Schlafen V

Nur Sprache gibt es nicht. Aber andere Räume, andere Elemente in denen sich das Denken entfalten kann. So behandelt Monika Rinck das Phänomen des Schlafens von der Schlaflosigkeit über den luziden Traum zur Hypnose. Beim Schlaf muss ich unwillkürlich an Anne Carsons Essay in „Decreation“ denken, in dem sie den „Lesarten des Schlafs“ nachgeht. Inspiriert von Virginia Woolfs „Zum Leuchtturm“ stellt Carson die Frage, was der Schlaf sieht, wenn er uns ansieht, und verbindet (ganz im Sinne Rincks) Schwimmen und Schlafen: „Wie Schwimmer, die ihre Bahnen durch einen nächtlichen See ziehen, kreuzen Fakten aus der Tagwelt diese Phänome […] die Nacht taucht weiter, in ihre eigenen Ereignisse vertieft.“ Das sind Beschreibungen davon, wie Woolf in „Zum Leuchtturm“ von der Schlafseite her die Geschichte der Familie Ramsay erzählt, und ihren Lesern laut Carson einen besonderen Blick erlaubt: „Nämlich die Leere in den Dingen, ehe wir unseren Nutzen aus ihnen ziehen, einen Blick auf die Wirklichkeit vor ihren Wirkungen.“ Das ist vielleicht auch, was Rinck meint, wenn sie von der „Nähe des Denkens zu seinem Gegenstand“ schreibt. „Wir erleben im Schlaf eine Diversifizierung der Logik, in zwingende Argumentationen, deren Schlüssigkeit durch ihre Unverständlichkeit nicht geschmälert, ja, überhaupt nicht angetastet wird. Und ich fragte mich immer: Wenn man all das kennt und Nacht für Nacht diese Labore der Alogik und Algen betritt – ist dann noch ein einziges Gedicht unverständlich?“

Espedal „Biografie“

Was Espedal teilweise macht in Biografie (was auch Enquist macht in Blanche und Marie…) ist eine Überlagerung der Geschichten, Mutter, Tochter, Geliebte, die Bilder und Geschichten fließen ineinander.

Über seine verstorbene Frau schreibt er:

„Wo ist sie geblieben. Ich stehe in der Tür und sehe sie wie immer dort liegen, zwischen den Büchern und den Kissen, im Bett, im Schlafzimmer. Sie wirkt stiller, ruhiger, vielleicht – es ist immer noch möglich, das zu denken – schläft sie, sie schläft still heute Nacht, sie schläft ruhig heute Nacht, vielleicht schläft sie traumlos heute Nacht, eine sorgenfreie Nacht, eine kinderlose Nacht, eine Nacht ohne Träume davon, zu verschwinden, ein anderes Leben zu leben, ein reicheres, wilderes und kompromissloseres Leben. Aus dem Schlaf kann sie immer zurückkommen, aber sie schläft nicht, der Schlaf hat sie verlassen, und sie kommt nicht zurück, endlich ist sie davongekommen, sie vermisst uns nicht einmal.“

Ein unerhörter Gedanke (und dabei so nahe liegend, wenn er erst einmal dort steht), der Gedanke, dass die Toten entkommen sind, und uns nicht einmal vermissen.

V

Nicht nach den Antworten suchen, aber eine Ordnung der Fragen entwickeln.

Oder einfach genau hinsehen. Diese Form von Widerstand.

 

Stattdessen lassen wir den Schlaf jubilieren, während wir einander beim Sterben zusehen. Wohin uns das führt, wie es uns verändert, das Wasser der Zeit, das Schicht um Schicht eine oberflächliche Schönheit abträgt, bis der Kern sichtbar wird. Das zerstörte Gesicht. Bis eine sagt: Ich habe ein zerstörtes Gesicht. Sich weniger damit abfindet, als dass sie sich vielmehr selbst findet in dieser Behauptung, diesem Satz. So wahrhaftig findet, dass es nicht mehr notwendig ist, sich zu erfinden.

 

(3)

Jeden Nachmittag das Vorhaben, die Zeit abends zum Schreiben zu nutzen, und genauso regelmäßig die Nichteinlösung des Vorhabens. Weil die Schmerzen so ermüden, jegliche Energie rauben und Schlaf das einzige Mittel ist, ihnen wenigstens ein paar Stunden lang zu entkommen.

 

Es gibt Fotos aus meiner Kindergartenzeit. Ich sitze mit anderen Kindern bastelnd am Tisch. Trotzdem sieht man die Isolation. Klar und deutlich.

 

Der Herzschlag, der Körper, der alles leistet. Jeden Tag sein Bestes tut, während sich Traurigkeit in seinen Zellen ablagert.

 

Die Beweglichkeit ausbilden, am Rand der Vernunft.

 

Im übrigen die Nachrichten ausblenden. Das Elend der Flüchtlinge, Pegida, die toten Schulkinder in Pakistan, die Lage in Russland, das Leid in Syrien und hier in den Asylantenwohnheimen.

Mich verschließen und wieder öffnen.

16. Dezember

Die Zeit. Und wie gekrümmt sie manchmal vergeht.

Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, ziehen all meine Versäumnisse an mir vorbei. Ohne dass ich mich wirklich darauf einlassen kann, ohne dass ich mir wirklich vergeben kann.

Je mehr sich die einzelnen Teile zusammenfügen, um so eher verteile ich sie erneut, zersplittere sie zusätzlich.

