Gesicht erwartete, und jedes Mal aufs Neue enttäuscht war, wie viel faltiger, aufgedunsener und formloser, wie viel älter ihr Gesicht ihr tatsächlich entgegenblickte, trafen sie die Worte.

„Was schlagen Sie vor“, fragte sie, „soll ich mir auch die Haare färben lassen?“

Ein Mundwinkel zuckte, bevor der Mann lachte.

„Ich bin keine Kosmetikerin“, er schüttelte den Kopf.

„Finden Sie sich einfach mit der Wahrheit ab“, sagte er.

Und klang dabei ein klein wenig traurig.

 

Und dann lest mal, wie großartig man das Altern auch beschreiben kann, wenn man Anne Dorn heißt, z.B.

Ich weiß nicht, ob ich das darf, aber ich möchte gerne ihr großartiges Gedicht aus dem Jahrbuch der Lyrik 2015 mit euch teilen:

 

Die Mühe sich einzustimmen,

ganz auf den heutigen Tag

 

 

Hallo Sie, der oder die Sie

heute mit mir gesprochen haben,

per Telefon mir gesagt,

dass ich gut klinge, richtig gut!

Schön, dass es mir gut geht. Ach –

kommt doch vorbei. Ich freue mich

wenn wer vorbeikommt.

Wir kommen sofort ins Gespräch, es gibt Tee.

Vielleicht, dass meine linke Hand in die Luft greift,

dahin, wo der Stuhl sonst steht, den ich dem Menschen,

der darauf nun Platz nimmt, selbst

entgegengeschoben habe.

Mein Gast hat mich freundlich angeschaut

und ich ihn, er hat mir seine Rechte entgegengestreckt

und ich ihm die meine, ja, dieser Drahtseilakt plötzlich!

Ich muss ja nun unbedingt – irgendwo – immerzu

Halt finden. Kein Schritt mehr möglich,

ohne die Welt zu begreifen, ein Stück von ihr

in den Fingern zu habend: Jetzt diese rasch gehaschte

Hand, diese Herzlichkeit also.

Wer schüttet das kochende Wasser

genau in diese Öffnung der Kanne? Ich rede und rede

in einer so weit von meinem Körper entfernten Tonart,

mit dieser Stimme, die mir als vermeintlicher Segen

im Leib haust. Unmöglich, damit zu schildern,

dass ich nunmehr immer präsent, äusserst

anstrengend stets gegenwärtig lebe,

damit kein Unglück geschieht, kein Sturz, keine

Verbrennung, Ohnmacht oder dergleichen und

Niemandem Vorwurf zu machen ist, wenn er oder sie

sich täuschen liessen vom hellen Wortlaut. Er

wie auch sie hier unbedacht aus – und eingehen,

dies und das besprochen wird, offen gelassen alles

da sich so viel bewegt und unübersichtlich bleibt,

lebendig eben.

Wir sind uns dann einig: Augen offen halten und Ohren!

Oh – wie auch ich es liebe, Zukunft zu haben,

gedankenvoll unbedacht einfach vorhanden,

von der Hand in den Mund, wenn die Hand

noch zum Mund –

 

Ja, ich werde mit heller Stimme

‚Munterkeit mimend, ganz wie Gesinde es tut’

mit zur Türe gehen, kenne mich da ja aus,

weiss, welche Klinke wackelt, zur Not

auch Jacke wie Mantel am Garderobehaken

immer noch zu erwischen, – und, natürlich –

 

ich narre Euch nicht und entschuldige mich

mit eben der Stimme, dem Grund

der Verwirrung. Verzeiht,

dass ich sie habe und noch nicht schweige.

 

(Anne Dorn)

Form

Die Form, die sich in allem manifestiert. Oder in der sich alles erst festhalten lässt, Bewusstheit erlangen kann?

In der Art, wie wir über das schreiben, was uns überhaupt auffällt, wie sehr wir dabei von uns absehen können. Wobei die Fähigkeit von sich selbst abzusehen, wiederum Bedingung ist, im schrittweisen Erkennen, sich selbst zu finden. Das Selbst als winziges Verbindungsglied zwischen den Bruchstücken, Scherben, Fragmenten.

Darum die Vergleiche, die Spiegel.

„Flüchtige Blicke auf die nackten Figuren der Seele“ (Anne Carson)

In „Glas, Ironie und Gott, dem ersten Buch von Carson, das ins Deutsche übertragen wurde, schreibt sie über Emily Brontes „totale Unterwerfung unter ein schöpferisches Projekt, das sie weder verstehen noch beherrschen konnte.“

Die Zwiespältigkeiten und Widersprüche zwischen Körper und Geist und Anne Carson, die den Sitz der Seele „zwischen Körper und Geist“ lokalisiert, „wie eine Oberfläche aus Mühlsandstein,

wo solche Not sich herausschält.“

Wider die Natur

Bei den poetischen Quellen war Tomas Espedal „verhindert“. Seine Übersetzerin und sein Verleger entschuldigten ihn und übernahmen das Gespräch mit Jürgen Keimer. Was nicht uninteressant war. Die Literaturszene in Norwegen scheint sich sehr grundsätzlich von der, wie wir sie kennen, zu unterscheiden. Norwegen fördert seine Literaten. So gibt es ein Gesetz, das vorschreibt, dass jede Neuerscheinung von allen Bibliotheken des Landes abgenommen werden muss, so dass die Verlage mit garantiert 1.000 bis 2.000 verkauften Exemplaren rechnen können. Darüber hinaus gibt es nicht nur eine Vielzahl von Stipendien, sondern sogar so etwas wie eine Art Leibrente für Autoren. Espedal hätte all die Förderung vermutlich jetzt gar nicht mehr nötig, denn seine Bücher verkaufen sich auch in Deutschland sehr gut.

