Haushoch ungewollt

Eines meiner grundlegendsten Probleme war immer schon Scham. Als Kind war ich zu groß, später (bis heute) wusste ich zu wenig. Was für andere selbstverständlich war, war für mich eine Entdeckung. Ich konnte vieles nicht einordnen, weil ich die Hintergründe nicht kannte. Im einen wie im anderen Fall fühlte ich mich unterlegen. Keine gute Position, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Und das ist nur der kleinste Teil der Geschichte. Oder jedenfalls derjenige, der am meisten verschweigt.

 

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Ich schäme mich für meine ewig tränenden Augen. Dafür, dass ich nichts finde, womit ich die verlorene Schönheit ersetzen kann.

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Ein Mann sitzt in der Straßenbahn, der seine ganze Habe mit sich zu führen scheint. Größer als mein Mitgefühl, ist meine Abneigung gegen den Geruch, den er ausströmt. Ich schäme mich. Es ist, als würde ich ihm mit dieser Abneigung einen Teil seiner Würde aberkennen.

Vorbei

Sie ging hin und her, auf und ab, sie stolperte, sie strauchelte, je häufiger, umso mehr sie sich bemühte, alles richtig zu machen. Ihre Schritte waren nicht gut genug, und stehen bleiben durfte sie nicht. Es wird vorbei gehen, redete sie sich ein. Aber es ging nicht vorbei, es stolperte, stockte und fiel vorbei. Es wand sich vorbei, und die Scham hatte ohnehin kein Ende.

 

Die kleine Frau spricht über Tiere

Von Tieren behauptet man, sagt die kleine Frau, sie hätten keine Scham. Das, und ihr fehlendes Wissen um den Tod, unterscheide sie von uns. In Wirklichkeit aber sind sie immun gegen die Zeit.

Erst muss man die Zeit als Macht über das eigene Leben akzeptieren, dann kann man Reihenfolgen, Listen mit Reihenfolgen, aufstellen und sich später schämen, dass man sie nicht eingehalten, dass man sich nicht an sie gehalten hat. Das, sagt die kleine Frau, ist der eigentlich Unterschied zwischen Mensch und Tier, zwischen unglücklich und glücklich, zwischen lebendig und verkopft.

 

Scham und Kaltblütigkeit

„Nichts wirft mich aus der Bahn, niemals will ich die Tasche packen und helfen, aber andere tun das, was sie am besten können, sie nähen, fotografieren, reparieren, füttern oder trösten, oder, was auch ich könnte: sie schreiben. Ich tue es nicht, und genauso wenig höre ich weg (beides geht nicht), ich bin eine kaltblütige Zeitgenossin. Halbherzig lasse ich die Ereignisse in mich hineinrieseln, fadenscheinige Empörungsspuren ziehen sich durch die nächsten Tage, ich lese den Argumenten noch eine Weile hinterher, aber schon schlägt die nächste Kugel ein, […]“.

Das steht in Annette Pehnts Buch „Briefe an Charley“, das ich ohne die ausdrückliche Empfehlung von Marina Büttner, an dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank, wohl nicht gelesen hätte.

Dieses Zitat trifft es sehr genau. Mein Verhalten. Wofür ich mich schäme. Der Grund, warum ich jetzt schon mehrfach, jedes Mal eher erfolglos, versucht habe, beim AK Asyl zu helfen, „mich einzubringen“, wie man es wohl nennen könnte. Eine Wohnung für eine Familie zu finden, einer alleinerziehenden Frau zu helfen, eine Wohnung, die sie bereits hat, einzurichten, einen Text zu übersetzen… Aber all das überfordert mich, weil ich es nicht aus einer wirklichen zutiefst empfundenen Notwendigkeit tue, weil ich es nur tue, um mein Gewissen zu beruhigen. Weil ich zu kaltblütig bin. So wächst die Scham eher, als dass sie zu irgendeinem konstruktiven Tun führen könnte.

Scham

Was meinen Texten, dem, was ich schreibe, fehlt, ist dieser Mehrwert, der z.B. in Anne Webers Buch „Ahnen“ darin besteht, sich sehr konstruktiv mit dem persönlichen Verhältnis zur Geschichte auseinander zu setzen. Mit den Grenzen dieser Auseinandersetzung.

Weber schreibt auch über Scham. Für mich sehr überraschend, von einer positiven Rolle von Scham. Sogar von Scham als etwas Wertvollem. Sie beschreibt, wie sich ihr Vater zu Besuch bei emigrierten jüdischen Freunden seines Großvaters, geschämt habe, nicht nur für den Nazi-Vater, sondern dafür, über all das, über die Geschichte, die unaussprechlichen Taten und seine Rolle dabei, nicht gesprochen zu haben. Sie schreibt: „Mehr als ein halbes Jahrhundert später schämt sich mein Vater dafür, dass er, über das Wesentliche schweigend, erklärungslos bei ihnen gesessen und sich vermutlich sogar hat bewirten lassen, und ich liebe und ehre ihn für diese Scham. Sie ist das Wertvollste, sage ich mir, was wir haben. Ihr Brennen überdauert die Jahrzehnte, es wird weitergereicht; nicht hochgehalten wie eine olympische Flamme, sondern leise einem anderen anvertraut. Ich bin meinem Vater dankbar dafür.“

Sie hat Recht, diese Scham gibt es. Und sie wird auf eine stille, schwer zu beschreibende Art weitergereicht. Das habe auch ich erlebt. Aber wertvoll finden kann ich diese Scham nur im Hinblick auf ihre unbedingte, und die Generationen überdauernde Notwendigkeit. Mit meinen Eltern, die das dritte Reich als junge Menschen erlebt haben, konnte ich nicht mehr über diese Zeit reden. Sie sind gestorben, bevor die Fragen in mir gereift waren. Ich weiß nur, dass meine Mutter mit ihren Eltern und Geschwistern aus Bartenstein im damaligen Ostpreußen geflohen sind, dass sie eine Zeitlang in Dänemark interniert war, und dann irgendwann hier angekommen ist, wo ihre Mutter bald starb, und der Vater Heimweh hatte.

