Traum

Da war diese Frau, an die ich mich so klar erinnere, wie an einen Traum, die jederzeit bereit war, Verschwendung über uns, über die Zeit, über alles, was lebte, zu gießen. Sie lebte in einem Haus, in dem niemals irgendetwas beschnitten wurde. Alles sollte wuchern und blühen. Uferlos, grenzenlos. Nur ihr Kind, ein bemerkenswert zähes und widerständiges Mädchen, jätete manchmal das, was sie für Unkraut hielt. Dieses Kind hatte eine Fensterbank in der Küche für sich beansprucht, auf der es in kleinen Tontöpfen winzige Setzlinge pflanzte, die es Zorn, Mut, Zuversicht und Vergebung nannte. Es pflegte diese Pflänzchen möglicherweise besser und liebevoller als es selbst von seiner Mutter gepflegt worden war, die ihr jeden Tag den selben Teller vor die Nase setzte, einen Teller mit sieben Zwergen am Rand und einem Schneewittchen in der Mitte. Sie hasste diesen Teller ebenso sehr, wie sie den Apfelbaum draußen im Garten liebte. Jeden Tag harkte sie die Erde um diesen Baum herum, durchzog sie mit feinen Linien, bis es aussah als stände der Baum am Ende eines raffinierten Labyrinths, das allein sie durchschaute. Der Teller war aus feinstem, kostbaren Porzellan. Vielleicht das Wertvollste, was es gab in ihrem Haushalt. Eines Tages beschloss das Mädchen, den Teller in der Nähe des Baumes tief in der Erde zu vergraben. Sie stellte sich vor, wie dort unter der Erde mit Hilfe der Wurzeln ihres geliebten Baumes, alles verwandelt würde, die sieben Zwerge würden zu den sieben Fliegen auf dem Marmeladenbrot des tapferen Schneiderleins und Schneewittchen würde sich in einen Elefanten verwandeln, sie würde alles ernten, wenn es lange genug unter der Erde kompostiert worden war. Die Füße in der Luft, würde sie ihre Träume aus dem Boden pflücken.

Schon bald.

Sieben

Ich werde nie darüber hinweg kommen. Ich bin mir selbst die sieben Berge, hinter denen ich mich verstecke. Aber die Erinnerung findet mich, um mir in ständig wechselnden Verkleidungen aufzulauern, und mich zu vergiften. Bleibt die Frage, wer die sieben Zwerge sind, die mich immerhin ein paar Mal retten und ins Leben zurückholen. Bleibt die Frage, wann mir der Apfelschnitz im Halse stecken bleibt, oder ob ich schon im gläsernen Sarg liege. Bleibt die Frage, ob ich den Prinz, der mich retten und heiraten will, nicht sofort vor den Kopf stoße. Bleibt die Frage, wie man das aushält, ein Leben ohne klar erkennbaren Sinn.

Sieben

Wir schieben uns der Zeit in den Rücken.

Wie die Orte uns verändern. Auch wenn das eine Lüge ist. Behauptung. Und was das bedeutet. All dieses „be“ als Vorsilbe und wie ich schließlich ganz verzweifelt bin, weil kein Wort das aussagte, was ich eigentlich fühlte. Weil ich mich bestenfalls in Zitaten längst gestorbener Männer und Frauen wiederfand. Die Dekadenz des Begreifens. Und wie ich dann doch wieder zur Flasche gegriffen habe. Nur um wenigstens eine kurze Zeit lang zu verschwinden, aufgehoben zu werden.

Als Kind wollte ich immer einer der sieben Zwerge sein, nie Schneewittchen, oder der Prinz. Die Zwerge veränderten sich nicht. Eine Zeitlang mussten sie ihre Teller und Betten mit Schneewittchen teilen, aber alles andere blieb wie es immer gewesen war. Sie arbeiteten im Bergwerk. Sie kamen nach Hausse, um zu essen und zu schlafen. Am nächsten Tag gingen sie erneut zur Arbeit. Statt über das Wetter redeten sie eine Weile über Schneewittchen, die sich erst umbringen und dann heiraten ließ, aber sie führten genau dasselbe Leben. Das schien mir viel erstrebenswerter als all die gewaltigen Veränderungen der anderen Märchengestalten. Und so musste meine Mutter mir immer wieder Schneewittchen vorlesen und ich malte danach die Zwerge. Die Zahl sieben war die erste Zahl, die ich schreiben konnte.

Thomas Bernard hat in irgendeinem Interview, vielleicht auch in einem seiner Bücher, gesagt, er sei an keinem Ort so glücklich, wie auf der Reise, unterwegs von einem Ort zum anderen. Das habe ich mir gemerkt. Weil es sich so anfühlte wie die Zwerge. Es hat nichts miteinander zu tun, außer dass es mir das gleiche Gefühl vermittelt. Das Gefühl, verstanden zu werden.

Wie immer von Leuten, die lange schon tot sind.

Später, das lebte meine Mutter schon nicht mehr, und ich hatte meine Vorliebe für die Zwerge im Märchen von Schneewittchen vergessen, fragte mich mein eigenes Kind, was das bedeutet: „einsam sein“.

Sieben mal eins

Tief bewegt von einer zufälligen Berührung, überließ man das Weitere der Unberechenbarkeit.

Wir sprechen von Nähe.

Verbundenheit.

Also Verwundbarkeit.

Nach dem Gleichschritt.

Der Versuch etwas abzuhängen, von dem man abhängt.

Die Bewegung beschleunigt sich.