Haltung und Lüge

Es geht so hin und her. Etwas, das nicht sie selbst ist, hält sie. Dabei möchte sie im Grunde nichts weiter als aufgehoben sein. Wenn sie ehrlich wäre, würde sie schreiben: ich weiß nicht, worum es in diesem Buch geht, wie es gemacht ist, welche Traditionen es verfolgt, und welchen es sich entgegenstellt, aber es hat mich mich vergessen lassen, für die Zeit des Lesens, es hat mich aufgehoben für ein paar Stunden, und dafür bin ich ihm dankbar. Und vielleicht auch der Autorin. In irgendeinem Verhältnis werden sie schon zueinander stehen, vielleicht so ähnlich wie Mutter und Kind, sie brauchen einander eine gewisse Zeit lang, und dann können sie unabhängig voneinander bestehen.

Aber natürlich schreibt sie solche Dinge nicht in ihren schlecht bezahlten Besprechungen, sondern bemüht sich, es „richtig“ zu machen. Keine Nacherzählungen, ein Vorwurf von Wolfgang Herrndorf, den sie nie vergessen hat (weder den Vorwurf, noch den Autor), und den sie las, als sie gerade angefangen hatte, Besprechungen zu schreiben. Sie versucht also, statt sich aufheben zu lassen, zu verstehen, wie die Fäden verknüpft sind, mit welchen sprachlichen Mitteln sich die Aussagen verbinden und entwickeln, versucht so zu tun, als wäre der Autor mehr als ein Gefäß, ein Medium, das sich bereit gestellt hat, um diesem Buch auf die Welt zu helfen, und als sei das Buch weniger als ein unverständliches Wunder mit der Macht ihre Kontrolle, Beherrschtheit und Grübelei, ihre Unsicherheit und Angst einfach auslöschen zu können, ihr für die kurze Zeit der Lektüre zu ermöglichen, das zu sein, was wir alle im Wesentlichen sind; ein unendlich kleines Partikelchen des allumfassenden Nichts, das eine zufällige Form angenommen hat.

Das heißt, sie lügt. Und Lügen können schön klingen, eine gewisse stilistische Eleganz entwickeln, und sogar hier und da die Wahrheit durchscheinen lassen. Aber sie ermüden. Sie sind anstrengend. Sie verlangen von derjenigen, die sie verbreitet, ständig auf der Hut zu sein, und sich zu verbiegen.

Das hat sie nun von ihren Lügen. Zwei oder drei Bandscheibenvorfälle, weil der Körper das irgendwann nicht mehr mitmachen will mit dem Verbiegen und streikt und ihr Schmerzen schickt, die sie jammern lassen. Aber als sie ihres Jammerns endlich müde geworden ist, zum Nachdenken bringen. So dass sie endlich erkennt, dass sie das Wort „endlich“ weitaus zu häufig gebraucht, und dass sie lügt, und ihr dieses Lügen nicht gut tut. Bestenfalls beginnt sie nicht nur nachzudenken, sondern versucht eine folgenschwere Entscheidung zu treffen, infolge derer alles gut wird.

Wie der junge Mann von dem sie gelesen hat, der jahrelang, Jahrzehnte lang?, unter einer Gluten Unverträglichkeit gelitten hatte, bis er sich erinnerte, wie er als Kind Nudeln gegessen hatte, während seine Eltern heftig stritten. Der Teller war leer. Wenige Tage später trennten sich die Eltern. Und peng, mit dieser Erinnerung, war er wieder gesund. Nudeln so viel er wollte.

Also muss sie (endlich) lernen, sich verletzlich zu machen, um aufrecht zu gehen und immer häufiger Momente zu erleben, in denen sie sich aufgehoben fühlt?

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In Sterben schreibt Knausgard über einen alten Dichter, den er als Student interviewte: „Er war über achtzig Jahre alt, aber in ihm war nichts gestorben oder erstarrt, was das Leben im Grunde viel zu schmerzhaft macht, denke ich heute.“

Die Schmerzen berauschen sich an meinem Körper. Rasen.

