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„Es war keine schwere Geburt“, sagt die Frau, die mir gegenüber sitzt. Ich bewundere kurz ihre Haltung, bevor ich erwidere: „Vielleicht können Sie sich bloß nicht erinnern.“ Sie winkt ab, als wäre ich eine lästige Fliege. Und vertieft sich in die Schlagzeilen. Zum dritten Mal eilt die kleine wendige Kellnerin an mir vorbei, ohne das es mir gelingt, sie auf mich aufmerksam zu machen. Ich sehe aus dem Fenster. Die Fassaden der Stadt, in der ich beinahe mein ganzes Leben verbracht habe, verschmelzen mit meinen Gesichtszügen. Irgendwann ist die leicht gebärende Frau gegangen und ein Kaffee steht vor mir auf dem Tisch. Die Zeit neigt sich. Nach links, nach rechts. Beginnt zu tanzen. Ich führe Selbstgespräche. Oder die Selbstgespräche führen mich. Ein Tropfen Blut fällt auf das blütenweiße Tischtuch.

Eine Art Jahresrückblick

Natürlich bin ich ungerecht. Meine Erinnerung ist selektiv. Das sind Gemeinplätze. Völlig überflüssig zu erwähnen.

Es war ein aufregendes Jahr. Ein Jahr, in dem wirklich viel in Bewegung geraten ist. Eines, in dem viele Dinge definitiv zu Ende gegangen sind. Ein Jahr voller Schmerzen. Seelischer und körperlicher. Und voller Heilung, seelischer und körperlicher.

Was mir ungerecht mir selbst gegenüber vorkommt, ist diese Überzeugung, unter der ich immer wieder leide, dass ich mich einfach nicht verändere. Dass ich so was von auf der Stelle trete. Und dann merke ich, eigentlich leide ich gerade jetzt darunter, dass ich mich verändert habe. Nur eben nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe.

Im Lesesaal diese Sätze gefunden: http://www.lesesaal.ch/2016/09/30/xxiv/

Genau das vermisse ich gerade sehr, das Schreiben ohne roten Faden, das Schreiben, das es ermöglicht, dass Gedanken sich klären, während des Schreibens.

Vor Jahren habe ich einmal geschrieben, dass man mir erzählte, ich habe als Kind stundenlang Selbstgespräche geführt. Es gibt ein Foto von mir mit einen roten Plastiktelefon und es hat angeblich eine Kassette gegeben, Aufnahmen eines Telefongesprächs, das ich mit einem ausgedachten Partner geführt habe. Diese Kassette ist ebenso verschwunden, wie meine Redseeligkeit.