 

„Das Gedächtnis ist keine verlässliche Größe im Leben, aus dem einfachen Grund, dass für das Gedächtnis nicht die Wahrheit am wichtigsten ist. Niemals ist der Wahrheitsanspruch entscheiden dafür, ob das Gedächtnis ein Ereignis richtig oder falsch wiedergibt. Entscheiden ist der Eigennutz. Das Gedächtnis ist pragmatisch, hinterhältig und listig, allerdings nicht in feindseliger oder boshafter Weise; es tut im Gegenteil alles, um seinen Wirt zufriedenzustellen. Manches verschiebt es ins leere Nichts des Vergessens, manches verdreht es bis zur Unkenntlichkeit, manches versteht es galant falsch, manches, und dieses manche ist so gut wie nichts, manches bleibt ihm scharf, glasklar und korrekt in Erinnerung. Doch zu entscheiden, was korrekt in Erinnerung bleiben soll, ist dir niemals vergönnt.“ Während ich dieses Zitat von Karl Ove Knausgard abschreibe, überlege ich, welches Bild Pagophila dazu gefunden hätte.

 

Wie viele Menschen jetzt schon gestorben sind. Heraus gefallen aus meiner Zeit. Und die Lücken wuchern zu mit den Jahren, mit unbelebten Stunden und Versäumnissen.

 

Leerstellen, Blasen

  1. Tag

Schon in den Stationen taucht der Schlaf auf. Ketten aus Schlaf ist der Titel des ersten Gedichts.

Der Schlaf, zeigt Carson an Virginia Woolfs „Fahrt zum Leuchtturm“, ist ein Urzustand, eine Leere, und als solche noch voller Möglichkeiten, eine Art Wirklichkeit, die gerade darum so wirklich ist, weil sie durch keinerlei Ausdruck begrenzt worden ist. Genau an der magischen Grenze zwischen Nichts und Etwas. Wahrnehmbar, spürbar, aber nicht zu fassen.

 

Mühelos (traumwandlerisch trifft es in diesem Zusammenhang vielleicht besser), gelingt es Carson Brücken zu schlagen von den eigenen Träumen zu antiken Riten (Asklepidos), von Virginia Woolf zu Homer, von Kant zu Monica Vitti.

Der Schlaf fungiert als Leerstelle, als Möglichkeit etwas zu erkennen, das wir nicht fassen können. „Nämlich die Leere in den Dingen, ehe wir unseren Nutzen aus ihnen ziehen, einen Blick auf die Wirklichkeit vor ihren Wirkungen.“

 

Ich glaube das will Carson in diesem Buch, diese Leerstelle umkreisen, diese Blase beschreiben.

So schreibt sie z.B. über Longinus Abhandlung vom Erhabenen: „Man schließt die Lektüre dieser vierzig (unvollendeten) Kapitel ohne eine klare Vorstellung davon ab, was das Erhabene denn nun eigentlich ausmacht. Aber ihre Dokumentationstechnik elektrisiert.“

 

Und ich habe das Gefühl, sie beschreibt eigentlich ihre Art zu schreiben.

Carson erzählt nichts nach und eignet sich nichts an, vielleicht weil sie immer ihre eigene Definition eines Zitats im Kopf hat, „Ein Zitat (das als englisches quote mit der Quote [quota] zusammenhängt) ist ein Abschnitt oder Ausschnitt, das Stück einer Orange, die einem nicht gehört. Man saugt das Stück aus, wirft die Schale weg, läuft weiter. Das Vergnügen an einer Dokumentation spiest sich zum Teil daraus, dass ihr etwas von Gaunerei anhaftet. Jemandes Leben oder Sätze zu plündern und dabei mit einem Standpunkt davonzukommen, den man „objektiv“ nennt, weil sich alles in ein Objekt verwandeln lässt, wenn man so damit umgeht, ist aufregend und gefährlich. Sehen wir uns an, wer die Kontrolle über diese Gefahr hat.“

Genau das tut sie ständig, sie sieht sich an, wer die Kontrolle hat.

Sam Anderson schreibt in der New York Times über Carson: This, I think, is the best catchall description of Carson. Wherever she goes, whatever she does, she is always a “visiting [whatever].”

Es ist dieses Verhalten Carsons als Besucherin, zurückhaltend, eben wie jemand, der die Dinge ansieht, ohne sie in Besitz zu nehmen, ohne ihnen ihre eigene Begrifflichkeit aufzuprägen (whatever), die ihre Sätze, ihre Art zu dokumentieren, derart elektrisierend macht. Fordernd, ohne auszuschließen.

Sie führt ein Gespräch. Mit sich selbst, mit den Gedanken anderer, aber auch und immer, mit dem Leser.

Anne Carson

Zeit – dieser unheilbare Bruch in unserer Geschichte. Unseren Geschichten. Und die großartigen Versuche, diesen Bruch zu heilen.

Marguerite Duras, die immer wieder so von dem Fehlen erzählte, den Lücken und Leerstellen, der Verweigerung zu erzählen, dass sie der Zeit jegliche Bedeutung nahm.

Und jetzt begegne ich Anne Carson, die das Gespräch mit Sappho ebenso selbstverständlich führt, wie das mit Simone Weil oder Monica Vitti.

Dieser Glaube an ein Lied aus reinem Nichts.

 

Oder wie Carson es angeht, die Suche, das Nachspüren von etwas, das inkognito bleibt.

Wie sie zum Beispiel fragt, welches etwas sich im Schlaf verbirgt und Antworten sucht, oder vielmehr aufscheinen lässt von Lacan bis Aischylos. Dieses archaische etwas zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit.

Die Macht mancher Menschen über andere, die sich „zum Teil aus einem Stück Inkognito im Inneren [ihres] Wesens speist.

Und wie Carson all ihre Überlegungen schließlich in eine „Ode an den Schlaf“ fließen lässt, so dass man das vorher Gelesene nun rückwirkend wie die Entwicklungsgeschichte dieses Gedichtes lesen kann.