Letztes Jahr bin ich bei dem letzten noch lebenden Bruder meines Vaters in F. gewesen, u.a. auch, um etwas in Erfahrung zu bringen über diese Zeit, über die Rolle meins Großvaters und Vaters. Mein Vater, so erzählte mir dieser Onkel, sei als die Mutter, also meine Großmutter, mit ihren Kindern, und dem damals noch ungeborenen Kind S., also ihm, nach Österreich umgesiedelt worden, weil hier in B. der Krieg zu nah, die Lage für eine Frau mit kleinen Kindern zu gefährlich geworden sei, eine große Hilfe für die Familie gewesen. Er habe wohl oder übel die Rolle des männlichen Familienoberhauptes übernommen, habe Brennholz und Essen organisiert, Mutter und Geschwister beschützt, so gut er konnte, denn willkommen waren sie dort, in Österreich, auf dem Land, nicht. Und ich habe vergessen, zu fragen, wer diese Umsiedlung veranlasst hat, wie es eigentlich dazu gekommen ist. Sicher auch aus Scham, aus einem unterschwelligen Gefühl, dass mich das alles nicht wirklich etwas anginge (auch wenn das noch einmal eine ganz andere Geschichte ist).

Der älteste Bruder, der nie wiederkehren sollte aus diesem Krieg, hat einen arischen Stammbaum angelegt, ich habe diesen, von ihm angefertigten Stammbaum gesehen, und (vor Scham?) darüber offenbar gleich wieder vergessen, was ich gesehen habe, denn ich erinnere mich tatsächlich an kein einziges Detail.

Eine andere Art von Scham habe ich erlebt, als ich das erste Mal mit meinen eigenen Kindern über Nazi Deutschland geredet habe. Nicht einmal die Familiengeschichte betreffend, es war eine allgemeine Scham, ein Schmerz, dass ich ihnen auch diesen Teil der Geschichte, nicht nur zumute, sondern vererbe. Dass auch sie, in der zweiten Generation derer, die diese Zeit überhaupt nicht mehr erlebt und gestaltet haben, eine Verantwortung für all das Unvorstellbare, das damals geschehen ist, übernehmen müssen.

Scham

Ja. Natürlich. Es wird dich zerreißen. Und schlimmer noch: dich allein. Ein einziges Mal wirst ausgerechnet du ausgewählt werden. Nur um zerrissen zu werden. Vor aller Augen. Allein.
So sprach ich zu mir. So redete ich auf mich ein. Immer noch wollte ich eine Dichterin sein. Genügte mir nicht das, woran ich täglich scheiterte? Ich. Meine Vergangenheit. Der zerfallene Körper. Das zerrüttete Gesicht. Ich würde mich nicht wiedererkennen, wenn ich mich nicht täglich zwingen würde, mich anzusehen. Auch wenn es kein Ansehen ist. Aber ich selbst habe einmal behauptet, dass alles wirkliche sich hinter dem Spiegel abspielt. Von wegen Spiel. Das hier ist bitterer Ernst. Das sind Gedanken. Und alles kommt über uns, aber wir wählen aus, um dann wieder sagen zu können: mit mir ist das Leid.
Ich wollte von Scham reden. Meine Art, es zu tun, ist es zu vermeiden. Scham? Was für ein seltsames Wort. Unangenehmer Klang. Ich könnte nachschlagen, die Suchmaschine damit füttern. Apropos füttern: wer hat eigentlich mich gefüttert mit der Scham? Eine Frage, die ich Sansibar in den Mund legen könnte und dort läge sie gut. In seiner weichen, feuchten, dunklen Mundhöhle. Der vage Moment der Möglichkeit: wird er die Frage verschlucken, auf ihr herumkauen oder spuckt er sie aus?
Und dann, wenn er sie ausgespuckt hat? Werde ich dann wissen, was Scham ist? Was das mit mir zu tun hat? Vielleicht könnte ich aufhören immerzu gesehen werden zu wollen, wenn ich mich einmal selbst ansehen würde. Vielleicht.

Das habe ich vor über vier Jahren geschrieben und ich bin nicht sehr viel weiter gekommen. Ich habe nachgeschlagen; Scham hatte im Altnordischen die Bedeutung von Schande, die Herkunft ist unklar. Mehr nicht. Als wäre Scham ein großes Geheimnis. Eines von diesen furchtbaren Geheimnissen, die man nicht teilen kann. Denen man nicht einmal mit der Schrift beikommen kann. Nur vielleicht mit dem Zweifel, damit, es immer wieder in Frage zu stellen, anzusehen, wie sich nicht die Scham ändert, aber mein Verhältnis zu ihr.