Schneewittchen

Schneewittchen glaubte an Märchen
die ihr niemand erzählte
weil außer dem Spiegel
keiner mit ihr sprach

Sie pflanzte Rosen an
weil sie hoffte
so könnte sie der Prinz für Dornröschen halten

Aschenputtel für sieben Kleinwüchsige
zu spielen
schien ihr nicht erstrebenswert

wer will schon den Frühling abwarten
wenn die Lust auf Liebe in den Winter schneit
und in Schneewittchens Gesicht
war immer Winter
weiß wie Schnee
aber mit drei Tropfen Blut
wenn das keine Drohung war

Aber sie glaubte ja an Märchen
so sehr
dass sie Frösche küsste
und niemals vom Weg abkam
um Blumen zu pflücken
und nicht mit ihrem Spiegel sprach
dem einzigen
der ihr wirklich etwas zu sagen gehabt hätte

Traum

Da war diese Frau, an die ich mich so klar erinnere, wie an einen Traum, die jederzeit bereit war, Verschwendung über uns, über die Zeit, über alles, was lebte, zu gießen. Sie lebte in einem Haus, in dem niemals irgendetwas beschnitten wurde. Alles sollte wuchern und blühen. Uferlos, grenzenlos. Nur ihr Kind, ein bemerkenswert zähes und widerständiges Mädchen, jätete manchmal das, was sie für Unkraut hielt. Dieses Kind hatte eine Fensterbank in der Küche für sich beansprucht, auf der es in kleinen Tontöpfen winzige Setzlinge pflanzte, die es Zorn, Mut, Zuversicht und Vergebung nannte. Es pflegte diese Pflänzchen möglicherweise besser und liebevoller als es selbst von seiner Mutter gepflegt worden war, die ihr jeden Tag den selben Teller vor die Nase setzte, einen Teller mit sieben Zwergen am Rand und einem Schneewittchen in der Mitte. Sie hasste diesen Teller ebenso sehr, wie sie den Apfelbaum draußen im Garten liebte. Jeden Tag harkte sie die Erde um diesen Baum herum, durchzog sie mit feinen Linien, bis es aussah als stände der Baum am Ende eines raffinierten Labyrinths, das allein sie durchschaute. Der Teller war aus feinstem, kostbaren Porzellan. Vielleicht das Wertvollste, was es gab in ihrem Haushalt. Eines Tages beschloss das Mädchen, den Teller in der Nähe des Baumes tief in der Erde zu vergraben. Sie stellte sich vor, wie dort unter der Erde mit Hilfe der Wurzeln ihres geliebten Baumes, alles verwandelt würde, die sieben Zwerge würden zu den sieben Fliegen auf dem Marmeladenbrot des tapferen Schneiderleins und Schneewittchen würde sich in einen Elefanten verwandeln, sie würde alles ernten, wenn es lange genug unter der Erde kompostiert worden war. Die Füße in der Luft, würde sie ihre Träume aus dem Boden pflücken.

Schon bald.

Sieben

Wir schieben uns der Zeit in den Rücken.

Wie die Orte uns verändern. Auch wenn das eine Lüge ist. Behauptung. Und was das bedeutet. All dieses „be“ als Vorsilbe und wie ich schließlich ganz verzweifelt bin, weil kein Wort das aussagte, was ich eigentlich fühlte. Weil ich mich bestenfalls in Zitaten längst gestorbener Männer und Frauen wiederfand. Die Dekadenz des Begreifens. Und wie ich dann doch wieder zur Flasche gegriffen habe. Nur um wenigstens eine kurze Zeit lang zu verschwinden, aufgehoben zu werden.

Als Kind wollte ich immer einer der sieben Zwerge sein, nie Schneewittchen, oder der Prinz. Die Zwerge veränderten sich nicht. Eine Zeitlang mussten sie ihre Teller und Betten mit Schneewittchen teilen, aber alles andere blieb wie es immer gewesen war. Sie arbeiteten im Bergwerk. Sie kamen nach Hausse, um zu essen und zu schlafen. Am nächsten Tag gingen sie erneut zur Arbeit. Statt über das Wetter redeten sie eine Weile über Schneewittchen, die sich erst umbringen und dann heiraten ließ, aber sie führten genau dasselbe Leben. Das schien mir viel erstrebenswerter als all die gewaltigen Veränderungen der anderen Märchengestalten. Und so musste meine Mutter mir immer wieder Schneewittchen vorlesen und ich malte danach die Zwerge. Die Zahl sieben war die erste Zahl, die ich schreiben konnte.

Thomas Bernard hat in irgendeinem Interview, vielleicht auch in einem seiner Bücher, gesagt, er sei an keinem Ort so glücklich, wie auf der Reise, unterwegs von einem Ort zum anderen. Das habe ich mir gemerkt. Weil es sich so anfühlte wie die Zwerge. Es hat nichts miteinander zu tun, außer dass es mir das gleiche Gefühl vermittelt. Das Gefühl, verstanden zu werden.

