(27)

Als würde alles immer größer, unübersichtlicher und komplexer. Als bestünde die einzige Möglichkeit, darauf zu reagieren, darin zu schrumpfen, mich zurückzuziehen, zu verstummen.

Das Gefühl, dass Tiefe ohne eine gewisse Schwere und Schwermut nicht möglich ist, dass andererseits ohne Tiefe alles Schöne nur oberflächlich bleibt.

Sprache

Wie wir uns verraten und verkaufen. Und uns unversehens wiederfinden in der Tiefe eines schlichten Gedichts. Denn Dichtung ist Religion (Les Murray), ein Gebet und ein Aufgehobensein in dem, was größer ist als wir. In dem, was vor dem Wort da war, auch wenn geschrieben steht: Am Anfang war das Wort. Ich aber sage euch; vor dem Wort war das Chaos und die Fülle, das Licht und die Dunkelheit, das Unüberwindliche im Unsagbaren. Und alles, was danach kam, war ein Schritt zurück.

Das Weben falscher Muster. Darin manchmal, wenn es einem von uns gelingt, alles loszulassen, ein Muster von unbegreiflicher Schönheit. Einen Moment lang, bevor wir es erneut mit Worten zerstören.

V

Nicht nach den Antworten suchen, aber eine Ordnung der Fragen entwickeln.

Oder einfach genau hinsehen. Diese Form von Widerstand.

 

Stattdessen lassen wir den Schlaf jubilieren, während wir einander beim Sterben zusehen. Wohin uns das führt, wie es uns verändert, das Wasser der Zeit, das Schicht um Schicht eine oberflächliche Schönheit abträgt, bis der Kern sichtbar wird. Das zerstörte Gesicht. Bis eine sagt: Ich habe ein zerstörtes Gesicht. Sich weniger damit abfindet, als dass sie sich vielmehr selbst findet in dieser Behauptung, diesem Satz. So wahrhaftig findet, dass es nicht mehr notwendig ist, sich zu erfinden.

 

Geduld

Geduld - Isla volante
Geduld – Isla volante

 

Wie viel Geduld man braucht, dachte sie, um diese Steine so vollkommen zu machen. Wie viel Ausdauer das Wasser braucht, und welche Zeitlosigkeit.

Vielleicht ist das Alter etwas ähnliches. Nur dass wir nicht sehen können, wo es seine Schönheit verbirgt, im unermesslichen Fließen der Zeit.

 

Die Mutter

Die Frau tanzt. Sie ist noch jung, und doch ist ihre Schönheit reif und schon bereit für das Opfer des Verfalls.“ (Marguerite Duras)

.

Diese Frau ist meine Mutter. Ich bedauere sie. Aber ich bedauere sie auf die mir eigene, mitleidlose Art. Ich lasse sie nicht aus den Augen. Ich werde ihren Verfall genau registrieren. Nichts wird mir entgehen.

Sie tanzt und während sie tanzt, stirbt sie.

.

[Matrix 2013]

Der weibliche Blick II

Ich bin keine erklärte Feministin, ich habe diesen ganzen theoretischen Hintergrund nicht, Judith Butler z.B. habe ich nie gelesen, aber ich bin eine Frau, und deswegen, vermute ich, muss ich solche Erklärungen vorausschicken, wenn ich mir das Recht nehme, für mich zu klären, was einen weiblichen Blick ausmacht, die weibliche Sicht auf die Welt. Denn das, so scheint mir, ist ganz tief verwurzelt weiblich (anerzogen), sich zurückzunehmen, seine eigene Meinung nicht zu wichtig zu nehmen, sondern eben nach Mustern zu suchen, nach Vorbildern und dann Dinge zu tun und zu sagen, die anderen gefallen, die den Blick nicht gerade auf einen Konflikt lenken, sondern auf etwas, das Wohlgefallen auslöst. Harmonie.

So schaden wir einander immer noch, statt uns etwas zuzutrauen, statt uns auch ein Scheitern und Irrtümer zu erlauben, statt zu sagen, wie Melusine es in ihrem Kommentar vorschlägt, dass Kochen nicht nur in der 5 Sterne Gastronomie, sondern auch in der häuslichen Küche, Kunst ist, dass das was wir tun, durchaus Vorbildcharakter haben kann, oder jedenfalls bestehen kann, jeden Vergleich bestehen kann. Statt dessen rechtfertigen wir uns und machen uns auf diese Weise angreifbar. Wir betrachten uns selbst und die andere mit Zweifel und Angst. Warum nicht mit Neugier? Mit Stolz darauf, was erreicht worden ist, auch wenn das Ziel noch in einiger Entfernung liegt. Dass Frauen ehrgeizig sind, oder sich unterordnen, dass sie aber wählen können zwischen Möglichkeiten, die ihnen sehr lange verwehrt gewesen sind. Die Frau, die nicht länger im wahrsten Sinne Hausfrau sein muss (auch wenn sie es noch sein darf, obwohl das ja auch so nicht stimmt), die jedenfalls nicht mehr notwendigerweise so verwachsen sein muss mit dem Haus, wie Louise Bourgeoise es in ihren Skulpturen zur Hausfrau verdeutlicht hat.