Es wird nicht still in mir. Ganz im Gegenteil. Da ist der Widerhall von etwas, vor dem ich mich so sehr fürchte, dass ich beständig behaupte, es nicht zu fassen zu bekommen. Von dem ich ablenke. Das mich umkreist und meine Schritte immer unbeholfener, immer schleppender werden lässt.

Ich, wie immer, nicht da

4. Tag

In TROTZ IHRER SCHMERZEN; NOCH EIN TAG die Schlusszeilen:

 

„Sie auf dem Bett wie gekrümmte Zweige.

Ich, wie immer, nicht da.“

 

Diese schonungslosen Beobachtungen eines Abschieds, der längst stattgefunden hat.

 

Bewegend sagen wir, wenn wir meinen, dass man über dieses Gedicht, dieses Bild nicht einfach hinweggehen kann. Dass es etwas bewirkt. Vielleicht verändert. Das Gleichförmige durchbricht. Anstoß gibt. Möglichkeit zum Aufbruch.

(Man beachte, dass es das „ich“ ist, dass sich hier immerzu einmischt, um von der Überflüssigkeit dieser Zeilen zu sprechen. Welche Bedeutung haben „die anderen“ (besser, schöner, jünger. Gescheiter sowieso), wenn es um die Suche nach Wahrheit geht? Nach einer Möglichkeit, aufrecht zu leben.)

 

Jedenfalls habe ich eine Biografie über Simone Weil gelesen, nachdem Carson so von ihr geschrieben hat, wie sie von ihr geschrieben hat. Ihre, Weils, Überzeugung, dass der Mensch sich wieder in Gott zurückbilden muss.

Wobei Weil der Überzeugung war, dass Gott wesentlich wesenlos ist:

„Mit Liebe zustimmen, nicht mehr zu sein [das Ego, das Selbst ist für Weil die Sünde schlechthin], wie wir es tun sollen, ist keine Vernichtung, sondern vertikaler Überstieg in die höhere Realität des Seins.“

 

Leben und Essen. Der Sündenfalls ist das Wissen, aber auch die Tatsache, die Grenzen des Wissens nicht zu akzeptieren, unersättlich zu sein. Und eben zu allem anderen, auch noch diesen Apfel essen zu wollen.

 

Wenn eine Kultur an ein Ich-freies Handeln glaubt, ist Wiedergeburt logisch möglich. Als ein allumfassender, nicht individueller Geist, der wiedergeboren wird, der sich also lediglich in unterschiedlichen sterblichen Körperhüllen reinkarniert.

 

Wir aber dümpeln in unserer Dummheit dahin.

Letzte Schritte

Der Herbst hat die letzten Reste des Sommers in sich aufgenommen. Die Erinnerung, den Glauben an eine Zukunft.

Sie ist allein. Sie ist eine Lügnerin. Die Schmerzen sind vielleicht ihre stichhaltigste Wahrheit.

Sie redet nicht, bewegt sich nicht, hört nicht zu. Ist den ganzen Tag allein. Ihrer Einsamkeit ausgesetzt. Nicht einmal Erinnerungen oder Langeweile durchbrechen diesen Zustand.

Die Zeit vergeht nicht. Nur sie schreitet unendlich langsam auf den Tod zu.

Heimgesucht

An allem war ich erkrankt. Heimgesucht von Vergessen und falschen Erinnerungen. Ich war dem Leben abhanden gekommen. In meinen Händen hielt ich Luft und fremde Worte. Die Schmerzen umspielten mich, unterhielten mich, wie eine etwas zu ernst gemeinte Umarmung wiegten sie mein Leben von Punkt eins bis zehn. Es gab keine Auswege und die Abwege wagte ich nicht zu betreten. Ich war ein Formfehler, dessen Figur aus dem Ruder lief. Ich rief nicht um Hilfe. Rief nicht einmal meinen Namen. Und meine Grenzen nannte ich Flucht.