Wie immer von Leuten, die lange schon tot sind.

Später, das lebte meine Mutter schon nicht mehr, und ich hatte meine Vorliebe für die Zwerge im Märchen von Schneewittchen vergessen, fragte mich mein eigenes Kind, was das bedeutet: „einsam sein“.

Transformation (7)

Schneewittchen

Ein bisschen Dankbarkeit, das sich auf der Haut verteilt, völlig unpolitisch, vereinfachend über den Körper weht, sanft, wohltuend. Eine sommerliche Beschwichtigung, statt einer Auflehnung gegen das, was kommen wird, aufgehen in diesem Moment, der alles birgt und verleugnet, der sicher wie der Held im Märchen weiß, wohin der Weg führt, indem er auf seine Kraft, seinen Mut und seine Intuition vertraut, sich dem Schicksal und seiner Bestimmung hingibt, bis jemand, der stolpert, dafür sorgt, dass der verkantete Apfelschnitz nicht länger für Stillstand sorgt.

Spiegel

Sagen: es bricht mir das Herz, und dann einfach weitergehen. Weitermachen. Da ist kein Platz für mich. Diese Feststellung. Und wie man darüber hinweggeht. Ein Fehler vielleicht. Fehltritt und Stolpern. Weil der Schmerz ein Spiegel ist, die Ablehnung auch. Und der Spiegel spricht. Viel später dann auch zu Schneewittchen, was das Märchen verschweigt.

Schneewittchen

Schneewittchen - Isla volante
Schneewittchen – Isla volante

Hätte sie nicht den Weg zu den sieben Bergen eingeschlagen, Schneewittchen hätte auch am Meer landen können.

Sieben Tage lang wäre sie dem Fluss gefolgt, bis zu der Stelle, wo er ins Meer mündet. Eine Möwe hätte ihr den Weg zu einem alten Fischer gewiesen, der ihr ohne ihre Geschichte zu kennen, Zuflucht in seiner Fischerhütte gewährt hätte. Diese Geschichte wäre zwar kein Märchen geworden, aber Schneewittchen hätte einen wunderschönen Sommer lang, Tag für Tag im Meer baden können.

Schneewittchen am Meer

Frau im Schnee

Die Frau mit dem Hund schwingt ihren Schirm, kapert ein Schiff und verschwindet am Horziont. Denn das Denken lässt sich nicht aussetzen. Treuestes Hündchen, folgt es Dir wohin Du auch fliehst.

Ich saß auf einem Thron und wartete. Die Sanddünen bewegten sich. Rotkäppchen hatte die Koffer gepackt, Schneewittchen verhandelte noch mit den Zwergen.

Ans Licht

Eine Frau mit geschwollenen Beinen, blaue Flecken am Arm, lärmempfindlich, sehr weiße Haut, sehr schwarzes Haar, dennoch keine Spur von Schneewittchen. Schneewittchen ist kein Märchen, das sie kennt und nicht annähernd sieben Zwerge, die sich um sie kümmern. Bloß einer, der hat sich einmal gekümmert und ist gleich darauf verschwunden.

Du musst doch wissen, wie er heißt. Du musst uns den Namen nennen. Noch heute Schläge, oder gestern. Die Zeit hat eine andere Dimension, seit es diese Schmerzen gibt. Sie hat nichts mehr mit Zahlen zu tun, oder mit dem, was man sich ausdenkt, um es dann früher oder später zu nennen.

Sie presst die Beine zusammen. Meine Beine. Meine Frucht. Sie ist allein. Die Hebamme, die bei ihr ist, ist auch allein. Aber keiner ist so allein wie dieses Kind, das sie nicht gebären will, das vielleicht selbst nicht geboren werden will, und dann geschieht es doch.

Ein Mann im weißen Kittel betritt den Raum und will ihr das Kind unter die Nase halten. Sie sehen ihn entsetzt an. Und schütteln den Kopf. Schütteln den Kopf.

Schneewittchen

Schneewittchen glaubte an Märchen
die ihr niemand erzählte
weil außer dem Spiegel
keiner mit ihr sprach

Sie pflanzte Rosen an
weil sie hoffte
so könnte sie der Prinz für Dornröschen halten

Aschenputtel für sieben Kleinwüchsige
zu spielen
schien ihr nicht erstrebenswert

wer will schon den Frühling abwarten
wenn die Lust auf Liebe in den Winter schneit
und in Schneewittchens Gesicht
war immer Winter
weiß wie Schnee
aber mit drei Tropfen Blut
wenn das keine Drohung war

Aber sie glaubte ja an Märchen
so sehr
dass sie Frösche küsste
und niemals vom Weg abkam
um Blumen zu pflücken
und nicht mit ihrem Spiegel sprach
dem einzigen
der ihr wirklich etwas zu sagen gehabt hätte