30. Dezember

Der Nebel, der Schnee. Und in den Träumen, die Sehnsucht.

Die Frau mit dem regenbogenbunten Kragen an der Kaputze, und daneben eine junge Schönheit. Wie Frida Kahlo ohne Schmerzen.

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Am Haus gegenüber steht seit einigen Tagen ein kanariengelber Einkaufswagen. Schnee fällt. Eine Frau mit schwarzen Haaren steckt ihren Kopf aus dem Fenster. Zwei kleine Jungen springen in die Luft, um die Schneeflocken zu fangen. Dann gehen sie zurück in das Haus, und stehen kurz darauf selbst am Fenster. Während der Schneefall dichter wird.

Automatisch

Es beschwert sich der Schnee über sein Gewicht und der Wirt schert aus. Zurück bleibt ein Wirtshaus, in der Tundra oder Taiga, oder vielleicht auch in Transsylvanien. Verlassen, öde und leer und an der Tür ein Zettel, auf dem steht: FLUCHT. Und weit und breit niemand, der auch nur annähernd weiß, was das bedeutet.

Schnee

 

Heute telefonierte ich

Mit meiner Freundin

Die Brunnen sind tief

Sagte sie

Und die Spindel

Immer noch blutig

Ich kann das Blut nicht stillen

Das sagte sie auch

Sie klang verzweifelt

Du wirst doch nicht springen

Rief ich

Und irgendetwas antwortete

Verteil mich unter den Hungrigen

Und dann mach dass du zum Apfelbaum kommst

Da saß ich nun so weit vom Paradies entfernt

Und dachte an Äpfel

Aus dem Telefon kam jetzt ein Freiton

Ich legte es zur Seite

Und schüttelte die Betten auf

 

18. Januar

Aufgewacht mit starken Schmerzen, die nur sehr langsam abklingen. Aufgewacht mit der (unbeantwortbaren) Frage, wer ich bin. Aufgewacht mit der Sinnlosigkeit von allem. Aufgewacht mit dem fortwährenden eigenen Scheitern. Aufgewacht mit der Erinnerung an den großen Bluterguss auf P.´s Oberschenkel, vom Bandenkampf in der Straße. Aufgewacht mit mir und keinen Weg heraus gefunden.

Raureif auf den Dächern, eine dünne Eisschicht auf den Autos und winzige Schneeflocken, die vorsichtig, behutsam auf die Erde segeln.

Vertrauen

Vertrauen - Isla volante
Vertrauen – Isla volante

Die Gischt, die ich Dir für Schnee verkauft habe, wenn Deine Sehnsucht nach Winter zu verbindlicher Einsamkeit gefror.

Das Licht bricht sich doch auch im Sommer und Möwen sind weiß.

Wenn Du auf die zarte Haut gewartet hast, die dem Wasser im Winter wächst, wusste ich, es gibt Vertrauen.

21. März

Distanz, Kritik und kluger Spott.

Es schneit und das Scheinbare fackelt.

Die Matrosen legen Hosenträger an, weil alles so haltlos wird, ist man einmal hinter das Licht geführt worden. Das heißt seine Hände in Schatten zu waschen, was nur scheinbar zufällig an Beschattung erinnert. Als käme es nur darauf an, was man sieht, nicht was man zeigt. Als wäre die Form der Inhalt, oder als würde der Inhalt von selbst eine Form finden, in der nicht alles zu eng ist, über die Ränder quillt.

Andererseits muss man erst einmal Worte haben, die man wegstreichen, verwerfen kann. Der Abfall, rubbish, unter dem Schnee. Verdichtet. Berichtigt.

Ich erinnere mich an einen Text, den wir umschreiben sollten. Grundschule. Kressepflanzen auf der Fensterbank. Blick in den Hof. Erdgeschoss.

Wie alles sich immer wieder in sich selbst verliert. Ein Unverständnis in ein anderes überführt. Überführungen und die Frage, ob da Vinci nicht irgendwann wissen wollte, ob all die Entwürfe, Ideen, überhaupt funktionieren, ob die Theorie der Praxis standhält. Ob er Angst davor hatte, inne zu halten, oder ob die Ideen ihn gejagt haben, ob er manchmal am Fenster gestanden und den Schneeflocken zugesehen hat. Nur so. Ohne etwas daraus zu machen.