Auch Rückblicke verändern sich

Als wir letztes Jahr mit den Jungs Sylvester feierten, wussten wir noch nicht, dass es das vorerst letzte Mal sein sollte, in dem wir gemeinsam das neue Jahr begrüßen.

Das war dieses Jahr auch; ein Jahr der Ablösung. Aber auch ein Jahr der Neuanfänge. Seit dem Spätherbst sind da neue Symptome, die meine Beweglichkeit einschränken. Aber fast gleichzeitig tauchen Methoden und Ideen auf, die helfen könnten, und da ich schon einmal ein Wunder erlebt habe, ist es nicht schwer, die Hoffnung nicht zu verlieren.

Im Ehrenamt neue Supervisionsgruppen, neue Menschen, neue Herausforderungen. Mitglied eines Kollektivs geworden, das sehr ernsthaft versucht, eine gute und umfassende Kulturberichterstattung für unsere Stadt auf die Beine zu stellen. Am Ende des Jahres die absolut schönste Überraschung und Ermutigung. Davon mehr im neuen Jahr.

Die schöne Abschlussveranstaltung der Akademie für Lyrikkritik, und die Möglichkeit auch dieses Jahr an den neuen Workshops teilzuhaben, durch die Pecha Kuchas, und durch einen Kollegen, der im dritten Workshop live dabei ist.  

Mit anderen Frauen schöne Lesungen geplant und ausgeführt. Gutes Publikum, gute Gespräche, gute neue Arbeitsbeziehungen.

Viele Reisen in diesem Jahr, immer ans Meer, zweimal allein mit M., einmal gemeinsam mit den Kindern.

Es passiert so viel. So viel Veränderung, und alles könnte viel leichter sein, wenn ich mich weniger wehren würde. Aber ich glaube, dieses Jahr hat mir sehr viel beigebracht. Auf jeden Fall, die Freude und Neugier auf das neue Jahr!

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Ich verschleudere die Machenschaften der Vernunft, fresse Gedichte, ohne sie zu verdauen. Bin überhaupt gut darin, an alles Schlechte in mir zu glauben und dem nichts als ein Nicken entgegen zu setzen. Gut darin, aufzugeben. Zu übersehen, was ich erreicht habe.

Es geht nichts vorwärts bei mir, das ist der Grund warum ich ständig zurückblicke.

Erinnerung

 

Erinnerung, mein nicht selbst gewähltes Thema. Ich wollte ja etwas über Heimat herausfinden. Was Heimat ist, wo dieser Ort liegt und wie unterschiedlich er sich anfühlen kann.

Die Hinweise, dass erinnern und Heimat nicht unbedingt zwei wirklich getrennte Dinge sein müssen, gab es schon früh. Schon bei der Lektüre von Valeria Luisellis Essays. Dieser Satz, dass es vielleicht nur zwei Orte gibt, an denen der Mensch wirklich zu Hause ist: Kindheit und Grab. Und dazwischen die Erinnerung. Die Vorstellung und die Erinnerung. Das Anglichen und Abgleichen. Rückschau.

Es gibt sehr eindringliche Geschichten über die Gefahr des Zurückblickens, Orpheus verliert Eurydike durch den Blick zurück, Lots Frau erstarrt zur Salzsäule. Die Geschichten leuchten mir ein. Ich begreife, dass sie etwas Weiterreichendes ausdrücken, dass sie etwas mit mir zu tun haben.

Was in diesen Geschichten fehlt, ist der Hinweis darauf, wie man es verhindert, wie man es schafft, diesem Impuls zu widerstehen, sich allen Warnungen zum Trotz umzudrehen, zurück zu blicken.

 

2013 – Ein Rückblick

Januar

Im neuen Jahr mit einem uralten ICE und Kater von Berlin zurück in die Provinz gefahren.

Nach gut einer Woche kommen Kälte und Sonne zurück.

Ende Januar liegt zentimeterhoch Schnee. Ich feiere eine Geburt, die auf einmal schon zehn Jahre zurückliegt.

Außerdem: die Beschäftigung mit Marina Abramovic, der Großmutter der Performance und den eigenen Großmüttern.

Februar

Weiter in alten Fotos gewühlt. Viele Gesichter unbekannt und niemand mehr, der sie benennen könnte.

István Kemény entdeckt.

März

Der Winter hält sich hartnäckig. Wieder nicht zur Messe nach Leipzig gefahren. Dafür ganz unerwartet den Literaturpreis der Isla Volante gewonnen. Noch einen Gedichtband von István Kemény ausfindig gemacht. Den wunderbaren Roman von Olga Martynova gelesen.

April

Verpasste Chancen. Krankheit. Mißverständnisse.

Aber auch das Gedicht von Dorothea Grünzweig. Vom Finden und Verlieren.

Mai

Wenige schöne Tage, große Kälte weit über die Eisheiligen hinaus. Ein Kindergeburtstag. Valeria Luiselli .

 

Juni

Immer noch kein Sommer. Ende Juni die Versuchung, die Heizung anzustellen. Ein Seminar, zwei Gallenkolliken. Christine Lavant mit ihrer zeitlosen Prosa.

Juli

Die Narben wachsen. Am Körper und in der Seele.

Claire Keegan als Schwester Christine Lavants entdeckt.

August

Zunächst keinen bezahlbaren Urlaub gefunden. Dann einfach drauf losgefahren. Drei Tage Hamburg, dann weiter nach Husum, Abschlusstag auf Amrum.

María Luisa Blancos Gespräche mit António Lobo Antunes gelesen und Hiob von Joseph Roth entdeckt.

Aber auch vom Tod Wolfgang Herrndorfs gelesen.

September

Die neue Schule. Die Wiederentdeckung der Duras.

Oktober

Ein goldener langer warmer Monat. Noch einmal Luft holen, Licht tanken vor dem Winter. Abschiede, Änderungen und Sofronievas wunderbarer Gedichtband.

Ein kleiner Pflaumenbaum wächst jetzt in unserem Garten heran. 

November

Nebelwände, die sich mit anmutiger Grausamkeit durch die Landschaft bewegen.

Und dann ist Peter Kurzeck tot.

Dezember

Kurz danach stirbt auch Peter Urban. Wie fast immer zum Ende des Jahres Überdruss. Gepaart mit der Vorfreude auf ein Neues Jahr. Völlig irrational, aber nicht weniger wirkmächtig. Geschichten von Fremdheit, Sehnsucht, Einsamkeit und der heilenden Kraft der Poesie bei Francisca Ricinski: Als käme noch jemand.