(66)

Der beleibte Bauarbeiter mit der Zigarette im Mundwinkel. Die Menschen, die das Gerichtsgebäude betreten.

Meine Gedanken: wie immer auf der Flucht.

Dass mich sofort Scham befällt, wenn ich dieses Wort benutze.

(43)

Unruhiger, stümperhafter Schlaf. Schmerzen. Angst, dass das jetzt Jahr für Jahr bis zum Tod so weiter geht; Verlust von Kompetenzen, Zunahme der Schmerzen.

Weiter über Scham nachdenken. Gedanken und Handlungen strukturieren. Wenn alles schlecht ist: daran festhalten, es besser zu machen.

(32)

Seit einigen Jahren leide ich unter einem Tremor. Die ursprüngliche Befürchtung, das Zittern könnte mit einer Parkinson-Erkrankung zusammenhängen, hat sich zum Glück zerschlagen. Dennoch blieb das Zittern, das nun den Namen „essentieller Tremor“ erhalten hatte, und damit als harmlos galt. Es beeinträchtigt mich. Je länger desto mehr. Denn während zunächst noch Medikamente wenigstens für bestimmte Zeitfenster dafür sorgten, dass ich das Zittern bändigen konnte, wird das zunehmend schwieriger. Schlimmer noch als die tatsächlichen Beeinträchtigungen, dass ich den Kaffee verschütte, wenn die Tasse zu voll ist, dass ich manches, was ich handschriftlich notiere, nicht mehr lesen kann, ist die Scham. Zu zittern zeigt mich als alt, als krank, als nervös, womöglich als eine mit einem Alkoholproblem. Dabei könnte es mir doch wirklich egal sein, was andere über mich und meine nie stillstehenden Hände denken. Ist es aber nicht. Aber ich arbeite daran. Und dieser Eintrag ist vielleicht der erste Schritt.

(2)

Wie alles auf eine sehr weiche Art verzweifelt.

Nichts passiert. Die Zeit vergeht trotzdem.

Dieser Stolz dünn zu sein. Die Scham, es nicht mehr zu sein. Sich mit dem Körper identifizieren. Aber nicht wirklich in ihm zu Hause sein.

(34)

Beeindruckend wie Frank Witzel seinen Zweifeln nachgeht, Gedankengänge ausformuliert, die ich selbst nur im Ansatz kenne, weil ich sie vorschnell abbreche, aus Angst an ihnen verrückt zu werden.

Und wie er für Dinge, die ich nur ahne und fühle eine glasklare Formulierung findet, das Unbehagen, etwas aufzuschreiben z.B., über das er schreibt:

„Kaum aufgeschrieben, überfällt mich eine Scham gegenüber dem Notierten. Ich kann und will nichts notieren, will überhaupt nicht über mich und mein Leben nachdenken, geschweige denn etwas hinterlassen, das daran erinnert. Die Arbeit des Schreibens besteht bei mir vor allem darin, diese ganzen Widerstände zu überwinden. Ich habe nicht schreiben gelernt, sondern mir mühselig beigebracht, das Geschriebene stehen zu lassen.“

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Nach der Lesung, die ich im Netz gesehen habe, noch einmal Benjamin Maack gelesen, und mich wiedergefunden: das schlechte Gewissen, dass wir nicht die Eltern sein können, die unsere Kinder verdient hätten. Diese endlose Scham, sie in das eigene Versagen mit hinein zu ziehen. Nicht zu genügen, wieder einmal versagt zu haben. Und davor die quälend lange Zeit, in der wir nur funktioniert haben, weil wir uns dieses Versagen nicht eingestehen konnten, weil es auf keinen Fall sein durfte, dass wir unsere Kinder dermaßen enttäuschten. Reiß dich zusammen sagten wir uns, bis wir endgültig nichts mehr fühlen konnten. Und nicht einmal mehr funktionieren.

Haushoch ungewollt

Eines meiner grundlegendsten Probleme war immer schon Scham. Als Kind war ich zu groß, später (bis heute) wusste ich zu wenig. Was für andere selbstverständlich war, war für mich eine Entdeckung. Ich konnte vieles nicht einordnen, weil ich die Hintergründe nicht kannte. Im einen wie im anderen Fall fühlte ich mich unterlegen. Keine gute Position, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Und das ist nur der kleinste Teil der Geschichte. Oder jedenfalls derjenige, der am meisten verschweigt.