Während mich die Passagen aus Gehen nicht wirklich einnehmen konnten, habe ich mir Wochen später doch noch „Wider die Natur“ gekauft und in einem Rutsch durchgelesen.

 

Spiegel

Auch hier finde ich diese Spiegelung, die mich unlängst in einem Text in „Lettre International“ so fasziniert hat, die Spiegelung der eigenen Geschichte mit einer Geschichte aus der Literatur. Espedal spiegelt seine Liebesgeschichte mit der von Heloise und Abelard.

Spiegel. Die Märchen sind voll von ihnen; Schneewittchen, der Splitter, der Kai ins Auge geflogen ist, Alice im Wunderland, die durch den Spiegel geht. Die Spiegel, die nach einem alten Brauch verhängt werden, mit schwarzen Tüchern abgedeckt, wenn jemand stirbt.

Was geschieht beim Blick in den Spiegel? Und welchen Unterschied macht die Spiegelung der eigenen Geschichte mit der eines anderen (die ja schon abgeschlossen ist)? Ist das der Versuch, durch den Spiegel zu gehen, oder vielmehr eine Art das eigene Bild zu überdecken mit dieser anderen Geschichte?

 

Oder die Spiegelung in der Mathematik. An der Achse, genau die selben Linien, nur seitenverkehrt.

 

Die Bilder, die man sich macht. Und das, was einem dieses kalte, glatte Ding widerspiegelt.

 

Scherben

 

Espedal schreibt über die erste Vereinigung von Heloise und Abelard:

 

[…] und sie schreit auf und ruft laut, als sie in die Luft geschleudert wird; sie stürzt und fällt, kullert kopfüber herum und wird an eine Wand geschleudert, an der ihre Kindheit zerbirst.“

 

Als wenn erst die Scherben uns erkennen lassen, welchen Schatz wir besessen haben. Ist es das, was Botho Strauß meint, wenn er schreibt, wir müssten langsam (jahrelang, jahrzehntelang) in unsere Erinnerungen hereinwachsen?

 

Was ist das: Liebe? Wie verhält es sich mit der Macht, die in Ohnmacht umschlägt, weil man alles in die Hände eines anderen legt?

Weil man diesen Widerspruch überwinden will, diese ewig voraussetzungsvolle Verantwortung für das eigene Leben abgeben will, oder wenigstens teilen.

 

Wechsel

 

Dieser Wechsel aus Phasen, in denen man sich beobachtet wie einen Fremden, in denen die Erinnerungen ein Film sind dessen Hauptdarsteller nur zufällig aussieht, wie man selbst, und den Momenten, in denen man deutlich spürt, dass es keine Trennung gibt zwischen Beobachter und Akteur. Das Bild im Spiegel bin ich.

Wie die (für so unverrückbar feststehend gehaltenen) Standpunkte sich ändern, teilweise ins Gegenteil wenden, und das ist dann Ausdruck von Identität.

Was das mit Liebe zu tun hat. Mit Macht. Mit der Entscheidung, etwas zuzulassen. Sich auszusetzen. Hinzugeben. An was auch immer. An eine namenlose Macht, die größer ist als das, was wir im Spiegel sehen, von dem wir glauben, dass es uns bezeichnet.

 

Von einem fremden, weit entfernten Glück lesen und spüren, wie sich der Körper an eigenes, vergangenes Glück erinnert.

 

Nicht über sich sprechen können, keine Fragen stellen. Aus Angst vor Übertretungen. Vor dem Hintergrund dieser Überzeugung, dass man selbst so etwas ist, wie eine Übertretung. Ein Versehen. Nur aus Versehen (und überflüssigerweise) hier. Ohne Berechtigung. Ohne Strahlkraft. Und jetzt auch noch alt.

 

Die Aufrichtigkeit, die im Nachgeben liegen kann, dem Schmerz, dem Selbstmitleid, dem nicht einmal eine bändigende Form angetan wird, das sich einfach so artikulieren darf wie es ist, so stammelnd, zusammenhanglos, enervierend in seinen Wiederholungen und Engführungen der Perspektive.

Nur Mitleid habe ich beim Lesen nie empfunden, lediglich bemerkt, dass ich so, auf diese Art, nie gelitten habe.

 

Die Zeit gerinnt zu Blasen, in denen sich die Erinnerung sammelt.

 

 

Margaret Atwood

DEINE KINDER HABEN SICH AM GLAS GESCHNITTEN…

 

Deine Kinder haben sich am Glas geschnitten,

beim Griff durch den Spiegel,

in dem der geliebte Mensch sich versteckte.

 

Du hattest damit nicht gerechnet:

Du glaubtest, sie suchten das Glück,

keine Schnittwunden.

 

Du glaubtest, das Glück

werde einfach erscheinen, ohne Mühe

oder sonstige Art von Arbeit,

 

wie ein Vogelruf,

eine Blume am Wegesrand

oder ein silbrig schimmernder Fischschwarm,

 

aber nun haben sie sich geschnitten

an der Liebe und weinen heimlich,

und deine eigenen Hände werden taub,

 

denn du kannst nichts tun,

denn du hast ihnen nicht gesagt nein,

denn du hast nicht gedacht,

du bräuchtest es,

und jetzt ist alles voller Scherben

und die Kinder stehen da, ertappt,

 

und greifen noch immer nach Monden und Echos,

nach Leere und Schatten,

genau wie damals du.

[aus: Die Tür, Berlin Verlag, 2014, übersetzt von Monika Baark]