Aber was ist mit dem Ansehen, wenn Frau den Kopf aus dem Haus befreit. Wie wirken sich die Veränderungen darauf aus, wie Frauen angesehen werden?

„Man stelle sich ein Buch mit Bildern von Frauen vor“, schreibt Susan Sontag, „in denen keine der Frauen als schön zu bezeichnen wäre. Hätten wir nicht den Eindruck, daß der Photograph etwas falsch gemacht hat? Niederträchtig war? Ein Frauenfeind ist? Uns um etwas gebracht hat, das zu sehen uns zustand? Niemand würde dasselbe über ein Buch mit Portraits von Männer sagen.“

Schönheit als Ausdruck der Tugend, des reinen Charakters, während ein Mann nur stark sein muss, oder mächtig? Ist das noch so? Sind wir wirklich darüber hinweg?

Schönheit, bzw. die Identifikation der Frau mit ihrem Aussehen „war ein Mittel, Frauen zu inmobilisieren“, schreibt Susan Sontag. „Während der Charakter sich entwickelt, hervortritt, ist Schönheit statisch, eine Maske, ein Magnet für Projektionen.“

Aber zurück zu den Fotos. Das, was uns auf Fotos gegenübertritt, erklärt Sontag, ist das, was eine unterschiedliche Machtverteilung uns vorgibt, also nicht Frauen und Männern, sondern Bilder von Frauen und Männern. Insofern ist ein Foto eine Meinung. Was aber wenn sich die Meinung ändert, ändern sich dann auch die Fotos und der Blick auf die Bilder? Zunächst der weibliche und dann der Blick überhaupt?

„Eine der Aufgaben der Photographie besteht darin, die Mannigfaltigkeit der Welt zu erschließen und unsere Sinne dafür auszubilden. Es geht nicht darum, Ideale zu präsentieren. Es gibt kein Programm, außer Vielfalt und Interessantheit. Es gibt keine Wertungen, was natürlich in sich eine Wertung ist.

Und die Mannigfaltigkeit ist selbst ein Ideal. Wir wollen heutzutage wissen, daß es für jedes dies auch ein das gibt. Wir wollen eine Pluralität von Mustern.“ (Sontag)

Genau das löst das Fotobuch „Women“ ein. Weil es eben dies Ideal feiert.

Mit solchen Bildern.

Louise Borgeois, Annie Leibovitz, aus dem Fotoband „Women“

Ohne die Augen zu verschließen vor solchen Bildern:

Victim of domestic violence – Annie Leibovitz, aus dem Fotoband „Women“

Vielfalt.

Women – Annie Leibovitz

Und das könnte ein Anfang sein. Die Vielfalt zu feiern. Des weiblichen Blicks.

Elizabeth Peyton (1)

Die Portraits, die Elizabeth Peyton malt, leuchten.

Ich kann nicht ausdrücken, was mich so an ihren Bildern berührt. Auch darum will ich mehr erfahren über diese Frau.

Elizabeth Peyton wurde 1965 in Danbury, Connecticut geboren. Sie malt ausschließlich Portraits. Von 1981 bis 1987 hat sie die School of Visual Arts in New York besucht. Als Vorlage für ihre Ölgemälde, Aquarelle und Zeichnungen dienen Elizabeth Peyton Schnappschüsse von Freunden, Bilder aus Magazinen und Büchern, Plattencover und Stills aus Musikvideos.

„Peytons Bilder sind nicht Zitat, nicht Kommentar oder Anspielungen. Sie sind ein eigenes Reich, in dem wir uns treiben lassen dürfen“, schrieb die FAZ anlässlich des Kataloges mit Druckgrafiken, der im Hatje Cantz Verlag zur Ausstellung in den Opelvillen in Rüsselsheim 2011 erschienen ist. Und das Handelsblatt schreibt: „Das große Thema der New Yorkerin ist die Schönheit.“

Tatsächlich sind Peytons Bilder voller Gefühl, ein Blick in die Seele des Portraitierten. Unglaublich intim. Vielleicht weil diese Portraits gleichzeitig Selbstportraits der Künstlerin sind, deren Thema neben der Suche nach Schönheit, die Kommunikation ist. Wesentlich für die Wahl der portraitierten Person ist die Möglichkeit der Identifikation mit ihrer Ausstrahlung, Wirkung und ihrem Schicksal. „Ich denke darüber nach, wie bestimmte Leute das Leben anderer beeinflusst haben. Es ist nicht entscheidend, wer sie sind, oder wie berühmt, eher wie schön der Weg ist, den sie in ihrem Leben beschritten haben und wie inspirierend sie für die anderen waren. Und ich finde das bei Leuten, die ich oft sehe, wie auch bei jenen, denen ich nie begegnete“, sagte Elizabeth Peyton 1996 in einem Interview mit Francesco Bonami.