Sommer

Der Sommer wuchs. Mit ihm der Wind. Ich saß abseits. Meine Gedanken waren eine gesteigerte Maßlosigkeit. Nahezu alles geriet in Vergessenheit. Allein die Erinnerung hielt dem Untergang stand. Ich schickte blasse Bilder in die Welt und die Welt antwortete mit saftgrünem Gras, samtbrauner Erde. So bodenständig, dass mein Blick entrückte. Endlich von mir absah.
Das Gras tanzte, und die Grenzen meiner Endlichkeit gerieten in Bewegung.
Ich war eine Verdurstende, die sich die Zeit von den Lippen leckt.

Kind

Kinder. Was bedeutet das: Kind? Bilder überlagern sich. Ich mit Schultüte und Zahnlücke, neben mir der Großvater (lachend) mit Hut, zu Hause (nicht auf dem Bild), die Großmutter, allein, wartend, am Fenster. Geduldig wie der Tod. Der sie warten lässt. Ein paar Jahre noch. Und ich, mit dem schönsten Baby der Welt, das ich stolz dem Sommer präsentiere. Dann bricht alles ab und ein. Eine Tür quietscht, eine andere fällt ins Schloss. Ich könnte beide Türen deuten, aber sie einfach offen zu lassen, fällt mir schwer.

Vorbild

Vor dem Fenster erwacht der Tag. Wie viele Male ist dieser Satz schon geschrieben worden? Und immer war ein anderer Tag gemeint. Andere Stimmen, andere Luft, andere Geräusche.

Wie wir immer wieder (vergeblich) versuchen, uns zu erinnern. Und nie entsteht Wahrheit, im besten Fall eine stimmige Geschichte. Eine Nachdichtung des Lebens.

Inne halten und sich fest beißen, absichtslos würdigen und genießen, wie immerzu alles für mich sorgt. Schweigen und reden.

Und dieser Sommer. Das Vorbild der wilden vollkommen absichtslosen Mohnblumen, die so lange unverschämt rot leuchten, bis ich mir einbilde, dass auch ich das kann. Im Sommer leben, um im Winter über das Erlebte nachdenken zu können.

03. August

Das Schreiben, das einfach nicht mehr statt findet. Ein scheinbar natürlicher Vorgang. Unter dem ich nicht einmal leide, der mich nur irritiert.

Es gibt nichts mehr, das ich einfach formulieren könnte. Nur immer wieder Fragen, die auftauchen, Fragen, denen nachzugehen sich durchaus lohnen würde. Warum ich es dennoch nicht tue? Viele Theorien, die meisten haben mit Zweifel zu tun, mit diesen Geschichten, die, weil wir sie uns so unermüdlich selbst erzählen, stärker werden als die Wirklichkeit.

Aber auch damit, dass Sommer ist, dass wunderbare Begegnungen stattfinden, dass so viele schöne Dinge geschehen, die einfach zu privat sind, um sie teilen zu können. Jedenfalls jetzt und direkt.

Ob das etwas mit „Qualität“ zu tun hat? Ob also etwas dran ist an diesem Satz, den André Spiegel unter dem Eintrag vom 01. August in seinem Blog „fortlaufend“ notiert hat; „Es dürfte beim Lesen – aber noch viel entschiedener beim Schreiben – überhaupt nicht auf etwas so vordergründiges wie Qualität ankommen.“

31. Oktober

Langsam und systematisch müsste man sein Leben durchsuchen. Der Außentemperatur angemessen tasten. Behutsam und flüchtig im Sommer, wie ein kühlender Wind. Zupackend und beherzt im Winter, der Kälte trotzend.

 

 

2003

Gerhard Schröder beschert der Bundesrepublik die Agenda 2010. Briten und Amerikaner marschieren im Irak ein. Die EU nimmt zehn neue Mitgliedsstaaten auf. Sankt Petersburg feiert seinen 300. Geburtstag und präsentiert das Bernsteinzimmer.

Den heißen Sommer verbringt die Frau, nach Schatten suchend, mit einem fröhlichen Baby. Ihr Arbeitsvertrag ist nicht verlängert worden.

In Mexiko läuft der letzte Käfer vom Band. Die Pandemie SARS greift um sich. In Stockholm wird Anna Lindh niedergestochen. In Georgien überschatten Wahlbetrug und Wahlfälschung die Parlamentswahlen. Saddam Hussein wird bei Tikrit festgenommen.

Barry White, June Carter und Johnny Cash sterben. J.M. Coetzee erhält den Literaturnobelpreis. Im Kino läuft Good Bye, Lenin.

Vom Zufall der Gedanken

Ein Gedanke taucht auf. Vielmehr kein Gedanke taucht auf. Tauchsieder. Tauchgang. Meine automatischen Texte. Meine automatischen Verluste. Wer verliert, erleidet eine Niederlage. Keine angenehme Lage.

Mein Kopf ist eine verwitterte Mülltonne. Ich versuche der Sinnlosigkeit Herr zu werden. Ich halte mich an Redewendungen und versuche den leichten Schwindel auszukosten, den sie erzeugen. Der Sommer ist doch noch entstanden. Eine lange Entstehungsgeschichte. Draußen auf der Straße hustet jemand. Unentwegt. Die Schallwellen schweben in mein Zimmer, branden an mein Ohr. Landen schließlich auf diesem Papier.

Erst wenn man alles verloren gibt, ist etwas zu gewinnen. Ich verstehe nichts von meinen Behauptungen. Dazu sind Behauptungen da. Die losen Bretter der Vernunft zusammennageln und durch die Lücken falle ich vom Fahrrad.