Verwandlung

Die Sätze, die dort stehen. Seit Jahren unverändert. Aber plötzlich erhalten sie einen Sinn. Einen Sinn, den sie immer schon hatten, aber ich erkenne ihn erst jetzt. Nicht weil die Worte sich verändert haben, sondern weil Worte nie feststehen. Weil sie sich immer verwandeln, durch den, der sie liest.

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Jeder Mensch hat ein Talent. Und böse oder traurig, gefährlich oder vollkommen nichtsnutzig wird er nur dann, wenn er dieses Talent nicht ausüben, ausleben kann. Wenn er so neben sich her leben muss, an sich vorbei. Weil er an das Talent allein nicht glauben kann, oder Angst hat, oder sich weigert, ausgerechnet dieses Talent zu haben. Und dann zählt er lieber wie viele Tage noch bis zu seinem Tod. Und wenn das nicht mehr geht, wenn einfach nichts mehr auszuhalten, aber auch nicht zu ändern ist, dann liest dieser Mensch eben ein Buch.

Die Geschichte, die in mir steckte, war spätestens mit dem frühen Tod meines Vaters so unübersichtlich geworden, dass ich den Trost von Geschichten mit Anfang, Mitte und Ende, mit Handlungen und Sinn, mit einem Ziel und nachvollziehbaren Gründen, bitter nötig hatte.

Wundgelegen im Wunder meines Lebens

Sie glaubte immer noch, dass das Leben so funktioniert: du machst deine Hausaufgaben, übst vielleicht noch ein bisschen und alles wird gut. Das Zeugnis fällt gut aus, alle loben dich und du kannst die Frage, wer du eigentlich bist, was du willst und was Dir das Leben bedeutet, noch einmal verschieben. Der Raum zum Verschieben ist endlos und zum Glück gibt es dort immer wieder Menschen, Unterbrechungen, Aufgaben, genug Dinge, die dich davor bewahren, dich dir selbst zu stellen und zu sehen, wer du eigentlich bist. Was da ist, hinter der Angst.

 

 

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Man muss es aushalten, um es aufzuhalten: Verschwinden als Essenz des Lebens. Wir nennen es gemeinhin lieber Veränderung, und das ist sicher nicht verkehrt, aber eben auch kein Widerspruch.

Begleitzustände. Wie wir versuchen, uns die Erkenntnisse höflich vom Leib zu halten.

Wenn es denn einen Sinn des Lebens gibt, besteht er darin, so lange zu lernen, Abschied zu nehmen, bis es man es endlich richtig hinbekommt.

Sinn – Sinne

Macht der Tod alles sinnlos, oder ist die Begrenzung des Lebens die Grundvoraussetzung, um überhaupt etwas als sinnvoll zu erfahren?

Spielt das eine Rolle? Und was genau bedeutet überhaupt Sinn?

Meint es nicht in erster Linie sinnlich, mit den Sinnen erfahrbar und nicht diese Ausrichtung auf ein abstraktes Ergebnis?

Vielleicht ist es genau diese Rückführung auf das sinnliche Erleben, weg von den Ergebnissen (der Zielstrebigkeit), die das Wesen der Kunst ausmachen und so zugleich erfüllend und entlastend wirken.

Erfahrung statt Bedeutung. Vielleicht ist das der ganze Sinn.