25. Dezember

Ohne Zweifel bin in unserer Familie ich diejenige, die am wenigsten äußeren Zwängen ausgesetzt ist. Ob ich mich deshalb freier fühle?

Die Bilder im Flur ansehen (meine tote Mutter, die Kinder vor vielen Jahren) und das Gefühl haben; ich selbst bin der Schwindel.

Natürlich wünsche ich mir häufig die Zeit zurück, als ich noch das Zentrum ihres Lebens war, ihre leuchtenden Augen, während sie die Welt entdeckten, als noch alles ein Abenteuer war. Aber es ist ja nicht so, als wäre nichts Neues an diese Stelle getreten. Etwas, das ich in fünf Jahren wiederum vermissen werde.

 

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Neun mal zwei

Eine Verbindung aufgrund der gemeinsamen Einsamkeit. Eine Verbindlichkeit aufgrund von Schwindel.

 

 

Die doppelte Bedeutung des Schwindels. Gleich nah an der Lüge, wie am Rausch.

 

 

Es gibt diejenigen, die Behauptungen aufstellen, die sie für unumstößlich halten und andere, die nicht von sich absehen können. Denen der Zweifel eingepflanzt ist, wie anderen die Gewissheit.

 

 

Wie einer, der sich die Flügel anschnallt, die ein anderer gerade enttäuscht weggeworfen hat. Hoffnungsvoll.

 

 

Es gibt Zwietracht und zweifelhafte Aussagen. Unverbundene Punkte, die man auch Standpunkte nennen kann, auf der Suche nach einem Halt, der sie in Bewegung setzen könnte.

 

 

Es gibt eine Stille, die sich nur zu zweit herstellen lässt. Diese besondere Ruhe.

 

 

Eine Verbindung zwischen Bild und Betrachter. Und eine zwischen dem Sprecher und seinem Schweigen.

 

 

Eine Verbindung ist mehr als eine Funktion. Sie geht darüber hinaus, beweglich.

 

 

Eine geteilte Bewegung, verdoppelt sich nicht, führt aber unentwegt zu Veränderungen. Überführt die veränderten Einsamkeiten in Schwindel.

 

 

Ich bin Marita

 

Bei mir ist es anders

 

Ich trinke nicht um zu vergessen

 

Ich trinke um mich zu erinnern

 

Was Zeit bedeutet

 

Und damit ich mich fürchte

 

Vor dem Verlust der Angst

 

Nie ist das Erinnern so klar

 

Wie in diesen durstigen Momenten

 

Zwischen den Gläsern

 

Ich ziehe mich aus

 

Vor jedem und allen

 

Ich käme mir anderenfalls so unbekleidet vor

 

Wie sich der Schaum spiegelt in meinem Blick

 

Ich lasse mir Geschichten erzählen

 

Wer sie erzählt ist egal

 

So lange sie nur unglaubwürdig sind

 

Gesalzen mit diesem leichten Schwindel

 

Den man am deutlichsten in den verrauchten Gesichtern erkennt

 

Ich halte mich an die Angst

 

Das ist meine Richtschnur

 

An dieser Linie entlang trinke ich mir zu

 

Ich bin Marita

[03/2011 Lauter Niemand]