Tauschgeschäfte

Draußen war es grau. Drinnen waren diese Erinnerungen. Sie waren nicht willkommen. Sie waren auf dem Weg zu verschwinden, d.h. sie waren treue Begleiter. Lebenslang.
Zu den Erinnerungen trat dieser Satz. Nicht um sie auszulöschen, nicht einmal um sie zurückzudrängen. Um ihnen Gesellschaft zu leisten, damit sie sich wohl fühlten vielleicht. Der Satz kam aus einem Buch. Ich hatte ihn arglos gelesen, wie die meisten Sätze, die ich sofort vergaß. Besonders die, die ich mir merken wollte, weil ich mir etwas davon versprach, worüber ich später nachdenken wollte.
Dieser Satz blieb. Er handelte von der Vorstellung, tot zu sein. Davon, dass tot zu sein nicht bedeutet: die Welt ohne mich, sondern: ich ohne die Welt (und der Satz stand in einem Buch, das Olga Martynova geschrieben hat. Ein poetisches Buch, in dem trotzdem Taschentelefone und Emails und Weblogs vorkommen und das ich schon aufgrund dieser Tatsache erstaunlich fand)
Der Satz, den die Martynova losgeworden war, indem sie ihm einem „schlafwandlerisch und nie ganz nachvollziehbar“ redenden Maler angedichtet hatte, war nun also bei mir eingezogen und fühlte sich offenbar sehr wohl bei meinen gastfreundlichen Erinnerungen. Es fühlte sich so wohl, dass es hemmungslos Fragen stellte. Mir Fragen stellte. Die Erinnerungen sahen darüber hinweg. Weil sie über alles erhaben waren.
Wie das gehen sollte, die Welt ohne mich in meiner Vorstellung. Die Welt ohne meine Vorstellung. Die Erinnerung bedrängten solche Fragen nicht. Mich schon.
Dann kam der Alltag, der ging einfach weiter, ganz ohne meine Vorstellung und nachts kam der Traum. Ich hatte von Flohmärkten geträumt und vom Tod. Der Tod ein Tauschgeschäft, das auf einem Flohmarkt abgewickelt wird. Und das Leben ist vielleicht etwas ganz ähnliches.

Clarice Lispector

An den Setzer

 

  1. Februar 1968

 

 

Entschuldigen Sie meine vielen Vertipper. Die liegen erstens daran, daß meine rechte Hand verbrannt ist. Zweitens weiß ich nicht, woran.

 

Eine Bitte hätte ich: Verbessern Sie mich nicht. Die Interpunktion ist der Atem des Satzes, und meine Sätze atmen so. Und falls Sie mich komisch finden sollten, üben Sie trotzdem Respekt. Sogar ich selbst habe lernen müssen, mich zu respektieren.

 

 

Im Leichtsinn der Fußnoten schlägt es sich nieder

Ein Satz oder ein Nichts. Ein verfrühtes Verbrechen.

Seine Familie, las ich, hat ihn schließlich nicht mehr allein gelassen, aus Angst, er nimmt sich das Leben. Welches Recht haben wir und mit welchem Recht behaupten wir uns.

Als sie das Fenster öffnete, denn man muss das Fenster öffnen, damit die Seele entweichen kann, roch es nach frisch gemähtem Gras. Ein saftig grüner Geruch, den die Sonne bald verwandeln würde. Austrocknen.

03. Mai

Gegenüber wird ein Dach neu gedeckt. Drei Männer sind über den Dachstuhl verteilt damit beschäftigt, die alten Ziegel zu entfernen, sie einander zuzuwerfen und zu entsorgen. Anschließend wird Füllmaterial zwischen die Balken gepackt und das Ganze mit einer grauen Plane zugedeckt.

Ich erinnere mich an einen Bekannten, der Zimmermann gelernt hat und nach seiner Lehre auf Walz ging. Heute hat er ein kleines eigenes Unternehmen. Unterstützt von seiner Mutter.

Ich bin Mutter, ohne jemals ermessen zu können, was das bedeutet. Denn ich bin zu lange schon keine Tochter mehr.

Streichen wir das „denn“. Es gibt keine Begründungen. Schlussfolgerungen. Nichts, was ausschließlich und für immer gilt. Nicht einmal dieser Satz.

Was ist ein Satz. Wie unterscheidet er sich von einer Setzung. Am Wichtigsten aber: wie tritt man hinter das, was man tut zurück?

Indem man wagt, sich zu zeigen, ohne sich auszustellen, oder indem man sich ausstellt, ohne sich zu zeigen?