Ich, wie immer, nicht da

4. Tag

In TROTZ IHRER SCHMERZEN; NOCH EIN TAG die Schlusszeilen:

 

„Sie auf dem Bett wie gekrümmte Zweige.

Ich, wie immer, nicht da.“

 

Diese schonungslosen Beobachtungen eines Abschieds, der längst stattgefunden hat.

 

Bewegend sagen wir, wenn wir meinen, dass man über dieses Gedicht, dieses Bild nicht einfach hinweggehen kann. Dass es etwas bewirkt. Vielleicht verändert. Das Gleichförmige durchbricht. Anstoß gibt. Möglichkeit zum Aufbruch.

(Man beachte, dass es das „ich“ ist, dass sich hier immerzu einmischt, um von der Überflüssigkeit dieser Zeilen zu sprechen. Welche Bedeutung haben „die anderen“ (besser, schöner, jünger. Gescheiter sowieso), wenn es um die Suche nach Wahrheit geht? Nach einer Möglichkeit, aufrecht zu leben.)

 

Jedenfalls habe ich eine Biografie über Simone Weil gelesen, nachdem Carson so von ihr geschrieben hat, wie sie von ihr geschrieben hat. Ihre, Weils, Überzeugung, dass der Mensch sich wieder in Gott zurückbilden muss.

Wobei Weil der Überzeugung war, dass Gott wesentlich wesenlos ist:

„Mit Liebe zustimmen, nicht mehr zu sein [das Ego, das Selbst ist für Weil die Sünde schlechthin], wie wir es tun sollen, ist keine Vernichtung, sondern vertikaler Überstieg in die höhere Realität des Seins.“

 

Leben und Essen. Der Sündenfalls ist das Wissen, aber auch die Tatsache, die Grenzen des Wissens nicht zu akzeptieren, unersättlich zu sein. Und eben zu allem anderen, auch noch diesen Apfel essen zu wollen.

 

Wenn eine Kultur an ein Ich-freies Handeln glaubt, ist Wiedergeburt logisch möglich. Als ein allumfassender, nicht individueller Geist, der wiedergeboren wird, der sich also lediglich in unterschiedlichen sterblichen Körperhüllen reinkarniert.

 

Wir aber dümpeln in unserer Dummheit dahin.

Anne Carson – Rückschöpfung – Liebe – Falschheit

  1. Tag

Der Mut, die gängigen Definitionen (die ja immer auch Grenzen sind), abzulehnen, in Frage zu stellen, ob sie passen, ob sie sich der eignen Wahrheit anpassen, oder nur dazu zwingen, sich dieser von ihnen behaupteten Wirklichkeit anzupassen. Dieser überwältigende (und gefährliche) Mut, nicht nur zu existieren, sondern so voll und ganz zu sein, dass man sich selbst verliert und auf diese Weise, jenseits eines behaupteten (angepassten) Ichs, zurückkehrt in die Schöpfung, aus der man als Teil hervorgebracht wurde.

Vereinigung als Aufgabe (Aufgabe in diesem doppeldeutigen Sinn als Herausforderung, zu erreichendes Ziel und der Bereitschaft, sich selbst aufzulösen, zurückzutreten, sich zu opfern und aufzugeben für etwas, das größer ist.).

 

Vielleicht ist es das, was Marguerite Porete, Simone Weil und Sappho auf unterschiedliche, (aber immer sehr radikale) Weise eint, die Erkenntnis, dass nichts dem Leben, dem Sein, der Verbindung mit Liebe, Frieden und Harmonie mehr entgegensteht, als das „Ich“, das „Selbst“.

Ihre Erkenntnis, dass wir an der Unmöglichkeit von uns abzusehen, leiden. Und uns, im Gegensatz zu ihnen, weigern, das zu begreifen. So dass wir gefangen bleiben, in immer neuen halbherzigen (falschmünzerischen) Kreationen, aus Angst vor der Dekreation, aus Angst vor der Einsicht, dass die Auslöschung Auferstehung ist.