Meine Mutter

Und tatsächlich wird mir erst jetzt, über zwanzig Jahre später, bewusst, dass sie ganz allein gestorben ist. Im sterilen Krankenhaus, in einem Operationssaal, wie, wiederum fast zwanzig Jahre zuvor, mein Vater. Allein, ohne jemanden, der ihre Hand hielt, denn ich durfte nicht zu ihr. Mich hatte man auf den Flur verbannt, wo ich versuchte mit dem Schicksal zu feilschen: ich werde keine einzige Zigarette mehr rauchen, wenn sie überlebt. Aber ich schaffte es nicht, und sie starb.

Sie war schon tot, sagten die Ärzte, als sie hier ankam. Hirntot (dieses furchtbare Wort). Und wieder ließ man mich nicht zu ihr.

Wie lange mag das gedauert haben? Das Warten. Die Erklärung. Meine Verwirrung.

Habe ich geweint? Geschrieen? Getobt?

Ich weiß nichts mehr. Nur, dass eine Krankenschwester mir eine Zigarette gab, dass ich nur einen Pullover trug (es war ein kalter Abend im November), und plötzlich meine Tante da war, die mich mitnahm zu sich, zu meiner Cousine, in deren Ehebett ich schlief, tief beschämt, nach all dem überhaupt schlafen zu können.

Die Zeit danach ist ein hellblaues Loch. Sehr kalt. Sehr leer. Ich funktionierte noch, aber sämtliches Leben in mir war abgestellt. Ich trauerte nicht, ich dachte nicht. Ich litt daran, zu sein. Zu atmen. Ich war nicht fähig, Abschied zu nehmen, als man mich zu ihr in die Totenhalle führte. Niemand begleitete mich. Niemand hielt mich fest, um mir zu sagen: Das ist das letzte Mal, dass du sie siehst.

Was wusste ich von letzten Malen? Von Abschied und Verantwortung? Ich wusste nur: ich war allein. Und diese Leiche in diesem Sarg hatte keine Sommersprossen und auch sonst erstaunlich wenig mit meiner Mutter gemein. Meine Mutter war zu diesem Moment schon nichts anderes mehr, als eine Erinnerung. Erinnerung an Sommersprossen und Lebendigkeit.

Ohne sie zu berühren, ohne mir Zeit zu geben, verließ ich sie und behauptete: das ist nicht meine Mutter.

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